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Reiche Genossenschafter bleiben in ihren günstigen Wohnungen

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 20.08.2011 7 Kommentare

In den Zürcher Genossenschaften leben wesentlich mehr Familien und ältere Menschen als in regulären Wohnungen. Jeder zehnte Genossenschafter hat ein hohes Einkommen, wie eine neue Studie belegt.

Knapp 300 günstige und beliebte Wohnungen im Kreis 7: Die städtische Siedlung Riedtli umfasst 28 Häuser.

Knapp 300 günstige und beliebte Wohnungen im Kreis 7: Die städtische Siedlung Riedtli umfasst 28 Häuser.
Bild: Beat Marti

Albert Leiser ist Direktor der Hauseigentümerverbände (HEV) von Stadt und Kanton Zürich. Seit 1999 sitzt er für die FDP im Zürcher Stadtparlament.

Kritik an der Studie


Herr Leiser, die quasi hausgemachte Studie kommt zum Schluss, dass Genossenschaften gegenüber dem freien Wohnungsmarkt praktisch nur Vorzüge haben. Wie kommt das bei Ihnen als Vertreter der Immobilienbranche und des Eigentums an?
Die Studie geht mit dem gesamten Umfeld nicht kritisch um. Sie streicht nur die Vorzüge heraus. Es ist kein Zufall, dass sie just vor der Abstimmung über den Rahmenkredit von 30??Millionen Franken für den gemeinnützigen Wohnungsbau publik gemacht wird.

Wo wäre Kritik angebracht?
Wir haben nichts gegen Genossenschaften, sie sind per se etwas Gutes. Doch dass lediglich ein Drittel Menschen ohne steuerbares Vermögen in gemeinnützigen Wohnungen leben, stört mich. Der Anteil jener, die es wirklich nötig haben, ist viel zu tief. Das widerspricht dem Genossenschaftsgedanken. Mindestens die Hälfte der Wohnungen müssten an einkommensschwache Haushalte gehen.

Die Genossenschaften wollen eine breite soziale Durchmischung. Sie haben Angst vor Ghettosiedlungen, wenn ihre Wohnungen von zu vielen Working Poors besetzt sind.
Man muss das in Kauf nehmen. Menschen, die nur so viel Geld haben, dass sie einigermassen durchs Leben kommen und vielleicht auch noch auf Sozialhilfe angewiesen sind, sind doch keine schlechten Menschen. Das sind Leute, die arbeiten gehen, die viele Kinder haben oder auch Alleinerziehende.

Das heisst: Genossenschaften müssten sich stärker per Reglement verpflichten, mehr Einkommensschwache aufzunehmen.
Auf jeden Fall. Früher waren die Vergabekriterien ungleich strenger. Da durfte das Einkommen im Verhältnis zur Miete eine festgelegte Höhe nicht übersteigen. Doch die Genossenschaften haben in den 70er-Jahren die Richtlinien für Sozialwohnungen aufgegeben. Damals war der Leerwohnungsbestand relativ gross. Leute mit tiefem Einkommen waren zu jener Zeit vor allem Ausländerinnen und Ausländer. Seither sind die meisten Genossenschaften mehr und mehr zu Immobilieninvestoren geworden und haben dadurch mehr Freiraum auf dem Markt gewonnen.

Laut Studie haben über 16 Prozent der Genossenschaftsbewohner ein steuerbares Vermögen von mehr als 200'000 Franken und profitieren trotzdem von tiefen Mieten. Was läuft da aus Ihrer Sicht falsch?
Diese Leute können nichts dafür. Wer will schon freiwillig aus einer billigen Wohnung ausziehen? Aber diese Zahl zeigt: Es ist höchste Zeit für härtere Regeln. Wer in Not ist, dem soll eine Genossenschaftswohnung zugute kommen. So, wie das neuerdings die Gemeinde Zumikon im Sinn hat, welche direkt Familien helfen will, die sich die Wohnung nicht mehr leisten können, damit sie nicht wegziehen müssen. Es wäre schön, wenn jene, die sich etwas Teureres leisten können, von sich aus bereit wären, die Wohnung zu wechseln – zugunsten Wenigbegüterter.

Interview: Silvio Temperli

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Zürcherinnen und Zürcher, die in einer Genossenschaftswohnung leben, zahlen im Durchschnitt fast 500 Franken weniger Miete pro Monat als die übrigen Mieter. Sie geben sich dafür mit weniger Wohnraum zufrieden, mit 36 statt mit 42 Quadratmeter pro Person. Sie bezahlen aber auch weniger, weil sie nur für die Kosten ihrer Wohnung aufkommen müssen und niemand an ihr verdient.

