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Schläger von München: «Ich habe meine geilste Zeit versaut»

Von Thomas Knellwolf. Aktualisiert am 24.02.2010 86 Kommentare

Die drei Schüler aus Küsnacht, die in München fünf Männer brutal attackierten, müssen in zwei Wochen vor Gericht. Die bislang unbekannte Anklageschrift illustriert die Skrupellosigkeit der drei 16-jährigen Täter.

Die erste von 78 Seiten der Anklageschrift gegen die Küsnachter Schüler.

PD

1. Hauptbahnhof Hier deckt sich die Gruppe mit hartem Alkohol ein.
2. Nussbaumpark Drei Mazedonier werden Prügelopfer.
3. Sendlinger Tor Grundlos schlagen sie Wolfgang O. bewusstlos und verletzen ihn massiv.
4. Sonnenstrasse Auf dieser Verkehrsachse verdrischt die Gruppe einen Studenten.
5. Jugendunterkunft Hier werden die mutmasslichen Täter verhaftet.

1. Hauptbahnhof Hier deckt sich die Gruppe mit hartem Alkohol ein. 2. Nussbaumpark Drei Mazedonier werden Prügelopfer. 3. Sendlinger Tor Grundlos schlagen sie Wolfgang O. bewusstlos und verletzen ihn massiv. 4. Sonnenstrasse Auf dieser Verkehrsachse verdrischt die Gruppe einen Studenten. 5. Jugendunterkunft Hier werden die mutmasslichen Täter verhaftet.

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Es geschah am zweiten Abend der Abschlussreise des zehnten Schuljahres. Die Schüler und Lehrer der Weiterbildungs- und Berufswahlschule Küsnacht genossen die bayrische Küche in einem Lokal in der Münchner Innenstadt. Nach dem Nachtessen durften die Jugendlichen auf eigene Faust losziehen. Weil am Vorabend alles so gut geklappt hatte, wurde die Sperrstunde von 23 Uhr um eineinhalb Stunden nach hinten geschoben. Ein fataler Entscheid. Denn just in der letzten Stunde jenes angenehmen 30. Juni 2009 fielen drei damals 16-Jährige aus der Reisegruppe über fünf Opfer her, die sie zuvor noch nie gesehen hatten.

Die «Prügelschüler von der Goldküste» sitzen seither in München-Stadelheim und in Neuburg an der Donau in Haft. Hinter Gitter bleiben die mutmasslichen Täter bis zu zehn Jahre, falls das Landesgericht München im Prozess ab übernächster Woche der Beweisführung der Staatsanwaltschaft München I folgt. Deren 78-seitige Anklageschrift, die dem TA vorliegt, zeichnet im Detail nach, was damals geschah. Auf ihr beruht die folgende Darstellung des Geschehens, das ein Staatsanwalt als «Amoklauf ohne Waffen» bezeichnete.

«Ein friedlicher Abend»

Nach dem Nachtessen fanden sich über ein Dutzend Schüler im Nussbaumpark ein zum «treffen und saufen», wie ein Beteiligter später erzählte. Mehrere Flaschen Wodka, Tequila, Jägermeister und ein paar Joints machten die Runde.

Es war – wie ein Mitschüler der mutmasslichen Täter aussagte – ein «friedlicher Abend», bis Mike aus Uetikon am See bemerkte, dass sein Portemonnaie fehlte. «Aus Verärgerung über den Verlust» und «um ein bisschen Spass zu haben» beschlossen er und zwei Kameraden, «Leute wegzuklatschen».

23.15 Uhr: Der erste Angriff

Ganz in der Nähe, auf Baumstümpfen, sassen mehrere Mazedonier, die sich oft im Park einfanden, um Schach zu spielen, zu schwatzen und Bier zu trinken. Drei von ihnen wurden die ersten Opfer der Schüler aus der Schweiz.

Unvermittelt schlug Mike einem der Mazedonier «die Faust mit voller Wucht von hinten auf den Kopf». «Der Angriff erfolgte», so steht in der Anklageschrift, «ohne jede Vorwarnung und ohne, dass es einen für die Geschädigten erkennbaren Grund gegeben hätte.» Ivan aus Stäfa attackierte einen zweiten Mazedonier.

Am grausamsten gingen die beiden gegen ihr drittes Opfer vor, einen Mann mit verkrüppeltem Arm. Mike schlug zu, der körperlich Behinderte fiel nach hinten, «so dass sein Kopf frei über der Bank hing». Ivan «trat mit voller Wucht nach der Art eines Fussballers gegen den frei hängenden Kopf des Geschädigten». Danach machten sich die drei Schüler aus dem Staub. Zurück blieben drei schwer verletzte Opfer, zwei von ihnen bewusstlos.

