Zürich

Playboy, Sohn, Unternehmer und Vielredner

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 06.11.2009

Sex, Geld und Skandale – der Club-Besitzer Carl Hirschmann befindet sich in bester Familientradition.

Eine seiner Schwächen: Frauen. Mit Ex-Freundin Bianca Gubser und deren Mutter Raquel Lehmann.

Bruno Schlatter

Das gute Leben: Eine Nacht im Club Saint Germain.

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Am 1. Mai ging der Millionenerbe Carl Hirschmann zum ersten Mal auf eine Demonstration. Und bekam von der Zürcher Polizei eine Ladung Gummischrot ins Gesicht. Er sei dort gewesen, um «den Puls der Zeit zu spüren», sagte Hirschmann. Und warnte: «Ich vertrete die Meinung, dass unser ‹überliberales› Kapitalismussystem langfristig zum Aufstand der Arbeitskräfte führt. Schlimmstenfalls auch zur Revolution.» Es war eines von vielen Kurzinterviews, die er in diesem Jahr gab. Dem Wirtschaftsmagazin «Bilanz» sagte er: «Der Ort der Entspannung ist in den Armen einer schönen Frau, nach dem Sex.» Im Radio sagte er: «Ich bin seriöser Unternehmer.» Dem «Tages-Anzeiger» sagte er: «Prominenz ist eine Krankheit», dem «Blick» schrieb er zu seiner Affäre mit Miss Schweiz: «Kiss my Bellezzo-Ass!»

Doch in der Nacht, bevor er verhaftet wurde, schrieb er ein SMS an eine «Blick»-Reporterin: «Kannst mich gerne zum Flughafen begleiten.»

Carl Hirschmann begann seine Karriere als Unternehmer und Boulevard-Figur fast zeitgleich: Er beendete sein Privatgymnasium, wurde Partyveranstalter und erzählte, er habe mit Paris Hilton über Monate eine Affäre gehabt. Und fügte hinzu: «Es war damals nicht schwer, sie abzuschleppen. So, wie sie herumlief, hätte das jeder geschafft.»

Das war ein uncharmanter, aber starker Anfang. Nun ist Carl Hirschmanns Ruhm auf dem Höhepunkt: Seit er Dienstag von der Stadtpolizei verhaftet wurde – laut ersten Berichten, weil er ein Partymädchen in seinem Klub zu Sex gezwungen habe.

Die Küche dampft

Seither dampfen die Gerüchte. Dem «Blick» erzählte ein anonymes Model, Carl Hirschmann habe sie auch angefallen, um sie zu Sex zu zwingen. Dem «Tages-Anzeiger» erzählte ein Partyveranstalter die Gegengeschichte. Ein Mädchen hätte sich vor ihrem Freund beklagt, von Carl Hirschmann «fast vergewaltigt worden zu sein» – doch später am Abend, als ihr Freund weg war, sass sie im Saint Germain, mit hochgerutschtem Rock, und wartete auf Hirschmann, der nicht kam.

Jemand anderes erzählt, Hirschmann habe einem Jugendfreund «einen Schlägertrupp auf den Hals gehetzt», ein Geschäftspartner beschreibt ihn als «intelligent, grosszügig», ein anderer sagt: «Wir wollen absolut keine Anfrage beantworten, denn wir denken, alles ist noch viel schlimmer!»

Nur Sex in Deutschland

Im Internet wird an alle alten Affären erinnert: Etwa wie Hirschmann schon mit 21 Jahren zwei Wochen in Untersuchungshaft sass, wegen Sex mit seiner minderjährigen Freundin. Er kam frei, weil beide schworen, sie hätten nur in Deutschland Sex gehabt: Dort gilt ein anderes Schutzalter.

Verblüffenderweise war dies für Hirschmann ein Karriereschritt: Denn die Freundin war die Tochter der Freundin des Jetsetters und Verlegers Jürg Marquard. Dieser brachte Hirschmann ein enormes Beziehungsnetz an reichen und trinkfreudigen Leuten mit: das Kapital für jeden Partyveranstalter.

