Pflegeexpertin ersetzt Hausarzt

Um dem Hausärztemangel zu begegnen, sollen in Zukunft speziell ausgebildete Pflegefachleute ärztliche Aufgaben übernehmen können. In Winterthur wird das getestet.

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Christine Wyss ist der Zeit voraus und in der Schweiz eine Ausnahmeerscheinung. Die 34-jährige Pflegefachfrau mit Masterabschluss arbeitet seit vier Jahren in einer Gemeinschaftspraxis und übernimmt ärztliche Aufgaben. Sie hat eine eigene Sprechstunde, in der sie chronisch Kranke betreut. Zudem macht sie viele Hausbesuche, zum Beispiel wenn es einer Patientin plötzlich schlechter geht. Oder wenn es abzuklären gilt, ob ein Patient an Demenz leidet. Sie arbeitet eng mit der Spitex zusammen, hat aber mehr Kompetenzen als eine Spitex-Pflegerin: «Ich darf zum Beispiel die Dosis eines Schmerzmittels verändern oder einen Blutverdünner verordnen.»

Wyss betreut auch die Bewohnerinnen und Bewohner eines Alterspflegeheims und geht dort dienstags auf Visite. Hustet jemand stark, hört sie den Patienten ab, entscheidet, ob ein schleimlösendes Medikament reicht oder stärkere Mittel nötig sind. Sie nimmt Blut und lässt die Werte in der Praxis bestimmen. Dann bespricht sie den Therapieplan mit dem Arzt; dieser entscheidet über den Einsatz von Antibiotika.

Die Pflegeexpertin Wyss arbeitet nicht in einer herkömmlichen Praxis, sondern im Medizentrum Schüpfen im Berner Seeland, zusammen mit sechs Hausärzten und weiteren Gesundheitsfachleuten. Wyss hat beim Aufbau des innovativen Praxismodells mitgeholfen. «Das Ganze läuft auf einer grossen Vertrauensbasis», sagt sie. Denn die Rolle der Pflegeexpertin mit ärztlichen Aufgaben ist gesetzlich noch nicht definiert. «Die Ärzte tragen die Verantwortung. Nach und nach konnte ich immer mehr Aufgaben übernehmen. Es ist eine spannende Arbeit für eine Pflegefachfrau.»

«Niemand will zahlen»

Was im Berner Seeland aufgrund einer Einzelinitiative entstanden ist und funktioniert, soll jetzt in Winterthur auf eine grundsätzliche Ebene gebracht werden. Das Ärztenetzwerk Wintimed und die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) starten demnächst einen Pilotversuch: Eine Pflegeexpertin wird in zwei oder drei Hausarztpraxen arbeiten, und die Fachhochschule wertet die Erfahrungen aus.

«Die vermehrte Zusammenarbeit von Ärzten und Pflegenden wird seit vielen Jahren diskutiert, da sich der Hausärztemangel zuspitzt. Doch niemand macht etwas, und niemand will es zahlen», ärgert sich Wintimed-Arzt Urs Aemissegger, der sich für das Projekt eingesetzt hat. Es sei äusserst mühsam gewesen, das nötige Geld aufzutreiben. Unter anderem der Bund und der Kanton Zürich haben etwas beigesteuert. Leider reicht es nicht, um mehrere Pflegeexpertinnen anzustellen. Aber besser nur eine als gar keine, meint Aemissegger: «Es ist ein zaghafter Anfang, aber immerhin.»

Eine frühere ZHAW-Studie hatte gezeigt, dass Hausbesuche von Pflegefachleuten einen präventiven Effekt haben: Es gibt weniger Stürze und weniger Spitaleinweisungen. Laut Aemissegger haben Hausärzte wenig Zeit für Besuche und kennen das persönliche Umfeld ihrer Patientinnen und Patienten häufig zu wenig. «Es ist sinnvoll, wenn jemand zu den alten Menschen heimgeht und schaut, was verbessert werden kann. Das unterstützt die Hausärzte sehr.»

«Schwierige Situationen»

In den Hausbesuchen sehen die Wintimed-Ärzte das wichtigste Aufgabengebiet von Pflegeexpertinnen, wie eine Umfrage zeigt. Hilfreich wäre auch der Einsatz bei Spitaleintritten und -austritten. «Es sind zum Teil schwierige Situationen, wenn jemand am Freitag nach Hause geschickt wird», sagt Aemiss­egger. «Das Spital verwendet andere Medikamente, als die alten Menschen daheim haben. Das stiftet Verwirrung und kann zu Fehleinnahmen führen.»

