Zürich
Schlafzimmerräuber: «Frauen tragen doppelt so häufig ein Trauma davon»
Interview: Christoph Landolt. Aktualisiert am 19.02.2010
Ulrich Schnyder ist Professor für Psychiatrie und Psychotherapie und Direktor der Psychiatrischen Poliklinik am Universitätsspital Zürich. Er ist auf posttraumatische Belastungsstörungen spezialisiert.
Artikel zum Thema
- Unheimliche Serie von Schlafzimmer-Räubern
- Mutter und Sohn in Wohnung gefesselt und ausgeraubt
- Räuber überfallen Frau im Schlaf
- Mann zu Hause gefesselt, verletzt und beraubt
Stichworte
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Herr Schnyder, was passiert mit jemandem, der in seinem eigenen Schlafzimmer von Räubern angegriffen wird?
So ein Erlebnis ist schrecklich – ein potenziell traumatisches Ereignis. Ein Trauma muss man als Opfer deshalb aber nicht unbedingt davontragen. Dass man zuerst Alpträume und Angstanfälle hat, ist normal und sollte deshalb nicht pathologisiert werden. Ob der Betroffene aber unter einem Trauma leidet, kann man im ersten Moment nicht beurteilen, sondern erst nach Tagen oder Wochen.
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit von bleibenden psychischen Schäden?
Aus der Forschung weiss man, dass weniger als 50 Prozent der Überlebenden traumatischer Erfahrungen längerfristige posttraumatische Störungen entwickeln. Und mit diesem Wissen sollte man einem Opfer auch gegenübertreten – sie nicht von vornherein als Kranke behandeln. Es gibt verschiedene Risikofaktoren: Frauen tragen doppelt so häufig posttraumatische Störungen davon wie Männer. Auch wer schon einmal etwas Schlimmes erlebt hat, ist anfälliger. Dann kommt es auf den Schweregrad der Bedrohung an – Wie gefährlich war es wirklich? War der Täter bewaffnet, hat er gedroht? Wichtig ist auch, was man nach dem Erlebnis macht.
Wie kann man damit leben lernen?
Es gibt einen Megafaktor: soziale Unterstützung. Wenn man ein gutes Netz von Freunden und Familie hat und mit ihnen reden kann, hat man gute Chancen, das Erlebte rasch zu verarbeiten. Wenn möglich sollten sich Opfer deshalb nicht zurückziehen, sondern die Hilfe von Freunden nutzen. Ein Gespräch mit einer Fachperson schadet natürlich auch nicht.
An wen können sich Opfer wenden?
An uns von der Psychiatrischen Poliklinik. Wir bieten eine Sprechstunde für Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen an. Wenn Sie anrufen, wird sich ein kompetenter Mitarbeiter um Sie kümmern und mit Ihnen das Gespräch suchen.
Soll man nach einem solch brutalen Übergriff in der Wohnung bleiben? Lohnt es sich zu zügeln?
Gute Frage. Eine allgemeingültige Regel gibt es nicht. Ich habe auch schon Patienten gehabt, die nicht mehr in der Wohnung leben wollten, in der sie überfallen wurden. Wenn ein Opfer in diesem Zimmer wochenlang keinen Schlaf mehr findet und immer wieder von Erinnerungen heimgesucht wird, sobald es den Raum betritt, dann kann eine Luftveränderung schon etwas bringen.
Mit Psychotherapie erreicht man aber sehr viel. Dabei geht der Patient die traumatische Szene in Gedanken immer wieder durch, mit allen Emotionen. Es gibt auch Medikamente, aber die sind weniger wirksam als die Psychotherapie.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.02.2010, 13:17 Uhr
Kommentar schreiben
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!


