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Schluss mit Fairplay bei der Lehrstellensuche

Schon seit August buhlen die Firmen um die besten Lehrlinge. Früher warteten sie damit freiwillig bis zum 1. November. Doch jetzt regiert der Markt.

Lehrlinge müssen sich immer früher bewerben: Medizinische Praxisassistentin in Zürich.

Lehrlinge müssen sich immer früher bewerben: Medizinische Praxisassistentin in Zürich. (Bild: Keystone)

Fallmanager für Lehrabbrecher

Viele Jugendliche haben Mühe, nach Abschluss der obligatorischen Schule den Einstieg ins Berufsleben zu schaffen. Von den 12'685 diesjährigen Schulabgängern müssen rund ein Viertel ein Brückenjahr einschalten. Zwar sei die Lehrstellensituation im Kanton Zürich trotz Wirtschaftskrise erstaunlich robust, sagte Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) gestern vor den Medien. Doch die wachsende Zahl der Jugendlichen mit einer Zwischenlösung bereite ihr Sorgen.

Diese Jugendlichen und solche, die mit ihrer Lehre nicht zurechtkommen oder sie abbrechen, erhalten ab dem Schuljahr 2010/2011 Hilfe von sogenannten Case Managern. Aeppli sieht hier angesichts der hohen Zahl von Lehrabbrechern (2009: 9 Prozent) einen besonderen Handlungsbedarf. Von einer individuellen Begleitung profitieren sollen auch jene 9 Prozent, die im Durchschnitt die Lehrabschlussprüfung nicht bestehen, oder Lehrabgänger, die trotz Abschluss keinen Job finden.

Das vom Regierungsrat verabschiedete Konzept zum Case Management sieht die Betreuung von bis zu 1000 Jugendlichen jährlich vor. Dafür stellt er sechs Case Manager an, die den regionalen Berufsinformationszentren angegliedert sind. Überwiesen werden die Problemfälle von Lehrpersonen oder Lehrmeistern. Die Bildungsdirektion rechnet mit Kosten von 5,3 Millionen Franken für die nächsten drei Jahre. Der Bund beteiligt sich über Fördermassnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit mit 3,7 Millionen Franken. (mom)

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«New Talents: Das grösste Casting der Schweiz» ist nicht etwa eine neue TV-Sendung für Gelegenheitstalente, sondern ein Köder für Jugendliche: Seit Anfang August wirbt Migros mit diesem Slogan für ihre Lehrstellen für 2010 und hat ganzseitige Inserate in Gratiszeitungen geschaltet. Vor einigen Jahren wäre dies undenkbar gewesen. Knapp 15 Jahre lang respektierten die meisten grossen Arbeitgeber die Aktion Fairplay. Ein Gentleman's Agreement, das den 1. November als Stichtag für die Lehrstellensuche festsetzte. Dieses Jahr inserierten unter anderen das Outdoor-Kleidungsgeschäft Transa, der Pharmakonzern Bayer, die Grossbank UBS und auch die ETH Zürich ihre offenen Lehrstellen bereits im Sommer im «Stellen-Anzeiger».

Jugendliche haben Angst

«Jedes Jahr findet der Run auf Lehrlinge und Lehrstellen früher statt. Der Markt regiert auch den Lehrstellenbereich», sagt Dieter Schorno, Leiter Berufsbildung ETH Zürich. «Aus Anfang November wurde Mitte Oktober, aus Mitte Oktober Ende September, dieses Jahr wars schon der August.» Schorno bedauert die Entwicklung, weil die Jugendlichen so keine Zeit mehr haben, entspannt in die 3. Oberstufe zu starten, sondern sich sofort mit ihrer beruflichen Zukunft beschäftigen müssen. Auf der Strecke bleibe dabei oft die persönliche Entwicklung. «Viele müssen diese dann im 10. Schuljahr nachholen.» Auf das Inserat der ETH Zürich haben sich bereits 600 Jugendliche beworben. «Man merkt, dass sie Angst haben», so Schorno.