Die Winterthurer Studie soll aufzeigen, welche Aufgaben eine Pflegeexpertin sinnvollerweise selbstverantwortlich übernimmt. Es geht darum, ihr Arbeitsgebiet abzustecken und die Zusammenarbeit mit dem Arzt optimal zu organisieren. Die zweite grosse Frage, die es zu klären gilt, ist die nach der Finanzierung. Es gibt im Schweizer Gesundheitswesen noch keinen Tarif, mit dem die Leistungen der selbstständigen Pflegeexpertinnen abgerechnet werden könnten. Und wenn sie in einer Praxis angestellt sind und im Auftrag des Hausarztes handeln, darf dieser nicht einfach den Arzttarif verrechnen.

Die Gemeinschaftspraxis im Berner Schüpfen macht eine Mischrechnung: Den Lohnkosten der Pflegeexpertin steht eine Entlastung der Ärzte gegenüber. Diese können dadurch mehr Patientinnen und Patienten sehen, und ihre Arbeit wird spannender, weil sie die komplexeren Fälle behandeln.

Holland macht es vor

Die Allgemeinmedizinerin Esther Wiesendanger kennt das Modell aus Holland, wo die selbstständigen Pflegeexpertinnen seit vielen Jahren ein fester Bestandteil des Gesundheitssystems sind. Wiesendanger hat mehrere Jahre dort gearbeitet und schätzte den Austausch mit den Pflegefachfrauen. Den Konkurrenzängsten, die viele Schweizer Ärzte haben, tritt sie entschieden entgegen: «Die Pflegeexpertin ist keine Konkurrenz für den Arzt, sondern eine Aufwertung seiner Tätigkeit, denn er ist gesamtverantwortlich.» Wiesendanger arbeitet heute in der Permanence am Bahnhof Winterthur. Sie würde gern so jemanden anstellen, sagt sie. «Allerdings müsste sich die Person selber finanzieren.» Übers Ganze gesehen würde der Einsatz von Pflegeexpertinnen in der Grundversorgung keine Mehrkosten bringen, ist Wiesendanger überzeugt, sondern eher kostendämmend wirken. «Und das ohne Qualitätseinbusse.»

Es zeichnet sich ab: Die Knacknuss in dieser Sache ist die Verrechnung der Leistungen, weniger die Aufgabenverschiebung. «Ich wehre mich nicht dagegen, dass andere mehr Kompetenzen erhalten», sagt der Präsident der Zürcher Ärztegesellschaft, Hausarzt Josef Widler, und fügt bei: «Wer die Kompetenz hat, hat aber auch die Verantwortung.» Dies müsse klar geregelt sein.

Neue Karrierechancen

Was für Widler problematisch ist: «Es wird ein Mangelberuf mit einem Mangelberuf ersetzt.» Nicht nur Ärzte fehlen zunehmend und müssen im Ausland geholt werden. Auch in der Pflege kann der Bedarf an Arbeitskräften nur durch Zuwanderung gedeckt werden. Andere Gesundheitsfachleute sehen in dem neuen Berufsprofil hingegen eine Chance. Es eröffne neue Karrieremöglichkeiten und werte den Pflegeberuf dadurch auf, mache ihn attraktiver für die jungen Leute.

In der Schweiz gibt es heute schon «einige Hundert Pflegeexpertinnen» mit der entsprechenden Ausbildung, die meisten würden in Spitälern arbeiten, sagt Romy Mahrer. Sie ist Pflegewissenschaftlerin im Departement Gesundheit der ZHAW und leitet das Pilotprojekt mit Wintimed. Neben Winterthur bieten auch die Fachhochschulen in Bern und St. Gallen den Master in Pflege an. In diesem Studiengang lernen die Pflegefachleute das wissenschaftliche wie das klinische Arbeiten.