Heute, da die Mieten laufend steigen, möchten viele in einer Genossenschaftswohnung leben. Sie fragen sich, ob auch jene eine solche Wohnung bekommen, die tatsächlich darauf angewiesen sind. Eine Frage, die sich auch im Hinblick auf die Abstimmung vom 4. September stellt; die Stadt will weitere 30 Millionen Franken aufwenden, um Genossenschaften zinslose Darlehen zu gewähren und in eigene Siedlungen zu investieren.

Genossenschafter verdienen weniger

Eine Studie der Stadtentwicklung Stadt Zürich und des Verbands der Wohnbaugenossenschaften Zürich (SVW) zeigt: Genossenschafter verdienen tatsächlich weniger als die übrige Bevölkerung. Ein Ehepaar in einer Genossenschaft versteuert im Mittel ein Einkommen von 61'000 Franken, andere eines von 90'000 Franken. Personen mit einem höheren Einkommen sind in Genossenschaften deutlich untervertreten: Nur jedes zehnte Ehepaar versteuert mehr als 87'000 Franken, sonst ist es jedes Fünfte. Hingegen sind die Genossenschafter bei den kleinen und mittleren Einkommen übervertreten.

Wie SVW-Präsident Peter Schmid gestern vor den Medien sagte, leben Genossenschafter mit höherem Einkommen oft schon lange in ihrer Wohnung; sie sind als junge Erwachsene eingezogen und haben ihr Einkommen über die Jahre erhöhen können. Da sie als Genossenschafter Miteigentümer der Siedlung sind, haben sie das Recht zu bleiben; die meisten Genossenschaften kennen keine Einkommenslimite. «Subventionen erhalten Gutverdienende aber keine», betonte Schmid.

Wohnungen für normale Leute

Wie die Studie auch zeigt, leben in den Genossenschaften mehr Familien mit Kindern als in den übrigen Wohnungen, mehr ältere Menschen und mehr Schweizer. Der Ausländeranteil ist in den vergangenen 30 Jahren aber von 5 auf 15 Prozent gestiegen – vor allem weil Personen aus Südeuropa zugezogen sind, die schon länger in der Schweiz leben. Zuwanderer aus Nordeuropa sind kaum vertreten. Aber die, so sagte Schmid, seien nicht selten hoch qualifiziert und könnten sich eine Wohnung auf dem freien Markt leisten.

Die Genossenschafter sorgen zudem für eine gute Durchmischung in der Stadt. Über fast alle Quartiere hinweg verdienen sie im Mittel unter 75'000 Franken. Am Zürichberg stärken sie die schwache Unter- und Mittelschicht, in Quartieren wie Sihlfeld oder Hirzenbach gehören sie zu den Besserverdienenden. Viele würden mit ihrem eher tiefen Einkommen aber gar keine Wohnung mehr finden und aus der Stadt verdrängt, sagte Peter Schmid. «Dank den Genossenschaften können in Zürich auch ganz normale Leute leben.» Nach Ansicht Schmids sind die Genossenschaften für die Stadt nicht nur wichtig, weil sie für eine bessere Durchmischung sorgen. Da die Genossenschafter weniger Geld für die Miete aufwenden müssen, rutschten manche nicht in die Sozialhilfe ab.

Und wenn alle Einwohner Zürichs so wenig Wohnfläche wie die Genossenschafter beanspruchen würden, so hat deren Verband ausgerechnet, fänden schon heute 420'000 Personen in der Stadt Platz, ohne zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur. Gleichzeitig würde die Stadt mehr Steuern einnehmen: Betrachtet man die Steuereinnahmen pro Hektare, fallen sie in den Genossenschaften gar höher aus als am Zürichberg – allein deshalb, weil hier die Bevölkerung näher zusammenlebt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.08.2011, 08:20 Uhr

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7 Kommentare

Ariel Silberring

22.08.2011, 09:52 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Genossenschaften sind gut, so lange sie als private Organisation und ohne staatliche Subventionen operieren. Sobald der Staat unterstützend eingreift als Mit-Genossenschafter, Land-Geber oder sonst einer Eigenschaft, verzerrt dies den Markt. Ein paar Privilegierte zahlen weniger als Marktpreis für die Miete, und dieser Mechanismus heizt die Preise auf dem freien Markt noch mehr an. Antworten


Paul Eisenegger

22.08.2011, 01:17 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Die Studie über Genossenschaften und andere geförderte Wohnuformen wie städtische Wohungen oder Wohnungen der PWG sollten endlich einmal aufdecken, wieviel Steuern dem Staat dadruch entgeht. Der private MFH Besitzer versteuert die Mieteinnahmen, der Eigenheimbesitzer den Eigenmietwert. Die Wohnungen der Genosschenschaften geben dem Staat wenig, Wohungen der PWG und städtische Wohungen gar nichts! Antworten



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