Zürcher Relikte aus dem Kalten Krieg

Rund 100 ehemalige Sprengschächte verbergen sich bis heute im kantonalen Verkehrsnetz. Was tun damit?

Explosive Strassen: Einer von 100 ehemaligen militärischen Sprengschächte.

Explosive Strassen: Einer von 100 ehemaligen militärischen Sprengschächte.

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Auf den ersten Blick ist es ein Routine­geschäft. Weil sich die Kantonsstrasse zwischen Wildberg und Turbenthal in einem schlechten Zustand befindet, wird sie ab Mai für 3,1 Millionen Franken saniert. Das teilte der Regierungsrat kürzlich mit. Was die sonst kaum erwähnenswerte Strassensanierung im Tösstal besonders macht, steht ganz am Schluss der Mitteilung: «Gleichzeitig wird das Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) die sich in der Strasse befindenden Sprengschächte zurückbauen.»

Explosive Strassen – was aus heutiger Sicht für manche bizarr bis fast unglaublich wirken mag, war jahrzehntelang ein fester Bestandteil der Schweizer Verteidigungsdoktrin: militärische Sprengschächte in Strassen und Brücken. Damit hätten sich im Kriegsfall Verbindungswege in die Luft sprengen lassen – um einen gegnerischen Vormarsch am Boden zu verzögern oder den Feind auf eine Route zu lenken, auf der man ihn leichter hätte angreifen können oder die besser zu verteidigen gewesen wäre.

Veränderte Bedrohungslage

Im Kanton Zürich wurden in zahlreichen Strassen und Brücken solche Sprengobjekte eingebaut, wie Thomas Maag, Sprecher der kantonalen Baudirektion, sagt. Seit einigen Jahren werden diese Schächte sukzessive aufgefüllt. Bereits Anfang Februar hatte der Kanton mitgeteilt, dass die Armasuisse bei der geplanten Sanierung der Strasse durchs Heitertal in der Nähe von Winterthur mehrere solcher Sprengobjekte in der Fahrbahn beseitigen werde, wie der «Landbote» berichtete.

Bei den Sprengobjekten handelt es sich um circa fünf Meter tiefe, in die Strasse eingelassene Schächte. Sie sind ungefähr 80 mal 80 Zentimeter gross und in einem Abstand von rund 4 Metern angelegt. Das Tiefbauamt führt laut Maag keine Statistik über die Sprengschächte. Es übermittelt der Armasuisse aber jeweils eine Zusammenstellung seiner Strassensanierungsprojekte, damit die Rüstungsfachleute die betroffenen Strecken auf allfällige Schächte, Leitungen und Kabel überprüfen können.

Unterhaltskosten vermeiden

Laut Armasuisse-Sprecher Kaj-Gunnar Sievert werden die landesweit in Strassen, Brücken und Tunnel eingebauten Sprengschächte seit 1991 zurückgebaut. Die Bedrohungslage habe sich verändert, und es sollen unnötige Unterhaltskosten vermieden werden. Zudem stünden heute «rasch anzubringende mobile Mittel» zur Verfügung, die eine vergleichbare Wirkung erzielen würden.

Im Kanton Zürich wurden bisher rund 80 Sprengobjekte in Fahrbahnen zurückgebaut. Es geht dabei nur noch um das Auffüllen der Schächte, wie Sievert betont: «Der Sprengstoff wurde schon früher entfernt, alle ehemaligen Sprengobjekte sind desarmiert.»

An strategisch wichtigen Punkten

Derzeit sind in Zürcher Strassen noch rund 100 Sprengschächte vorhanden, wie Sievert weiter sagt. Wo genau im Kanton sie sich befinden, will Armasuisse nicht verraten – «das unterliegt dem Informationsschutz». Die Sprengobjekte befänden sich «an strategisch wichtigen Punkten auf dem ganzen Kantonsgebiet», sagt Sprecher Sievert vage.

«Die Sprengobjekte sollten den Abwehrkampf ab der Landesgrenze unterstützen und es durch das Wegsprengen von Strassen, Brücken oder Bahntrassees feindlichen mechanisierten Verbänden erschweren, rasch vorzudringen», erklärt Felix Nöthiger von der Militärhistorischen Gesellschaft des Kantons Zürich. Nach dem Grundsatz «Keine Sperre ohne Feuer» hätten sich solche Sperrstellen oft im Feuerbereich von ­Infanteriewerken befunden.

Laut dem Militärhistoriker gab es erste Sprengobjekte schon bei der Grenzbesetzung im Ersten Weltkrieg. Ab 1935 kamen technisch immer raffiniertere und vor allem gegen unbeabsichtigte Auslösung gesicherte Systeme zum Einsatz. Zuerst wurden alle Rheinbrücken damit ausgerüstet, dann konti­nuierlich weitere strategisch wichtige Strassenabschnitte im Kanton.

Kein einziger Schacht detonierte

Während des Kalten Kriegs rüstete die Armee die Sprengobjekte mit laufend verbesserten Aktivierungssystemen und vor allem mit modernen Sicherheitssprengstoffen aus. Diese erlaubten es, die Sprengobjekte in den Strassen dauernd über Jahrzehnte geladen zu halten. Wie hoch die Sicherheit der Sprengobjekte gegen Sabotage, Blitzschlag oder Brände war, wurde laut Felix Nöthiger dadurch bewiesen, dass bei Tausenden von Sprengschächten «nie eine einzige Ladung ungewollt detoniert ist».

Der Warschauer Pakt habe allerdings sehr genau Bescheid gewusst über das dichte Zerstörungsnetz im Kanton Zürich, sagt der Militärhistoriker. Wichtige Schweizer Brücken seien während Jahrzehnten Zielobjekte der russischen Militärspionage gewesen. Russische Landkarten des Kantons Zürich, die erstmals 1951 für russische Panzertruppen gedruckt wurden, seien bis zur letzten Ausgabe von 1988 laufend verfeinert worden. Auf diesen Karten war laut Nö­thi­ger bei jeder wichtigen Brücke ein Panzercode eingedruckt, der Länge, Breite, offizielle Tonnage und selbst die grösste russische Panzerklasse angab, die die Brücke noch tragen konnte. «Im Ernstfall wäre die Chance aber sehr gering gewesen, dass russische Panzer unzerstörte Rheinbrücken angetroffen hätten», ist der Forscher überzeugt. Weil gleich mehrere Systeme es ermöglicht hätten, die Brücke auch noch im letzten Moment zu sprengen.

20'000 Franken pro Rückbau

Jetzt sind die Tage für die Relikte aus dem Kalten Krieg gezählt. Armasuisse will alle Sprengobjekte im Kanton Zürich in den nächsten Jahren beseitigen. Das habe auch mit der Werkhaftung der in die Jahre gekommenen Schächte zu tun, wie Sievert sagt. Wann der letzte Schacht dichtgemacht sein wird, ist offen – das hängt vom Fahrplan der Strassenerneuerungen in den einzelnen Gemeinden ab. So wie jetzt in Wildberg, wird der Rückbau jeweils bei ohnehin nötigen Sanierungen an die Hand genommen. Dank der Zusammenlegung von zivilen und militärischen Arbeiten könnten die Dauer der Bauarbeiten und der Verkehrsbehinderungen verkürzt und Kosten gespart werden, sagt Sievert. Die Kosten für die Beseitigung der Sprengschächte variieren je nach Bautyp und Lage; im Schnitt rechnet Armasuisse mit 20'000 Franken pro Sprengobjekt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2017, 22:40 Uhr

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