Ruck, zuck, zack, zack – und er war achtzig

Jürg Randegger war Mitglied des legendären Cabarets Rotstift und Lehrer in Zürich. Bald steht er nach langer Abwesenheit wieder auf der Bühne – als Rotstift.

Das Allzumenschliche aufs Korn genommen: Jürg Randegger (mit Skibrille) 1970 mit seinen Rotstift-Kollegen in der berühmten Skilift-Nummer. Foto: RDB

Das Allzumenschliche aufs Korn genommen: Jürg Randegger (mit Skibrille) 1970 mit seinen Rotstift-Kollegen in der berühmten Skilift-Nummer. Foto: RDB

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Zürich – Er hebt sogar den Zeigefinger in die Höhe. «Du musst ‹ächt› sagen, Christian, ‹Wer ä c h t?›, sonst stimmt der Rhythmus nicht.» Jürg Randegger kann den ehemaligen Lehrer nicht verleugnen. Und auch den Perfektionisten nicht, der ihn beim Cabaret Rotstift auszeichnete. Sein ehemaliger Bühnenkollege Heinz Lüthi sagt: «Wenn Jürg eine neue Nummer ablieferte, war diese geschliffen bis zum letzten Ton und bis zur letzten Silbe.»

Jürg Randegger feiert heute seinen achtzigsten Geburtstag. Und er steht seit langen Jahren wieder einmal auf der Bühne. Er probt für «Rotstift Reloaded», eine Hommage an das legendäre Lehrercabaret aus Schlieren, die Christian Jott Jenny und sein Team ab dem 9. April in Millers Studio aufführen. Randegger hat darin einen Gastauftritt.

Beim Lied, das er mit Christian Jenny eben einübt, summt man unvermittelt mit – «. . . er nimmt es chliises Hämmerli . . . O Morgerot, o Morgerot, de Fritzli schlaat sis Büsi tot.» Die Moritat vom Totschläger Fritzli Müller, der schon gut ist, nur die Umwelt schlecht, ist einer der Klassiker des Cabarets Rotstift, das nie politisch war – doch in vielen Belangen noch heute erstaunlich aktuell ist. Denn das Allzumenschliche, das es aufs Korn nahm, ist nicht dem Zeitgeist unterworfen.

Abschied im richtigen Moment

2002 haben die drei letzten Rotstifte Werner von Aesch, Jürg Randegger und Heinz Lüthi mit zwei Best-of-Vorstellungen im Schlieremer Salmensaal Abschied vom Publikum genommen. Man habe genau den richtigen Moment dazu erwischt, sagt Randegger im Rückblick. Bereits 1995 hat er sich nach 33 Jahren Lehrertätigkeit im Albisrieder Schulhaus In der Ey frühzeitig pensionieren lassen, 1999 moderierte er seine letzte «Samschtig-Jass»-Sendung im Schweizer Fernsehen. «Das war alles schön und spannend, aber es war an der Zeit aufzuhören.» Das letzte Rotstift-Programm hiess «Happy End».

Werner von Aesch ist 2009 gestorben, Heinz Lüthi schreibt Bücher – und Randegger «faulenzt», wie er über sich selber sagt. Es mache ihm gar keine Mühe, nicht mehr auf der Bühne und nicht mehr in der Öffentlichkeit zu stehen. Was seine Frau mehr erstaune als ihn selbst. «Langweilig ist mir nie. Und die Zeit vergeht wie im Flug.» Ruck, zuck, zack, zack, und schon ist er achtzig geworden.

Hat er den zackigen Deutschen in der legendären Skilift-Nummer gerne gespielt? «Nicht speziell, es war einfach eine Rolle.» Die ihm von manchen Kritikern den Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit eingetragen habe. Dabei sei von ihnen das Schweizer Grossmaul als «Bad Boy» dieser Nummer gedacht gewesen. Doch wurde der Stammtischsprücheklopfer zum Tell, der dem Gessler an den Karren fährt.

Einmal aber war Randeggers Deutscher der Held. Das Cabaret Rotstift trat auf Einladung von Auslandschweizern in den USA im Lokal des dortigen Deutschen Clubs auf. «Wir hatten erst Bedenken, die Skilift-Nummer zu spielen.» Doch kam die «Ruck-zuck-Figur» gross heraus. Die anwesenden deutschen Gäste waren begeistert: «Dem haben sies gezeigt, dem Preussen.» Es waren Schwaben.

Der «kompletteste» Rotstift

Jürg Randegger ist in der Enge aufgewachsen und hat in Küsnacht das Lehrerseminar besucht. Seine Cabaretnummer am Abschiedsfest begeisterte das Publikum so, dass Schauspieler Jörg Schneider auf ihn aufmerksam wurde. Mit ihm zusammen gründete er das Cabaret Äxgüsi – damit wäre die Weiche zur Profikarriere gestellt gewesen. Doch diese schlug er nie ein.

Heinz Lüthi ist überzeugt: «Jürg wäre der Einzige von uns gewesen, der das Zeug zum Profi gehabt hätte. Er war der Kompletteste von uns dreien.» Was hat ihn daran gehindert? «Mir hätte für eine reine Künstlerkarriere die Charakterstärke und die Selbstdisziplin gefehlt», sagt Randegger. «Ich brauche Strukturen, einen Stundenplan.» Und das Klinkenputzen bei Veranstaltern, das Sich- anpreisen, liege ihm gar nicht.

So sei es für ihn ein Glücksfall gewesen, als 1965 ein Werner von Aesch ihn angerufen und gesagt habe, man könnte noch einen gebrauchen. Anfänglich war man per Sie, das Verhältnis war weit entfernt vom lockeren Ton, den er vom Stadtzürcher Showbiz kannte. «Doch wir wurden zum Dream-Team», sagt Randegger. «Grundverschieden, jeder hatte seine Stärken, keiner war dem andern eine Pointe neidisch.»

Alles aus einem Guss

Womit hat er seiner Meinung nach zum grossen Erfolg der Rotstifte beigetragen? «Das Cabaret hatte damals Texter, ich habe von Anfang an selbst Nummern geschrieben.» Und das habe Werner von Aesch und auch Heinz Lüthi, der 1977 zur Gruppe stiess, dazu ermuntert, ihrerseits Nummern zu schreiben. «So waren wir Texter, Schauspieler, Sänger, Dramaturg und Regisseur in einem. Aus einem Guss.»

Jürg Randegger geht es gut. Beim Gehör haperts, auf die Zuckerwerte im Blut muss er achten. Wie erlebt er es, nach langer Zeit wieder als Rotstift auf der Bühne zu stehen? «Ich habe Respekt, aber keine Angst davor.» Und dann vergisst der Jenny wieder das «ä c h t» – und Randegger sagt: «Bis zur Premiere muss das sitzen, Christian.»

«Rotstift Reloaded», mit Christian J. Jenny, Regie: Christian Vetsch, Stargast: Jürg Randegger, 9. April bis 3. Mai in Millers Studio, 6. Mai Kurtheater Baden. www.rotstift-reloaded.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2015, 20:53 Uhr

Jürg Randegger heute. Foto: Sabina Bobst

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