Mahrer ist überzeugt, dass Pflegeexpertinnen auch im ambulanten Bereich eine wichtige Funktion übernehmen können. So wie sie es in Holland, England, Skandinavien und in den USA tun. Dort, im ländlichen Gebiet des Mittleren Westen, sei das Modell in den Sechzigerjahren entstanden, sagt Mahrer. Je nach Bundesstaat dürften die sogenannten Nurse Practitioners in den USA nur im Tandem mit einem Arzt oder aber völlig selbstständig arbeiten. Mahrer hat das System am eigenen Leib getestet. Sie studierte vor 15 Jahren in den USA und wurde dort von einer Nurse Practitioner hausärztlich versorgt. Sie war äusserst zufrieden, alle Behandlungen der Pflegeexpertin waren erfolgreich. Und noch etwas hat Mahrer nachhaltig geprägt: «Sie half mir, mit Rauchen aufzuhören.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.02.2016, 22:55 Uhr)

Dank der Arztassistentin kann die Chirurgin mehr operieren

Es war die Idee von Stefan Breitenstein, dem Direktor des Departementes Chirurgie am Kantonsspital Winterthur (KSW): Erfahrene, speziell ausgebildete Pflegefachleute können auf den chirurgischen Bettenstationen einige ärztliche Aufgaben übernehmen. Die Chirurgen haben nämlich ein Problem. Um den Facharzttitel zu bekommen, müssen die Assistenzärzte eine bestimmte Anzahl Operationen durchgeführt haben. Früher, als es noch keine Arbeitszeitbeschränkung gab, erreichten sie die nötigen Zahlen innert weniger Jahre. Heute, mit der 50-Stunden-Woche, ist es für sie schwieriger. Umso mehr weil es auch mehr Ärztinnen gibt und dadurch die Teilzeitarbeit zugenommen hat und die Bürokratie im Gesundheitswesen viel Zeit in Anspruch nimmt. Dank der Entlastung durch Pflegefachpersonen auf der Station haben die Assistenzärzte deshalb mehr Zeit für Operationen.

Das Ganze läuft im Rahmen eines dreijährigen Projektes. Start war 2014, aktuell sind acht sogenannte Clinical Nurses im Einsatz. Sie sind ins jeweilige Ärzteteam integriert und arbeiten im Tandem mit einem Assistenzarzt oder einer Assistenzärztin, die sie unterstützen und auch beaufsichtigen. Diese Pflegeexpertinnen dürfen stabile Patienten medizinisch betreuen, sie führen die Visiten durch, regeln die Aufnahme und Entlassung von Patienten, organisieren Untersuchungen und Therapien und dokumentieren die Behandlungen.

Laut Breitenstein ist das KSW landesweit das erste öffentliche Spital, das Pflegefachkräfte so einsetzt. In den USA gibt es die Funktion seit langem, sie heisst dort Physician Assistant – Arztassistent. Auch in verschiedenen europäischen Ländern ist sie seit circa zehn Jahren ein etablierter medizinischer Fachberuf, so Breitenstein. Er hofft jetzt auf Nachahmer in der Schweiz und ist bereits mit der Winterthurer Fachhochschule ZHAW im Gespräch, um einen entsprechenden Lehrgang zu entwickeln. «In unserem Gesundheitswesen fehlen nicht nur Ärzte, sondern generell Fachleute», sagt Breitenstein. Wichtig ist ihm deshalb, den Zugang offen zu halten: «Physician Assistants könnten aus allen möglichen Berufen kommen, zum Beispiel aus der Pflege, Physiotherapie oder auch aus der Praxisassistenz.» Die erste Herztransplantation in Südafrika habe ja auch nicht der Chirurg, sondern der Pfleger durchgeführt, fügt er augenzwinkernd an. (Susanne Anderegg)

(Tages-Anzeiger)

Die Lösung

Pflegeexpertin mit ärztlichen Aufgaben.

Pflege

Aufwertung eines Berufs

Auch auf Bundesebene laufen Bestrebungen, den Pflegeberuf aufzuwerten. Dabei geht es nicht darum, dass Pflegeexpertinnen ärztliche Aufgaben übernehmen, sondern dass sie Pflegebehandlungen ohne ärztliche Anordnung durchführen und über die Krankenkassen abrechnen dürfen. Die nationalrätliche Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit hat eine entsprechende Gesetzesänderung kürzlich gutgeheissen. Die neue Regel soll für Heime, Spitex-Organisationen und selbstständige Pflegefachleute gelten. Weil die Kommission befürchtet, das könnte zu mehr Kosten führen, schlägt sie eine Einschränkung vor: Pflegende sollen nur direkt mit der Krankenkasse abrechnen dürfen, wenn diese mit ihnen einen Zulassungsvertrag abgeschlossen hat. Die generelle Zulassung, welche Ärzte für sich verteidigen, soll für die Pflege nicht gelten. (an)

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