Rauchverbot in allen Restaurants – oder nirgends

Bei der Initiative der Lungenliga gehen die Meinungen quer durch die Parteien auseinander. Esther Guyer von den Grünen ist dagegen, der Arzt Oskar Denzler aus der FDP dafür.

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Sie haben bei den Rauchverbots-Vorlagen beide gegen Ihre Partei Position bezogen. Wie ist das aufgenommen worden?

Esther Guyer: Bei uns war das schon umstritten. Die Fraktion war für den Gegenvorschlag, die Mitgliederversammlung hat uns dann tüchtig auf die Nase gegeben und war für die Initiative. Ich vertrete eine dritte Position, das doppelte Nein.

Oskar Denzler: Die FDP-Delegierten haben Stimmfreigabe zum Gegenvorschlag beschlossen und die Initiative abgelehnt. In der Stadtpartei Winterthur aber habe ich obsiegt: Dort gabs eine Zweidrittelmehrheit für die Initiative. In solchen Fragen tut sich unsere Partei immer schwer mit dem Abwägen zwischen Prävention und Liberalismus.

Guyer: Darum wundert es mich ja auch, dass Sie als Vertreter einer liberalen Partei für das Rauchverbot sind.

Es ist typisch für diese Debatte, dass die Meinungen quer durch die Parteien gehen. Es geht auch um persönliche Betroffenheit.

Guyer: Ich bin nicht persönlich betroffen, ich bin seit 26 Jahren Nichtraucherin. Es ist für mich eine andere Frage: Können wir miteinander eine Lösung aushandeln, oder muss der Staat regulieren? Gerade der Nichtraucherschutz ist für mich ein Erfolgsprojekt. Früher rauchte man noch in fremden Wohnstuben, in Sitzungen – heute ist das verpönt. Die Wirte haben diesen Trend leider zu lange verschlafen.

Denzler: Die Schädigungen durch Tabak sind belegt, auch durch Passivrauchen. Es hat sich sicher einiges verbessert, aber in kleinen Beizen ist die Situation unbefriedigend. Ich sehe nicht ein, weshalb man nun auf halbem Weg stoppen sollte, nachdem bereits Züge, Flugzeuge und öffentliche Räume rauchfrei sind.

Fluggesellschaften und SBB haben sich freiwillig ein Rauchverbot gegeben. Soll man die Wirte dazu zwingen, Herr Denzler?

Denzler: 70 Prozent der Bevölkerung rauchen nicht. Es ist nicht einzusehen, warum diese sich den anderen 30 Prozent quasi unterwerfen sollten. Mir gehts aber auch um diese 30 Prozent, vor allem um Jugendliche. Wo die Einsicht fehlt, braucht es ein repressives Element. Studien aus den USA, Italien und Irland zeigen, dass etwa 50 Prozent der Jugendlichen mit dem Rauchen aufhören, wenn in öffentlichen Räumen nicht mehr geraucht werden darf. Viele, die gern aufhören würden, brauchen einen gewissen Druck.

Guyer: Darum geht es also? Dass man aufhört zu rauchen?

Denzler: Ja, es geht auch darum. Aber ebenso wichtig ist der Schutz vor dem Passivrauchen. Man sagt zwar, die Leute könnten wählen, aber kann man das wirklich?

Guyer: Ja, das kann man.

Denzler: Nein. Kürzlich war ich in einem Restaurant, das völlig leer war, und kaum hatte ich den Salat erhalten, steckte sich die Kellnerin eine Zigarette an.

Guyer: Sie hätten gehen können.

Denzler: Eben nicht – ich war ja schon am Essen. Das funktioniert nicht. Würde es funktionieren, wäre ich der letzte, der sagen würde, es braucht ein Verbot.

Frau Guyer, muss man die Arbeitnehmer nicht auch gegen das schützen, was sie so genannt freiwillig mitmachen? Guyer: Natürlich. Aber Serviceangestellte sollen selbst wählen können, ob sie in einem Raucherlokal arbeiten wollen oder nicht.

Glauben Sie, die Serviceangestellten könnten wirklich selbst wählen?

Guyer: Ja.

Denzler: Nein, das können sie nicht. Das Arbeitsvermittlungszentrum sagt bei Arbeitslosen schnell einmal, sie müssten jetzt einfach eine Stelle haben.

Guyer: Da wird etwas hochstilisiert, das so nicht stattfindet. Wenn man im Service arbeitet, hat man die Wahl – einige Angestellte rauchen sogar selbst. Aber darum geht es nicht. Dieser Gesellschaft fehlt es an Toleranz; stattdessen erzwingen wir über ein Gesetz Verhaltensänderungen. Es ist heuchlerisch zu erzählen, wie gefährlich das Rauchen ist, und dabei die Debatte um die Luftverschmutzung durch den Autoverkehr auszublenden. Autos werden nicht verboten, obwohl sie gefährlicher sind und mehr Opfer fordern.

Denzler: Gerade beim Rauchen sind die volkswirtschaftlichen Kosten so eindrücklich, dass es am Staat ist zu sagen, hier kann man mit einer einfachen Lösung etwas Gutes machen.

Guyer: Das ist aber eine sehr simple Aussage. Raucher finanzieren die AHV und zahlen ihre Gesundheitskosten selbst. Das sagt das Bundesamt für Gesundheit.