Ralf Margreiter vom KV Schweiz und Kantonsrat der Grünen glaubt nicht, dass das Rennen um die Besten so aufgeht. Kaum ein Job in der Chefetage werde fast ein Jahr vor Stellenantritt besetzt. «Der Wettlauf findet unter den Lehrbetrieben und den Lehrstellensuchenden statt. Und die Eltern machen mit, weil sie froh sind, wenn ihre Kinder möglichst schnell untergekommen sind.» Doch der Berufswahlprozess sei so früh oft noch nicht abgeschlossen, was zu Fehlentscheiden und im schlechtesten Fall Lehrabbrüchen führen könne. Margreiter: «Attraktive Arbeitgeber haben diesen Wettkampf nicht nötig.»

Fairplay war ein Abkommen ohne Verbindlichkeit, das zwischen Berufsberatung, Schulen und Lehrbetrieben 1989 geschlossen und 15 Jahre lang immer wieder erneuert wurde. René Zihlmann, Direktor des Laufbahnzentrums Zürich und «Vater von Fairplay», bedauert das Ende von Fairplay: «Vor sechs Jahren begann das Abkommen zu bröckeln, heute gilt das Gentleman's Agreement definitiv nicht mehr.» Vor allem im Bereich der kaufmännischen Ausbildungen gebe es einen richtigen Kampf um die Besten, der bereits im September beginne. Das Laufbahnzentrum Zürich versuche, die Firmen zu motivieren, nicht alle Lehrstellen sofort zu vergeben. Als Berufsberater müsse man Realist sein. Zihlmann ist stolz, 15 Jahrgängen von Jugendlichen «zu mehr Schnauf» verholfen zu haben.

Frühe Entscheide führen zu Fehlern

Etwas Positives kann Zihlmann dem Ende von Fairplay doch abgewinnen: «Der 1. November wurde für manche zum Stresstermin.» Die Einladungen zum Vorstellungsgespräch mussten allesamt am 31. Oktober abgeschickt werden, alle warteten auf den Startschuss.» Eine offenere Handhabung habe auch ihre Vorteile – ohnehin würden nicht alle Lehrstellen sofort besetzt. So waren Anfang 2009 im Raum Zürich noch 100 KV-Lehrstellen offen.

Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) «hat keine Freude am Kampf um die Besten»: «Die schulisch Stärksten kommen zuerst unter. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie auch die besten Kandidaten sind.» Marc Kummer, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts, hofft, dass sich der Wettstreit um die vermeintlich Besten nicht noch weiter nach vorne verschiebt: «Sonst gibt es noch mehr Fehlentscheide bei der Berufswahl.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.09.2009, 08:47 Uhr

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11 Kommentare

Max Gehring

23.09.2009, 16:23 Uhr
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In der Schule lernt man sich um eine Lehrstelle zu bewerben. Was dabei herauskommt, klingt zu sehr nach Abschreiben und Kopieren. Mehr Erfolg dürften in der Regel diejenigen haben, die sich nicht in diesen Trampel-pfaden bewegen. Eigene fanasievolle Bewerbungen bringen bei der Suche mehr Erfolg. Kommt es dann zu einem Vorstellungsgespräch, gilt wieder das Gleiche: Eigene Ideen sind erfolgreicher. Antworten


Sibylle Weiss

23.09.2009, 15:32 Uhr
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Hr. Mahler.Leider ist dies nicht nur bei der Lehrstellensuche,dass sich Arbeitgeber mit dem Negativbescheid immens Zeit lassen, der Fall sondern auch bei der normalen Stellensuche.Verlogen kommt einem das Ganze besonders dann vor,wenn man zu hören kriegt,dass man eigentlich die gewünschten Kriterien erfüllt und vielleicht gerade deswegen eine Absage kommt. Antworten


Anna Bacher

23.09.2009, 15:13 Uhr
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Da machen die Firmen wieder den Fehler einfach einer Modeerscheinung zu folgen. Nicht der Lehrling und Ausbildung steht im Vordergrund, sondern die geläufige Praxis. Also einen Lehrling bereits 10Monate vor Lehrbeginn zu binden hat die Folge das der Lehrling mindestens 6 Monate weniger Zeit hat seine Fähigkeiten und Wünsche woanders zu entdecken. Zuteilung bei der Geburt wäre nicht viel anders. Antworten


