Schluss mit öffentlichen Saufgelagen

In Dübendorf dürfen Jugendliche unter 16 Jahren in der Öffentlichkeit keinen Alkohol mehr konsumieren. In der Stadt Zürich fehlt ein entsprechender Gesetzesartikel. Er sei nicht durchsetzbar, heisst es.

Biertrinken nur mit Ausweis: Jugendliche unter 16 Jahren dürfen in Dübendorf keinen Alkohol konsumieren. Auf dem Bild Besucher des Zürcher Freestyle-Festival am 25. September 2011.

Biertrinken nur mit Ausweis: Jugendliche unter 16 Jahren dürfen in Dübendorf keinen Alkohol konsumieren. Auf dem Bild Besucher des Zürcher Freestyle-Festival am 25. September 2011. Bild: Keystone

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An Details vom Dorffest Anfang September dürften sich einige Dübendorfer Jugendliche nicht mehr erinnern. Sie hatten am Freitagabend mächtig über den Durst getrunken. Darunter waren auch 14- und 15-Jährige, die trotz entsprechendem Festbändel an Alkohol gelangt waren. Drei von ihnen mussten ärztlich behandelt werden, ein Mädchen musste sogar ins Spital eingeliefert werden. Für Sicherheitsvorstand André Ingold (SVP), der vor Ort war, bot sich «ein trauriger Anblick».

Damit soll nun Schluss sein. Die Stadt Dübendorf verbietet Jugendlichen unter 16 Jahren ab Anfang nächsten Jahres den Konsum von Alkohol in der Öffentlichkeit. So steht es in der neuen Polizeiverordnung der Stadt, die auf Anfang 2013 in Kraft tritt. Die Regelung deckt sich mit dem nationalen Alkohol-Verkaufsverbot – Wein und Bier erst ab 16, Spirituosen ab 18 Jahren.

Prävention im Vordergrund

Was als Reaktion auf exzessive Saufgelage von Dübendorfer Jugendlichen gedeutet werden kann, verkauft Marco Strebel, Leiter der Abteilung Sicherheit, als Präventionsmassnahme und Teil des Jugendschutzes. «Es geht uns um die Früherkennung von jungen Alkoholkonsumenten», sagt er.

Für die Dübendorfer Polizisten ist der neue Artikel 8 der Polizeiverordnung eine nützliche Handhabe. Sie haben damit eine gesetzliche Grundlage, auf die sie sich im Ernstfall berufen können. Sie nehmen den Jugendlichen den Alkohol weg und übergeben Getränk sowie Kind den Eltern. Im Kurzverfahren werden Bussen von 60 bis 80 Franken ausgesprochen. In schweren Fällen wird der Jugenddienst der Polizei eingeschaltet, und die Jugendlichen werden verzeigt.

Der Kanton hält sich zurück

Oberembrach, Thalwil und Volketswil haben in den letzten Monaten ebenfalls ein Konsumverbot in der Polizeiverordnung verankert. Christoph Keller (parteilos), Sicherheitsvorstand von Volketswil, sieht dieses als Grundlage für eine Intervention, «wenn es denn nötig ist». Tatsächlich zur Anwendung gekommen ist es diesen Sommer noch nicht. Des schlechten Wetters wegen, sagt Keller.

Im Bezirk Uster will man die Regelung gar flächendeckend einführen, damit für Jugendliche in allen Gemeinden die gleichen Spielregeln gelten. Andere Gemeinden im Kanton denken ebenfalls über eine Gesetzesänderung nach. Der Kanton Zürich hingegen hält sich zurück. Man habe keine abgestimmte Meinung zum Alkoholkonsum von Jugendlichen im öffentlichen Raum, lässt die Sicherheitsdirektion von Regierungsrat Mario Fehr (SP) verlauten.

Zu wenig Polizisten

In der Stadt Zürich fehlt ein entsprechender gesetzlicher Passus. Er war auch kein Thema, als die Allgemeine Polizeiverordnung (APV) kürzlich revidiert wurde. Das bestätigt Reto Casanova, Leiter Kommunikation des Polizeidepartements von Stadtrat Daniel Leupi (Grüne). Es sei damals kein Bedürfnis gewesen, den Alkoholkonsum bei Jugendlichen gesetzlich zu regeln. Für die Stadt sei diese Massnahme auch kein taugliches Instrument. «In Zürich, mit den Heerscharen von Jugendlichen, wäre dies schlicht nicht durchsetzbar», sagt er. Die Stadtpolizei müsste ihr Kontingent um ein Mehrfaches aufstocken.

Passen jedoch Gemeinden ihre Polizeiverordnungen in Richtung Alkoholverbot an, wird Zürich bald zum einzigen straffreien Raum für junge Trinker. «Dem ist so, aber die Jugendlichen zieht es ohnehin in die Stadt, Verbot hin oder her», sagt Casanova. Dass Jugendliche deswegen in Zürich einen Freipass zum Trinken hätten, dementiert Marco Cortesi, Mediensprecher der Stadtpolizei. Man reagiere sehr wohl schon heute, wenn Jugendliche durch übermässigen Alkoholkonsum auffallen. Sie würden kontrolliert und bei Bedarf die Eltern informiert. Zudem werde allenfalls der Jugenddienst der Stadtpolizei eingeschaltet.

Jugendarbeiter skeptisch

In Dübendorf liegt es nun an Stefan Ritz, dem Leiter der Kinder- und Jugendarbeit, die Teenager auf das Verbot hinzuweisen. Sein Team wird weiterhin die neuralgischen Punkte in der Stadt aufsuchen, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen. «Doch in Zukunft werden sie sich wohl an Orten aufhalten, wo sie weniger auffallen», sagt Ritz.

Er hat jedoch seine Zweifel, ob die Massnahme greift. Aus seiner Sicht wirkt eine erfolgreiche Prävention nur über den Preis. «Seit die Zigaretten so viel kosten, konsumieren unsere Jugendlichen weniger.» Ebenso wäre es beim Alkohol, ist Ritz überzeugt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.11.2012, 07:33 Uhr)

Die Regeln im Ausland

In sehr vielen Ländern sind die Gesetze beim Alkoholkonsum wesentlich strenger als in der Schweiz. So ist in den USA der Verkauf und öffentliche Ausschank an Personen unter 21 Jahren verboten. In 14 Bundesstaaten ist es Personen unter 21 Jahren nicht einmal im privaten Rahmen erlaubt, Alkohol zu konsumieren; Eltern, die dies dulden, machen sich strafbar. In vielen US-Staaten ist der Alkoholgenuss auch für Erwachsene in der Öffentlichkeit (Strassen, Parks, Verkehrsmittel) verboten. Das gilt auch für Australien. Häufig dürfen alkoholische Getränke nicht einmal sichtbar herumgetragen werden. Deshalb wickeln viele Leute ihre Flaschen in Zeitungspapier oder braune Tüten. Einige US-Staaten verbieten sogar, geöffnete Weinflaschen im Kofferraum zu transportieren.

In Europa ist ausgerechnet im Land der Botellones – in Spanien – der öffentliche Alkoholkonsum verboten. In Skandinavien ist Alkohol hoch besteuert und nur in Monopolläden erhältlich. In Norwegen gilt: Wenn jemand sichtlich unter Alkoholeinfluss steht, darf ihm der Gastwirt nichts mehr ausschenken. Auch in Polen, Prag und mehreren deutschen Städten ist Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit verboten, ebenso in den U-Bahnen von London, Athen, Moskau und Budapest. (rba)

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