Paula O.: Vom «wahren Zirkus» zum beschämten Schweigen
Von Felix Schindler. Aktualisiert am 17.12.2009 9 Kommentare
Artikel zum Thema
- Zum Fall Paula O.: «Sie handeln aus einer Not heraus»
- Schuldig: 10'800 Franken Strafe für Paula O.
- «Paula O. leidet an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung»
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Als die 27-jährige Juristin vor zehn Monaten behauptete, von Neonazis gefoltert worden zu sein, löste dies einen regelrechten Sturm der Entrüstung aus. Vor allem der Umstand, dass man ihr SVP-Male in den Körper geritzt haben soll, löste nicht nur in den Medien, sondern auch in der Politik ein enormes Interesse aus.
Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva sprach von einen «inakzeptablen Gewaltakt gegen eine brasilianische Staatsbürgerin im Ausland», der erste Schweizer Botschafter in Braslien wurde ins Aussenministerium zitiert, laut der Zeitung «O Globo» wollte Brasilien den Fall sogar vor das Uno-Hochkommissariat für Menschenrechte bringen. Die Brasilianer habe einen «wahren politischen Zirkus» veranstaltet, schreibt die brasilianische Estado de Sao Paulo.
«Nie wieder einschlägig geäussert»
Jetzt ist Paula O. als Lügnerin verurteilt, schuldig der Irreführung der Rechtspflege – und die Politik schweigt. «Jetzt lautet der Befehl, totales Stillschweigen über den Fall zu wahren», fährt die «O Estado de Sao Paulo» fort. «In der Tat hat sich die Regierung nach dem vorübergehenden Geständnis nie wieder einschlägig geäussert», schreibt die «NZZ» heute.
Der Tag, an dem die Stimmung kippte, war der 13. Februar. Damals stürmten rund 80 Journalisten zur Stadtpolizei Zürich an eine Medienkonferenz. Der Saal platzte aus allen Nähten. «Es war medial einer der extremsten Fälle, die ich erlebt habe», sagt Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei.
«Die Vorwürfe gegen die Zürcher Polizei waren heftig», sagte der Sprecher des Polizeidepartements Reto Casanova heute rückblickend. Die Kritik an der Stadtpolizei losgetreten hatte Paulas Vater, nach dem er die Polizei in einem Interview mit der grössten Brailianischen Zeitung als «stalinistisch» bezeichnete und ihr Untätigkeit vorwarf.
Maurer und Hotzenköcherle mussten antraben
«Es gab spontane Reaktionen von höchster Ebene Brasiliens, aber auch die Schweizer Medien hielten sich mit Kritik nicht zurück.» Also wurde die Medienkonferenz zur Chefsache erklärt: Die Vorsteherin des Polizeidepartementes Esther Maurer und der Kommandant der Stadtpolizei Philipp Hotzenköcherle stellten sich den Fragen der Journalisten.
Erst stand die Polizei in der Kritik, dann Zürich, wenige Stunden später die ganze Schweiz. Als in der Nacht auch Lula da Silva begann, massiven Druck auf die Schweiz auszuüben, mussten wir die Referenten der Medienkonferenz neu auswählen», sagt Cortesi heute. «Eigentlich war vorgesehen, dass ich und der Gerichtsmediziner Walter Bär an der Medienkonferenz reden.»
«Danach verlor die brasilianische Presse das Interesse»
Fassungslosigkeit herrschte unter den brasilianischen Medienschaffenden, als klar wurde, dass Paula O. vor dem angeblichen Überfall nicht schwanger gewesen war und sich die Verletzungen selber zufügte. «Der Schlüssel war, dass ich einen Mediziner finden konnte, der über den Fall spricht. Ohne den Auftritt Walter Bärs hätte ich die Journalisten nicht davon überzeugen können, dass Paula O.s Geschichte mit vielen Fragenzeigen behaftet ist», sagt Cortesi rückblickend.
Sechs Tage später hat Paula O. gestanden, alles erfunden zu haben. «Danach verlor die brasilianische Presse das Interesse sehr rasch», sagt der Journalist Ricardo Noblat, der den Fall publik gemacht hatte. Das blieb bis heute so: Gestern war nur ein einziger brasilianischer Fernsehsender an der Gerichtsverhandlung. Dass Paula O. ihr Geständnis gestern widerrufen hat, brachte den Fall auch nicht in die brasilianischen Schlagzeilen zurück. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.12.2009, 11:59 Uhr
Kommentar schreiben
9 Kommentare
Um Himmelswillen, lasst diese Person ausreisen. wenn sie freiwilligig nicht geht, dann mit sanfter Gewalt. Sollen sich die brasilianischen Behörden bzw. Medien damit befassen. Damit haben sie ja bereits Übung. Die ausgesprochenen Bussen können wir sowieso als Verlust abbuchen. Antworten
sie schreiben: "Dass Paula O. ihr Geständnis gestern widerrufen hat, brachte den Fall auch nicht in die brasilianischen Schlagzeilen zurück." das sieht die nzz etwas anders: "Die Verurteilung von Paula O. war Brasiliens TV- und Radio-Stationen sowie den Online-Diensten der Tageszeitungen fast durchwegs eine Meldung an prominenter Stelle wert." Antworten


































