Pisa-Experte kritisiert Sek C

Von Liliane Minor. Aktualisiert am 15.12.2011 9 Kommentare

Der Bildungsforscher Urs Moser sieht keine Vorteile in einer Sek-Stufe für schwache Schüler. Er fordert mehr frühe Förderung für benachteiligte Kinder.

Möglichst früh fördern: Schüler in der Stadt Zürich.

Möglichst früh fördern: Schüler in der Stadt Zürich.
Bild: Keystone

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Der Schock war gross, nachdem die Bildungsdirektion letzte Woche die Zürcher Resultate der Pisa-Studie 2009 präsentiert hatte: Die 15-Jährigen im Kanton Zürich gehören zu den schlechtesten Schülerinnen und Schülern der Schweiz. Und das liegt keineswegs nur am hohen Anteil an Fremdsprachigen. Auch bei den Kindern mit deutscher Muttersprache ist der Anteil jener, die nur das unterste Bildungsniveau erreichen und damit als Risikoschüler gelten, in Zürich höher als in allen anderen Kantonen.

Für Bildungsforscher Urs Moser, der die Zürcher Resultate ausgewertet hat, ist allerdings weder der hohe Fremdsprachigen-Anteil noch die grosse Zahl sehr schwacher Schüler das grösste Problem. «Am wichtigsten ist die riesige Streuung in der Schülerschaft.» Wie die Pisa-Studie zeigt, liegen nirgends sonst die Leistungen der besten und schlechtesten Schüler so weit auseinander wie im Kanton Zürich. Gleichzeitig klafft in keinem anderen Kanton eine so grosse Lücke zwischen sozial schwachen und sehr gut situierten Elternhäusern.

Abschaffung der Sek C?

Und noch etwas zeigt die Pisa-Studie klar: Je grösser in einem Kanton die sozialen Unterschiede sind, desto grösser fallen die Unterschiede in den Schulleistungen aus. Schuld ist laut Moser der Schereneffekt, der spätestens dann einsetzt, wenn die Kinder in der Oberstufe nach Leistung getrennt werden: «Gute Schüler werden eher besser, wenn sie allein unterrichtet werden. Schwache Schüler hingegen lernen weniger, wenn sie unter sich sind. Das negative Milieu potenziert sich.»

Der Zürcher Lehrerverband (ZLV) fordert deshalb weniger Abteilungen auf der Sekundarstufe. Schon früh in der Primarschule beginne die Selektion, schreibt der Verband: «An diesem Druck scheitern viele Schülerinnen und Schüler.» Faktisch läuft die Forderung auf eine Abschaffung der Sek C hinaus, was im ZLV aber umstritten ist. Auch Moser steht der Sek C kritisch gegenüber: «Sie kann funktionieren – sei es, weil sie für die Kinder bequem oder weil die Lehrperson sehr engagiert ist. Aber aus wissenschaftlicher Sicht sehe ich keine wirklichen Vorteile.»

Für Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) ist eine Abschaffung der Sek C derzeit kein Thema: «Die Pisa-Tests haben wiederholt gezeigt, dass die Strukturen die Schulleistungen nicht massgeblich beeinflussen.» Ganz vom Tisch ist das Thema aber nicht. In einigen Jahren könne man noch einmal darüber diskutieren: «Dann können die Erfahrungen der Stadt Zürich, die kürzlich auf die zweiteilige Sek umgestellt hat, einbezogen werden.»

Erfolgskontrolle entscheidend

Für Urs Moser ist die Sek C ohnehin nicht das Hauptproblem. Man müsse viel früher ansetzen. «Diese Kinder werden ja nicht erst in der Sek C zu Risikoschülern – wir wissen schon viel früher, wer mit 15 wahrscheinlich dazugehören wird», sagt der Bildungsforscher. «Am besten wäre es, diese Kinder schon im Kindergarten aufzuspüren und sie so lange radikal zu fördern, bis ihre Situation besser wird.» Mit Engagement und Motivation sei sehr viel erreichbar, aber nur, wenn die Kinder intensiv gefördert würden, sagt Moser.

Und noch etwas sei entscheidend: dass der Erfolg der Massnahmen überprüft werde. Gerade daran fehle es, findet Bildungsexperte Moser: «Es gibt zwar unzählige Programme, aber meist weiss niemand, ob sie etwas bringen.» Als Beispiel nennt er die Leseförderung. Wenn man mit den Kindern regelmässig in die Bibliothek gehe, dann müsse man nicht nur kontrollieren, ob sie die Bücher lesen und verstehen, sondern in der Konsequenz auch jene Kinder fördern, bei denen das nicht der Fall sei.

Quims bringt Integration

Bildungsdirektorin Aeppli lässt den Vorwurf Mosers nicht gelten. Das Programm Quims (Qualität in multikulturellen Schulen) etwa sei sehr wohl überprüft worden. Dabei habe sich gezeigt, dass Quims zwar viel für die Integration bringe, aber noch zu wenig für die schulische Leistung. Nun soll das Programm stärker auf Lernerfolge ausgerichtet werden. Zur Leseförderung sagt sie: «Es ist unmöglich, alle Massnahmen auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen – zum Teil aus finanziellen Gründen, zum Teil weil sie nicht messbar sind. Das ist etwa bei den Lesenächten der Fall.»

In der frühen Förderung sehe sie eine grosse Chance, sagt Aeppli – gerade für die Integration sozial benachteiligter Kinder. Die Bildungsdirektion arbeite daran, in diesem Bereich ihr Engagement auszubauen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2011, 07:30 Uhr

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9 Kommentare

Rolf Iseli

15.12.2011, 07:58 Uhr
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Wozu Sek A,B.C gebildet wurde ist mir seit jeher ein Rätsel. Bei der Lehrstellenbewerbung ist ein Sek C Abgänger nach wie vor ein Oberschüler. Spätestens ab der Primarschule sollte man den lernunwilligen (sie sind in der Regel nicht lernschwach) erklären worum es im Leben geht. Solange der BMW geleast und die Marken-Klamotten auf Pump gekauft werden können, fehlt vielen der Anreiz zum Lernen. Antworten


Alfred Koch

15.12.2011, 08:08 Uhr
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Das wahre Problem ist, dass sich sozial schwach integrierte und bildungsferne Familiengefüge einen Dreck um die Errziehung ihrer Brut kümmern. Der Staat und die Lehrer sollens dann richten. Wenn zuhause die Hausaufgaben nicht kontrolliert, das Interesse seitens der Eltern für Schule nicht vorhanden und der TV die "Vorbildfunktion" übernimmt... wie sollen die Kinder (er-)tragbar werden? Antworten



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