Zürich
Paula O.: Vom «wahren Zirkus» zum beschämten Schweigen
Von Felix Schindler. Aktualisiert am 17.12.2009 9 Kommentare
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Als die 27-jährige Juristin vor zehn Monaten behauptete, von Neonazis gefoltert worden zu sein, löste dies einen regelrechten Sturm der Entrüstung aus. Vor allem der Umstand, dass man ihr SVP-Male in den Körper geritzt haben soll, löste nicht nur in den Medien, sondern auch in der Politik ein enormes Interesse aus.
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sprach von einen «inakzeptablen Gewaltakt gegen eine brasilianische Staatsbürgerin im Ausland», der erste Schweizer Botschafter in Braslien wurde ins Aussenministerium zitiert, laut der Zeitung «O Globo» wollte Brasilien den Fall sogar vor das Uno-Hochkommissariat für Menschenrechte bringen. Die Brasilianer habe einen «wahren politischen Zirkus» veranstaltet, schreibt die brasilianische Estado de Sao Paulo.
«Nie wieder einschlägig geäussert»
Jetzt ist Paula O. als Lügnerin verurteilt, schuldig der Irreführung der Rechtspflege – und die Politik schweigt. «Jetzt lautet der Befehl, totales Stillschweigen über den Fall zu wahren», fährt die «O Estado de Sao Paulo» fort. «In der Tat hat sich die Regierung nach dem vorübergehenden Geständnis nie wieder einschlägig geäussert», schreibt die «NZZ» heute.
Der Tag, an dem die Stimmung kippte, war der 13. Februar. Damals stürmten rund 80 Journalisten zur Stadtpolizei Zürich an eine Medienkonferenz. Der Saal platzte aus allen Nähten. «Es war medial einer der extremsten Fälle, die ich erlebt habe», sagt Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei.
«Die Vorwürfe gegen die Zürcher Polizei waren heftig», sagte der Sprecher des Polizeidepartements Reto Casanova heute rückblickend. Die Kritik an der Stadtpolizei losgetreten hatte Paulas Vater, nach dem er die Polizei in einem Interview mit der grössten Brailianischen Zeitung als «stalinistisch» bezeichnete und ihr Untätigkeit vorwarf.
Maurer und Hotzenköcherle mussten antraben
«Es gab spontane Reaktionen von höchster Ebene Brasiliens, aber auch die Schweizer Medien hielten sich mit Kritik nicht zurück.» Also wurde die Medienkonferenz zur Chefsache erklärt: Die Vorsteherin des Polizeidepartementes Esther Maurer und der Kommandant der Stadtpolizei Philipp Hotzenköcherle stellten sich den Fragen der Journalisten.
Erst stand die Polizei in der Kritik, dann Zürich, wenige Stunden später die ganze Schweiz. Als in der Nacht auch Lula da Silva begann, massiven Druck auf die Schweiz auszuüben, mussten wir die Referenten der Medienkonferenz neu auswählen», sagt Cortesi heute. «Eigentlich war vorgesehen, dass ich und der Gerichtsmediziner Walter Bär an der Medienkonferenz reden.»
«Danach verlor die brasilianische Presse das Interesse»
Fassungslosigkeit herrschte unter den brasilianischen Medienschaffenden, als klar wurde, dass Paula O. vor dem angeblichen Überfall nicht schwanger gewesen war und sich die Verletzungen selber zufügte. «Der Schlüssel war, dass ich einen Mediziner finden konnte, der über den Fall spricht. Ohne den Auftritt Walter Bärs hätte ich die Journalisten nicht davon überzeugen können, dass Paula O.s Geschichte mit vielen Fragenzeigen behaftet ist», sagt Cortesi rückblickend.
Sechs Tage später hat Paula O. gestanden, alles erfunden zu haben. «Danach verlor die brasilianische Presse das Interesse sehr rasch», sagt der Journalist Ricardo Noblat, der den Fall publik gemacht hatte. Das blieb bis heute so: Gestern war nur ein einziger brasilianischer Fernsehsender an der Gerichtsverhandlung. Dass Paula O. ihr Geständnis gestern widerrufen hat, brachte den Fall auch nicht in die brasilianischen Schlagzeilen zurück. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.12.2009, 11:59 Uhr
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9 Kommentare
Hier etwas anderes als Totschweigen zu erwarten, ist vermutlich vermessen. Erst gross rumposaunen und vorverurteilen und dann hoffen, dass sich niemand mehr daran erinnert. So etwas wie "Grösse" darf man wohl weder von Präsident Lula, noch von der Familie erwarten. Beschämend, besonders für einen Staatsmann, der sich offenbar lieber mit unqualifizierten Rundumschlägen profiliert. Antworten
Wie wäre es, wenn sich diese Frau samt dem Staate Brasilien entschuldigen würde, und zwar auch in der Presse von Brasilien. Da wird eine Partei in der Schweiz konstant schlecht gemacht, und von den Linken und Heuchlern höre ich auch nichts. Nein diese werden sich noch für die Dame einsetzen, dass Sie in der Schweiz bleiben darf. Nur noch traurig dieses Theater, ab nach Brasilien mit der Lügnerin. Antworten
Diese Frau kommt viel zu gut weg. Eine Juristin die so skurpellos die Situation aussnutzt muss ausgewiesen werden. Immer noch warten wir auf die Entschuldigung von Präsident Lula und der agressiven Presse aus Brasilien. Unglaublich was sich die Schweiz alles gefallen lässt - und dann dieses lasche Strafmass! Antworten
wunderbar. entschuldigt sich lula da silva nun bei der schweiz inkl der gesamten brasilianischen presse oder muss man hier wieder einmal grosszügig hinweg sehen? unglaublich wie voreilig gewisse menschen urteilen. es würde von grösse und serösität der brasilianischen medien zeugen, wenn sie nun auch über den ausgang der geschichte berichten würden. aber das passt wohl nicht zum nationalstolz... Antworten
Wenn leere Flaschen volle Flaschen kritisieren weil sie der Ansicht sind, dass die vollen die leeren nicht für voll nehmen, später jedoch zur Einsicht kommen, dass leer eben leer bleibt und voll wirklich voll ist, dann ist ausgeübte Kritik von leeren Flaschen nur noch peinlich. Antworten
sie schreiben: "Dass Paula O. ihr Geständnis gestern widerrufen hat, brachte den Fall auch nicht in die brasilianischen Schlagzeilen zurück." das sieht die nzz etwas anders: "Die Verurteilung von Paula O. war Brasiliens TV- und Radio-Stationen sowie den Online-Diensten der Tageszeitungen fast durchwegs eine Meldung an prominenter Stelle wert." Antworten
Um Himmelswillen, lasst diese Person ausreisen. wenn sie freiwilligig nicht geht, dann mit sanfter Gewalt. Sollen sich die brasilianischen Behörden bzw. Medien damit befassen. Damit haben sie ja bereits Übung. Die ausgesprochenen Bussen können wir sowieso als Verlust abbuchen. Antworten



Peter Möckli
Mir war bei dieser Geschichte von Anfang an klar, dass das Ganze nicht stimmen konnte. Das war so offensichtlich, dass ich über die Reaktionen in Brasilien nur den Kopf schütteln konnte. Falls es mit Absicht geschat, ist die Strafe gerecht. Falls nicht, gehört sie in psychiatrische Behandlung. So oder so wäre sie als Juristin ungeeignet. Antworten