Sag mir, wo die Blumen sind

Den Zürcher Floristen geht es schlecht, jedes Jahr schliessen einige Geschäfte. Beinahe hätte die Fest- und Hochzeitsmesse dieses Wochenende ohne Blumen stattfinden müssen.

Floristin Claudia Martin-Fiori mit ihren engagierten Blumenfeen im Kurslokal bei der Arbeit für die Fest- und Hochzeitsmesse in Oerlikon. Fotos: Thomas Egli

Floristin Claudia Martin-Fiori mit ihren engagierten Blumenfeen im Kurslokal bei der Arbeit für die Fest- und Hochzeitsmesse in Oerlikon. Fotos: Thomas Egli

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Eine Hochzeitsmesse ohne Blumen? ­Unvorstellbar. Und doch wäre es in Zürich heuer fast so weit gekommen. Auf den letzten Drücker haben ein paar kreative Zürcher Frauen mit ihrem ­Engagement die Messe doch noch zum Blühen gebracht.

Seit Bestehen der Zürcher Hochzeitsmesse ist der Verein Zürcher Floristen im Messezentrum in Oerlikon mit einem Stand präsent. Doch für dieses Jahr hat sich von den 120 Vereinsmitgliedern aus Stadt und Kanton nur ein einziger Blumenladen gemeldet. Und das, obwohl die Hochzeitsmesse die Zürcher Floristen zu einer Sonderschau eingeladen hatte und die Blumen für die Werkstücke von einigen Grossisten gesponsert wurden.

«Was ist bloss mit meinem Berufsstand los?», fragt sich Claudia Martin-Fiori, Vorstandsmitglied des Floristen-Vereins. Schon an der letzten Fest- und Hochzeitsmesse musste die Floristin alle ausgestellten Blumenwerkstücke selbst fertigen, weil kein Zürcher Fachmann helfen wollte. Die Blumenhändler sind ganz offensichtlich nicht mehr an einer Präsentation ihrer Zunft interessiert. ­Lediglich zehn Blumenwerkstücke wurden für die diesjährige Messe zugesagt. Fünf davon hat allein ein Florist aus Knonau geliefert.

Jeden Tag ein Laden weniger

Es steht nicht rosig um die hiesigen Blumenläden. «Jeden Tag schliesst in der Schweiz ein Laden», sagt Claudia Martin-Fiori. Der Floristenberuf sei gefährdet. Für die leidenschaftliche Floristin ist das nicht nachvollziehbar. Laut einer Harvard-Studie sind 87 Prozent der Floristen glücklich in ihrem Beruf.

Doch die wirtschaftliche Realität ist eine andere. Hört man sich unter den Zürcher Floristen um, reden fast alle von einem Überlebenskampf. Die Branche könne sich Hochzeiten einfach nicht mehr leisten. Aufwand und Ertrag stimmten schon lange nicht mehr, sagt Paul Fleischli, Geschäftsinhaber bei Blumen Krämer: «Hochzeiten sind aufwendig und kostenintensiv.» In der Regel würden Brautpaare 800 bis 1000 Franken für Blumenarrangements ausgeben. Das heisst für die Floristen: Blumen bereitstellen für die Kirche, für die standesamtliche Trauung, Abtransport der Werke ins Restaurant, und am Schluss alles abräumen. Dazu braucht Fleischli zwei Mitarbeiter mit Auto, was allein Spesen von ungefähr 600 Franken bedeutet, die nicht fakturiert werden können. «Das kann sich beim besten Willen nicht rechnen», sagt der Krämer-Geschäftsführer.

Sind Blumen aus der Mode gekommen? Fleischli, der im Zentralvorstand des Schweizerischen Floristenverbands sitzt, verneint. «Blumen braucht es nach wie vor.» Doch mittlerweile müssten die Floristen «ein Topprodukt zu viel zu tiefen Preisen» verkaufen. Vor 45 Jahren habe eine Rose 8 Franken gekostet, sagt der Florist. «Hätten die Blumenpreise mit der Teuerung mitgehalten, würde die Rose heute 18 bis 31 Franken kosten. Sie kostet aber immer noch 8 Franken.» Inflationsbereinigt entspricht das noch ungefähr der Hälfte.

«Die Branche kämpft», sagt Fleischli. Es gebe immer weniger Lernende; die Minimallöhne und der frühe Arbeitsbeginn schreckten junge Leute ab. Für Fleischli ist der Zenit längst überschritten: «Seit zehn Jahren geht es mit der Branche abwärts.» Anders als Grossverteiler müssten kleinere Blumenläden den Kunden Blumen für über 100 Franken verkaufen, damit es rentiere.

Und auch bei Hochzeiten sehen die kleinen Blumenläden ihr Geschäft schwinden. Florist Martin Grossenbacher sagt: «Man heiratet heute nicht mehr so wie früher.» Viele würden sich nur zivil trauen lassen und das Fest dann in den Bergen oder in der Karibik steigen lassen. «An der Hochzeitsmesse holt man sich Ideen und kauft dann anderswo», meint er – und klingt dabei ernüchtert.

Düster sieht auch Christian Felix die Zukunft. Er führt seit 20 Jahren einen Blumenladen in der Zürcher Innenstadt und ist überzeugt: «Es kommt noch viel schlimmer.» Letztes Jahr musste er sein Geschäft verkleinern; trotz gutem Umsatz hatte er draufgelegt. Felix fährt schon lange zweigleisig, verkauft neben Blumen auch Innendekorationsgegenstände: «Mit Blumen allein ist es schwierig in der teuren Innenstadt.»

Für eigenen Stand reichts nicht

Gegenüber den Städtern sieht sich Florist Walter Grimmer aus Knonau im Vorteil. Seine Miete ist nicht astronomisch hoch. Die Hochzeitsmesse sieht er für sein Geschäft noch immer als Chance. Einen halben Tag haben fünf seiner Mitarbeiter für die fünf Sträusse für die Messe eingesetzt. Für Grimmer ist klar: «Bessere Werbung gibt es nicht.» Wenn er nur zwei bis drei Aufträge an Land ziehe, sei er zufrieden. Doch auch für Grimmer lohnt es sich nicht, einen eigenen Stand aufzustellen.

So lag es an den Blumenfeen, dafür zu sorgen, dass es an der Fest- und Hochzeitsmesse Zürich genügend blüht. Mit einer Gruppe ihrer langjährigen Kursteilnehmerinnen hat Claudia Martin-Fiori einen Tag lang Blumenarrangements zusammengestellt. Unter dem Motto «poppig und flippig» kreierten sie mit viel Liebe zum Detail Werk um Werk. An einem Tag schafften die Blumenbinderinnen, was 120 Geschäfte in zwei Wochen nicht auf die Reihe brachten. Wunderschöne Gebilde – vom extravagenten Brautstrauss über elegante Brautfächer und Brauttasche bis hin zum Brautmuff.

Fest- und Hochzeitsmesse Zürich Messe Oerlikon; Samstag und Sonntag, 10–18 Uhr. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.01.2016, 23:42 Uhr)

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