Sibylle Weiss

23.09.2009, 14:21 Uhr
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Ausnahmen bestätigen die Regel. Kenne einen jetzigen Lehrling,der schlechte Noten hatte und trotzdem eine Lerhstelle fand. Dasselbe gilt bei der Stellensuche, die Dummen haben prinzipiell immer Glück!Währenddem die einen,die wirklich eine Lehre machen oder arbeiten wollen, sich dumm und dämlich suchen und nichts finden und andere wiederum durch Zufall/Glück in eine spannende Stelle reinrutschen! Antworten


Gianin May

23.09.2009, 13:36 Uhr
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die Wirtschaft kann nur das tun, wozu wir ihr das Recht geben. Wenn wir uns alle weigern würden, dann wäre es nicht so wie es ist. Unser Lebenswandel bestimmt wie das Leben ist, wenn wir nichts daran ändern, wird sich nichts ändern. Antworten


jazz lucero

23.09.2009, 11:50 Uhr
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Ja dann mal sehen wer wieder jammert, wenn x tausende lehrlinge die lehre abbrechen oder nach der lehre dem lehrberuf ade sagen. die wirtschaft wird immer treister und ideenloser von geben und nehmen, ganz zu schweigen. lehrlinge die mit herzblut einen beruf erlehrnen sind wegen denn knappen noten unerwüscht. in was für einer kalten welt leben wir eigentlich heute? wohin führt das noch, ins elend? Antworten


Guido Mahler

23.09.2009, 10:55 Uhr
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So toll war der Stichtag 1.11. auch nicht. Da bewirbt man sich auf einige Lehrstellen, wartet monatelang um dann zu erfahren, dass die Lehrstellen an andere gingen. Wenn der Negativ-Entscheid früher käme, hätte man noch Zeit, sich bei Firmen zu bewerben, die den Entscheid zu einem späteren Zeitpunkt fällen. Antworten


Maria Dolores Walter

23.09.2009, 10:24 Uhr
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... die Geister die ich rief, werd ich nicht mehr los! Viel in die Ausbildung reinpacken, wenig rüberbringen und am Schluss berstet ein grosser Teil der Lernenden am Null-Bock-Denken. Müssen sich hier wohl die Lehrenden etwas Bessere einfallen lassen, damit die Wirtschaft "das Produkt" bei Bedarf , nicht ein Jahr voraus, ohne eigene Tests etc. rekrutieren kann? Antworten


Caroline Tschäppät

23.09.2009, 10:12 Uhr
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Es ist verheerend für die Jugendlichen bereits Anfangs der 2. Oberstufe eine Lehre haben zu müssen. Sie entwickeln sich doch so stark im letzten Schuljahr. Gebt Ihnen doch die Zeit. Ausserdem verpassen sie ja den ganzen Schulstoff der 3. Oberstufe durch den Lehrstellenstress. Schade. Antworten


Walter Haller

23.09.2009, 10:01 Uhr
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Doch der Berufswahlprozess sei so früh oft noch nicht abgeschlossen, was zu Fehlentscheiden führe ... Der Berufswahlprozess ist auch mit 30 Jahren nicht abgeschlossen. Es dürfte doch allen klar sein, dass es mit einer Lehre nicht mehr getan ist. Durch die vielen Studienlehrgänge ist innerhalb des Berufslebens allemal ein Richtungswechsel möglich. Fatal ist, dass bald 50 % Schulabgänger anstelle einer Lehrstelle und Berufsmatura weiterhin die Schulbank drücken und nach dem Studium keine Anstellung finden. Antworten


Peter Schärer

23.09.2009, 09:30 Uhr
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9 Jahre reguläre Schule reichen nicht mehr aus, mehr Fremdsprachen, Handarbeit ausdehen, Religion und Kultur, etc. , es hat keinen Platz mehr. Als zusätzliche Belastung kommt nun der Druck in der 2. Oberstufe sich schon für einen Beruf entscheiden zu müssen, das 3. Jahr wird dann noch mehr oder weniger ausgestanden. 10 Jahre Regelschule, Berufwahl im 9. Jahr + ev. 10. Schuljahr Antworten



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