Pflegen für einen Hungerlohn

In der Stadt Zürich arbeiten Hunderte Frauen als private Pflegerinnen betagter und demenzkranker Menschen. Obwohl sie für die permanente Betreuung sogar bei den Patienten wohnen, verdienen sie oft miserabel.

Fragwürdige Konkurrenz aus der Privatwirtschaft: Spitex-Pflegerin mit einem Senior.

Fragwürdige Konkurrenz aus der Privatwirtschaft: Spitex-Pflegerin mit einem Senior. Bild: Keystone

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Die Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung schlägt Alarm. Bei der Betreuung von alten Menschen in ihrem eigenen Zuhause herrschen offenbar massive Missstände. Das belegt eine Studie, welche die Fachstelle in Auftrag gegeben haben. Demnach gibt es unzählige Pflegerinnen, welche für einen Nettolohn von gut 1500 Franken im Monat arbeiten.

Die meisten der Betroffenen sind sogenannte Pendelmigrantinnen. Das heisst, die Frauen reisen aus dem Ausland an und wohnen im Haushalt der Kunden. Nach getaner Arbeit reisen sie zurück. Während ihrem Engagement werden sie oft nur für sieben oder acht Stunden pro Tag entschädigt. Effektiv sind sie aber rund um die Uhr im Einsatz, da sie für die Pflege auch in der Nacht oder bei einem Notfall jederzeit arbeiten müssen.

Risiko für Patienten

Weit über tausend Pflegerinnen sind bei rund 30 profitorientierten Anbietern solcher Dienstleistungen angestellt. Nur ein Teil der Firmen stellen ihre Mitarbeiterinnen zu Löhnen an, die weit unter dem gesetzlichen Mindest-Bruttolohn von 18.20 Franken liegen. Wie viele und welche Unternehmen die Vorgaben unterbieten und wie viele Pflegerinnen betroffen sind, sagt die Studie nicht.

Die Stadt betont, dass sich die Pflege zu Hause zu einem neuen Wirtschaftszweig entwickelt hat. «Die Arbeitsbedingungen im Arbeitsmarkt Privathaushalt sind schlecht und bilden einen Risikofaktor für die betreute Person», schreibt die Stadt in einer Mitteilung. Die Bedingungen sind vor allem für Haushaltshilfen, die im Ausland rekrutiert werden, oft prekär.

Da die Rechtslage lückenhaft ist und die Nachfrage nicht so gross ist wie das Angebot an ausländischen Frauen, die in Schweizer Privathaushalten arbeiten wollen, können die Agenturen laut der Stadt die Anstellungsbedingungen «beliebig diktieren». Während einige der Agenturen diesen Sachverhalt ausnützen, wünschen sich andere, «dass der Staat regulierend eingreift», wie Studienleiterin Jasmine Truong vom Geographischen Institut der Universität Zürich am Dienstag gegenüber den Medien sagte.

Privathaushalte sind mitverantwortlich

Ungeregelte Arbeitszeiten, fehlende Ruhezeiten und ständiger Bereitschaftsdienst führen zu Überbelastung und Überforderung der Haushaltshilfe. Darunter leide die Versorgungsqualität und somit auch die Sicherheit der betreuten Person.

Wer eine Haushaltshilfe ohne Pause rund um die Uhr einsetzt oder sich eine Haushaltshilfe von einer Agentur ohne Bewilligung vermitteln lässt, kann gerichtlich belangt werden. Es sei daher auch im Interesse der betreuten Person, dass die Arbeitsbedingungen für die Haushaltshilfe fair sind und klar geregelt werden. Allerdings kritisieren befragte Unternehmen gerade diesen Punkt. So fehlt offenbar ein klarer rechtlicher Rahmen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 05.06.2012, 11:44 Uhr)

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