23.23 Uhr: Knochen gebrochen

Während die Schüler in Richtung ihrer Unterkunft davonrannten, machte sich auch der Versicherungskaufmann Wolfgang O. auf den Weg in sein Hotel. Er hatte zwei, drei Weissbier getrunken und ein Stück Schweinebraten gegessen und telefonierte mit seiner Frau, als er einen dumpfen Schlag von der Seite auf sein Gesicht verspürte. Ihm wurde dunkel vor den Augen. Erinnern kann er sich noch an ein weisses Flattern.

Augenzeugen sahen, wie O. zu Boden ging, sich aber noch auf Händen und Knien abstützen konnte. Benji aus Ebmatingen, der sich bislang zurückgehalten hatte, versetzte ihm einen wuchtigen Fusstritt in die linke Gesichtshälfte. Mike trat ebenfalls zweimal gegen den Kopf des wehrlosen Opfers. Gesichtsknochen gingen zu Bruch. Als O. wieder zu Bewusstsein kam, war – gemäss den Ärzten – «sein komplettes Mittelgesicht nach rechts verschoben».

23.25 Uhr: Das fünfte Opfer

Damit nicht genug. Nur zehn Minuten nach dem ersten Angriff fand das Trio sein fünftes Opfer, wiederum einen Passanten. Auf der Höhe der Sonnenstrasse 24 attackierten die drei einen Studenten aus Bulgarien mit Fäusten und Ellbogen. Mike, Ivan und Benji flüchteten in die Jugendunterkunft. Dort wechselten sie ihre blutverschmierten Kleider und schauten sich einen Film an, bis die Polizei sie verhaftete.

Mike muss sich ab dem 8. März wegen zwei Mordversuchen und wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Richter verantworten. Ivan und Benji wird im selben Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit je ein Mordversuch und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen. Die Verteidiger der Jugendlichen wollen sich im Vorfeld nicht äussern. Es ist davon auszugehen, dass sie den Ablauf des Geschehens, wie er in der Anklageschrift beschrieben wird, in einzelnen Punkten bestreiten, und versuchen, den Vorwurf des Mordversuchs zu widerlegen.

«Eine überaus dumme Aktion»

In der Haft bereut Anführer Mike seine Taten, bedauert aber auch sich selbst. «Ach Scheisse», schreibt er in einem Brief aus dem Gefängnis, «ich habe mir die geilste Zeit meines Lebens versaut.» Er könne nicht erklären, «wie ich zu so einer überaus dummen Aktion fähig war», fügt er hinzu. Im Gefängnis sei er unter «Alkoholikern und sonst komischen Leuten», es sei «richtig demütigend und enttäuschend, dass ich so weit unten gelandet bin».

Weiter schreibt er: «Es tut mir so leid!» Er hoffe, dass er nach der Gerichtsverhandlung in die Schweiz kommen könne – ein Wunsch der gemäss der bayrischen Justiz kaum in Erfüllung gehen wird. Die Rückkehr nach der Abschlussreise vom Juni 2009 dürfte sich weiter hinauszögern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2010, 04:00 Uhr

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86 Kommentare

Edith Habermann

24.02.2010, 10:05 Uhr
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Lehrer sollten diesen Artikel in der Schule thematisieren, das wäre Gewaltprävention. Leider hat es unsere Kuscheljustiz verschlafen, den Jugendlichen mit spürbaren Strafen ein Zeichen zu setzen, wo Lausbubenstreiche aufhören. Dafür brauchen wir traurigerweise ein deutsches Gericht. Für viele Nachwuchsmachos mit Migrationshintergrund gehört es zum guten Ton, Leute auszunehmen und wegzuklatschen. Antworten


Daniel Landwehr

24.02.2010, 08:49 Uhr
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Eigentlich fehlen mir die Worte nach diesem Bericht. Festhalten möchte ich, dass die Jugendlichen wohl zu recht während der Untersuchung in Haft sitzen und dass die Untersuchung im Vergleich zur Schweiz sehr zügig durchgeführt wurde. Die Schweizer Justiz ist nicht in der Lage, ein komplexes Verfahren innert nützlicher Frist zum Abschluss zu bringen. Dadurch entstehen viele Ungerechtigkeiten! Antworten



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