Denzler: Gemäss Statistik überwiegen die Kosten für Behandlung und Invalidität die Beiträge der Tabaksteuer bei weitem.

Es gibt Statistiken, die zeigen, dass die Beizen in Ländern mit Rauchverbot in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Was sagt ein FDP-Politiker dazu?

Denzler: Man sieht aus allen Statistiken, dass es zwar anfangs eine Delle gibt, die sich mittelfristig aber ausgleicht. Das ist auch eine Frage der Qualität: Wenn ein Restaurant eingeht, hat das andere Gründe.

Guyer: Das glaube ich auch. In Italien aber sind die Restaurants leer, und die Leute halten sich draussen in einem Zelt auf. Im Bündnerland gehen alle zum Rauchen raus, wenn die Musik aufhört. Im Winter will man dort Heizpilze hinstellen – energetisch etwas vom Dümmsten.

Denzler: In Italien ist die Zahl der Einweisungen wegen Herzinfarkten seit der Einführung des Rauchverbots gesunken. Hochgerechnet könnte man im Kanton Zürich pro Jahr von 250 Herzinfarkten und 40 Herztoten weniger ausgehen.

Guyer: Das ist doch Angstmacherei. Ein Rauchverbot wird nichts ändern, die Raucherzahlen werden nicht zurückgehen.

Die Tabakindustrie holzt riesige Wälder ab und stösst viel CO2 aus. Zudem verursachen Raucher viel Abfall. Ist das aus grüner Sicht nicht ein Grund für die Initiative?

Guyer: Es gibt viele Gründe, das Rauchen aufzugeben. Der beste ist die eigene Gesundheit. Aber man muss das nicht über Verbote regeln, mit denen man Anderen Verhaltensweisen aufdrängt, die sie selbst verantworten müssen.

Denzler: Die Grünen verlangen in anderen Punkten zu Recht manchmal auch Verbote und Einschränkungen.

Guyer: Das ist ein Stellvertreterkrieg, da wird ein Problem hochgejubelt, das man mit Information lösen könnte.

Denzler: Aber das machen wir doch seit Jahr und Tag ...

Guyer: ... mit Erfolg!

Denzler: Mit zu wenig Erfolg. Aber es ist wie mit der Drogenpolitik, da brauchte es neben der Aufklärung auch Verbote.

Guyer: Die Drogenpolitik hat erst funktioniert, als man von der Repression allein wegkam.

Denzler: Richtig. Aber ein wenig Repression braucht es, das gilt auch in der Drogenpolitik. Und wir wollen das Rauchen ja nicht völlig verbieten. Aber Rauchen ist eine Sucht, da braucht es auch etwas Druck, wenn man aufhören will.

Fumoirs sollen erlaubt bleiben. Was halten Sie davon, Frau Guyer?

Guyer: Ein seltsamer Kompromiss. Die Initianten scheinen sich die Forderung eines völligen Verbots nicht zuzutrauen.

Denzler: Nein, das zeigt doch gerade, dass es nicht gegen die Raucher geht.

Guyer: Wer ist der nächste Sündenbock und Opfer dieser neuen Staatsmoral nach den Rauchern? Es ist absehbar: die Dicken.

Denzler: Aber der Dicke schädigt den Dünnen nicht. Es geht darum, 70 Prozent der Schweizer zu schützen.

Es ist viel über die Frage diskutiert worden, ob die Fumoirs bedient sein sollen. In der Initiative steht nichts. Wie denken Sie dazu?

Guyer: Das müssen die Leute beurteilen, die dort arbeiten.

Denzler: Die Initianten haben wohl unbediente Fumoirs gemeint.

Guyer: Das ist es ja gerade – die Initiative ist unklar und schwammig.

Denzler: Im Gegenteil, sie ist sehr klar und einfach. Anders der Gegenvorschlag.

Wie sehen Sie diesen?

Denzler: Der ist so gummig, dass man genauso gut den Status quo beibehalten kann. Zum Beispiel die Regelung, dass Beizen mit weniger als 36 Sitzplätzen selbst über ein Rauchverbot entscheiden können: Stellt der Beizer dann einfach ein paar Stühle in ein Kämmerchen, wenn jemand kontrolliert? Dazu kommt, dass damit der Jugendschutz unterlaufen wird: Junge halten sich eher in kleinen Beizen auf.

Guyer: Die Jungen rauchen, egal ob es uns passt oder nicht. Der Gegenvorschlag ist ein Wischiwaschi.

Wie würden Sie sich zu einem kompletten Rauchverbot stellen?

Guyer: Das wäre konsequent. Ich finde aber, wenn sich jemand schädigen will, müssen wir das akzeptieren.

Denzler: Ein totales Rauchverbot ist unrealistisch. Dann stehen die Raucher einfach draussen vor der Beiz.

Esther Guyer (57) ist Pharma-Assistentin und Fraktionschefin der Grünen im Kantonsrat. Ihre Söhne rauchen, sie selbst ist seit 26 Jahren Nichtraucherin. FDP-Kantonsrat Oskar Denzler (58) ist Hausarzt in Winterthur. Er hat vier Kinder, von denen eines raucht. Er ist Nichtraucher. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.09.2008, 23:45 Uhr

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