Damit folgte Carl Hirschmann der Familientradition, die ebenfalls auf der Bekanntschaft von nicht gerade bescheidenen Leuten basierte: Die Familienfirma Jet Aviation vermietete, verkaufte und möblierte Privatjets.

Hass und fliegende Paläste

Fliegende Konferenzräume, fliegende Paläste, steinreiche Kunden – und Hass und Skandale prägten die Familien- und Firmengeschichte.

Der Krieg begann, als der Gründer Carl Hirschmann, ein eisenharter Patriarch, 1983 seinen Erstgeborenen Carl aus der Firma schmiss – und den mittleren Sohn Thomas als Nachfolger einsetzte. Der entlassene Carl (der spätere Vater des jetzt verhafteten Carl Hirschmann) reiste sofort nach Brunei, um dem Vater den 100-Millionen-Auftrag für die Einrichtung eines Jets abzujagen. Der Sultan fand den Streit nicht komisch, kündigte den Auftrag, hielt den ungetreuen Sohn als Geisel, bis Jet Aviation seine im Voraus eingezahlten Gelder zurückzahlte. Den Auftrag bekam Boeing.

Zurück, ging Carls Kampf weiter. Er zeigte Vater und Bruder wegen Steuerhinterziehung an. Diese mussten fast 50 Millionen nachzahlen. Und klagten selber. Und wurden von Carl verklagt.

Eine Gemeinsamkeit: das Geldausgeben

Der Riss ging quer durch die Familie. Doch eine Gemeinsamkeit einte den Clan: das Geldausgeben. «Es gab in der Familie zwei Fraktionen: die eine, die viel Geld ausgab – und die, die flamboyant viel Geld ausgab. Und zwar in dieser Reihenfolge: Ländereien, Flugzeuge, Jachten, Autos, Frauen», so ein Familienkenner.

Am Ende entschied die 79-jährige Mutter den Streit zwischen ihren Söhnen. Denn sie musste unter anderem eine ständig bemannte Jacht und eine Hazienda von der Grösse des halben Kantons Zürich unterhalten. Über Nacht stellte sie sich 2003 auf die Seite von Carl. Dieser wurde neuer Chef und feuerte 20 Jahre nach seinem Rauswurf den Bruder Thomas. Kurz darauf wurde das Unternehmen zu Bargeld gemacht.

«Mein Vorbild ist mein Vater: ein Kämpfer mit Stil, Ruhe, Vernunft und Geduld», sagte Carls Sohn Carl Hirschmann. (Wegen der vielen Carls in der Familie wird er Carli genannt.) Und sprach vom «Leidensweg seiner Kindheit». Und füllte ganze Zeitungsarchive. Mit Botschaften wie «Ich bin naiv, ich bin Romantiker». Mit Partyfotos mit feisten Champagnerflaschen. Mit der Bitte, ihn «nicht zu schubladisieren». Mit Berichten über Schlägereien, mit Vorträgen zum «Unternehmertum» und Affären, Affären, Affären: von Miss Schweiz bis zur Ex-Freundin von Boris Becker.

Der dekadente Sohn

Und nun? Hat Carl III. Hirschmann tatsächlich Mädchen zu Sex gezwungen? Ausgerechnet er, der mit seinem grossen Geld und bösen Ruf genug Auswahl hatte? Dann droht ihm jetzt das Drama, das allen dekadenten Söhnen droht: Der Ruf lässt sich zerstören, das Geld nicht. Was immer sie anstellen – sie bleiben nicht ohne Anhänger. So, wie sie im Guten tun können, was sie wollen, und immer Feinde finden.

Bei Carl Hirschmann, der wie ein Wasserfall Seriöses, Aggressives, Demütiges und Arrogantes von sich gibt, ist nur eines sicher: Er, der als Motto «Mir selber treu sein!» angibt, wird zu diesem Skandal vieles sagen. Aber nie auf den Punkt kommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2009, 11:28 Uhr

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