Schluss mit Fairplay bei der Lehrstellensuche
Von Monica Müller. Aktualisiert am 23.09.2009 11 Kommentare
Lehrlinge müssen sich immer früher bewerben: Medizinische Praxisassistentin in Zürich. (Bild: Keystone)
Fallmanager für Lehrabbrecher
Viele Jugendliche haben Mühe, nach Abschluss der obligatorischen Schule den Einstieg ins Berufsleben zu schaffen. Von den 12'685 diesjährigen Schulabgängern müssen rund ein Viertel ein Brückenjahr einschalten. Zwar sei die Lehrstellensituation im Kanton Zürich trotz Wirtschaftskrise erstaunlich robust, sagte Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) gestern vor den Medien. Doch die wachsende Zahl der Jugendlichen mit einer Zwischenlösung bereite ihr Sorgen.
Diese Jugendlichen und solche, die mit ihrer Lehre nicht zurechtkommen oder sie abbrechen, erhalten ab dem Schuljahr 2010/2011 Hilfe von sogenannten Case Managern. Aeppli sieht hier angesichts der hohen Zahl von Lehrabbrechern (2009: 9 Prozent) einen besonderen Handlungsbedarf. Von einer individuellen Begleitung profitieren sollen auch jene 9 Prozent, die im Durchschnitt die Lehrabschlussprüfung nicht bestehen, oder Lehrabgänger, die trotz Abschluss keinen Job finden.
Das vom Regierungsrat verabschiedete Konzept zum Case Management sieht die Betreuung von bis zu 1000 Jugendlichen jährlich vor. Dafür stellt er sechs Case Manager an, die den regionalen Berufsinformationszentren angegliedert sind. Überwiesen werden die Problemfälle von Lehrpersonen oder Lehrmeistern. Die Bildungsdirektion rechnet mit Kosten von 5,3 Millionen Franken für die nächsten drei Jahre. Der Bund beteiligt sich über Fördermassnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit mit 3,7 Millionen Franken. (mom)
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«New Talents: Das grösste Casting der Schweiz» ist nicht etwa eine neue TV-Sendung für Gelegenheitstalente, sondern ein Köder für Jugendliche: Seit Anfang August wirbt Migros mit diesem Slogan für ihre Lehrstellen für 2010 und hat ganzseitige Inserate in Gratiszeitungen geschaltet. Vor einigen Jahren wäre dies undenkbar gewesen. Knapp 15 Jahre lang respektierten die meisten grossen Arbeitgeber die Aktion Fairplay. Ein Gentleman's Agreement, das den 1. November als Stichtag für die Lehrstellensuche festsetzte. Dieses Jahr inserierten unter anderen das Outdoor-Kleidungsgeschäft Transa, der Pharmakonzern Bayer, die Grossbank UBS und auch die ETH Zürich ihre offenen Lehrstellen bereits im Sommer im «Stellen-Anzeiger».
Jugendliche haben Angst
«Jedes Jahr findet der Run auf Lehrlinge und Lehrstellen früher statt. Der Markt regiert auch den Lehrstellenbereich», sagt Dieter Schorno, Leiter Berufsbildung ETH Zürich. «Aus Anfang November wurde Mitte Oktober, aus Mitte Oktober Ende September, dieses Jahr wars schon der August.» Schorno bedauert die Entwicklung, weil die Jugendlichen so keine Zeit mehr haben, entspannt in die 3. Oberstufe zu starten, sondern sich sofort mit ihrer beruflichen Zukunft beschäftigen müssen. Auf der Strecke bleibe dabei oft die persönliche Entwicklung. «Viele müssen diese dann im 10. Schuljahr nachholen.» Auf das Inserat der ETH Zürich haben sich bereits 600 Jugendliche beworben. «Man merkt, dass sie Angst haben», so Schorno.
Ralf Margreiter vom KV Schweiz und Kantonsrat der Grünen glaubt nicht, dass das Rennen um die Besten so aufgeht. Kaum ein Job in der Chefetage werde fast ein Jahr vor Stellenantritt besetzt. «Der Wettlauf findet unter den Lehrbetrieben und den Lehrstellensuchenden statt. Und die Eltern machen mit, weil sie froh sind, wenn ihre Kinder möglichst schnell untergekommen sind.» Doch der Berufswahlprozess sei so früh oft noch nicht abgeschlossen, was zu Fehlentscheiden und im schlechtesten Fall Lehrabbrüchen führen könne. Margreiter: «Attraktive Arbeitgeber haben diesen Wettkampf nicht nötig.»
Fairplay war ein Abkommen ohne Verbindlichkeit, das zwischen Berufsberatung, Schulen und Lehrbetrieben 1989 geschlossen und 15 Jahre lang immer wieder erneuert wurde. René Zihlmann, Direktor des Laufbahnzentrums Zürich und «Vater von Fairplay», bedauert das Ende von Fairplay: «Vor sechs Jahren begann das Abkommen zu bröckeln, heute gilt das Gentleman's Agreement definitiv nicht mehr.» Vor allem im Bereich der kaufmännischen Ausbildungen gebe es einen richtigen Kampf um die Besten, der bereits im September beginne. Das Laufbahnzentrum Zürich versuche, die Firmen zu motivieren, nicht alle Lehrstellen sofort zu vergeben. Als Berufsberater müsse man Realist sein. Zihlmann ist stolz, 15 Jahrgängen von Jugendlichen «zu mehr Schnauf» verholfen zu haben.
Frühe Entscheide führen zu Fehlern
Etwas Positives kann Zihlmann dem Ende von Fairplay doch abgewinnen: «Der 1. November wurde für manche zum Stresstermin.» Die Einladungen zum Vorstellungsgespräch mussten allesamt am 31. Oktober abgeschickt werden, alle warteten auf den Startschuss.» Eine offenere Handhabung habe auch ihre Vorteile – ohnehin würden nicht alle Lehrstellen sofort besetzt. So waren Anfang 2009 im Raum Zürich noch 100 KV-Lehrstellen offen.
Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP) «hat keine Freude am Kampf um die Besten»: «Die schulisch Stärksten kommen zuerst unter. Das heisst aber noch lange nicht, dass sie auch die besten Kandidaten sind.» Marc Kummer, Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts, hofft, dass sich der Wettstreit um die vermeintlich Besten nicht noch weiter nach vorne verschiebt: «Sonst gibt es noch mehr Fehlentscheide bei der Berufswahl.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.09.2009, 08:47 Uhr
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11 Kommentare
Doch der Berufswahlprozess sei so früh oft noch nicht abgeschlossen, was zu Fehlentscheiden führe ... Der Berufswahlprozess ist auch mit 30 Jahren nicht abgeschlossen. Es dürfte doch allen klar sein, dass es mit einer Lehre nicht mehr getan ist. Durch die vielen Studienlehrgänge ist innerhalb des Berufslebens allemal ein Richtungswechsel möglich. Fatal ist, dass bald 50 % Schulabgänger anstelle einer Lehrstelle und Berufsmatura weiterhin die Schulbank drücken und nach dem Studium keine Anstellung finden. Antworten
Es ist verheerend für die Jugendlichen bereits Anfangs der 2. Oberstufe eine Lehre haben zu müssen. Sie entwickeln sich doch so stark im letzten Schuljahr. Gebt Ihnen doch die Zeit. Ausserdem verpassen sie ja den ganzen Schulstoff der 3. Oberstufe durch den Lehrstellenstress. Schade. Antworten


































