Zürich
Schulwege zum Glück
Von Stefan Häne. Aktualisiert am 20.05.2010 18 Kommentare
Bastien Girod. (Bild: Keystone )
Buch
In seinem neuen Buch «Green Change» zeigt Bastien Girod (Grüne Partei) Wege auf, wie Politik und Gesellschaft «grüne Veränderungen» herbeiführen können – und dabei glücklicher werden. Girod ortet «soziale Dilemma-Situationen», die uns auf einem «unglücklichen Pfad» festhalten. Materielle Bedürfnisse würden generell überschätzt, schreibt er. Die Politik verstärke diesen Effekt: Es liessen sich leichter Ausgaben legitimieren, die dem materiellen Wohlstand dienten, als solche, die «inneren Bedürfnissen» Genüge täten. Girod untersucht auch die Auswirkungen der Migration auf die Schweiz. In diesem Zusammenhang hat er bereits im letzten Herbst Kritik einstecken müssen: In einem Positionspapier monierte er, die Schweizer Bevölkerung wachse stärker, als es die Umwelt vertrage. Um den Green Change voranzutreiben, muss die Politik gemäss Girod das «Links-rechts-Schema» überwinden, dies mit drei Allianzen: einer grün-liberalen, grün-sozialen und grün-konservativen. Gefordert seien aber auch Wissenschaft und Gesellschaft, letztlich jeder Einzelne von uns. Das rund 200 Seiten starke, verständlich geschriebene Buch zeigt auch Girods politischen Werdegang auf.
Stichworte
Die Schweizerinnen und Schweizer können ihr Glück nicht mehr steigern – obschon ihr materieller Wohlstand zunimmt und sich die Technologien laufend verbessern. Dies zeigt eine Erhebung, die das Schweizer Haushalt-Panel zwischen 2000 und 2008 jährlich durchgeführt hat. Negative Gefühle sind in der Tendenz gar auf dem Vormarsch, positive hingegen nehmen ab, wobei zugleich die Abhängigkeit von Medikamenten steigt.
«Innere» Bedürfnisse kommen zu kurz
Diese «besorgniserregenden» Fakten legt der Zürcher Nationalrat Bastien Girod (Grüne) in seinem neuen Buch «Green Change» dar (siehe unten). Bei seiner Analyse stützt sich Girod unter anderem auf Bruno S. Frey, Professor für Ökonomie an der Uni Zürich: Demnach neigen die Menschen dazu, «äussere» Bedürfnisse wie das Einkommen und das daraus erwachsende Glück überzubewerten. Das Gegenteil passiere bei «inneren» Bedürfnissen wie etwa dem Zusammensein mit Freunden.
Einen Grund für dieses Ungleichgewicht ortet Girod in der Schule, die in Fächern wie Mathematik und Wirtschaft «vor allem vermittelt, wie das Einkommen maximiert werden kann». Es fehle jedoch ein Fach, das zeige, wie sich die «Lebenszufriedenheit» steigern lasse. Die Glücksökonomie, so Girod, habe bewiesen, dass nebst dem Einkommen – als Gradmesser des Konsums – diverse andere Faktoren für das Wohlbefinden der Menschen entscheidend seien – etwa die Beziehung zu Freunden und zur Familie, der Grad der Selbstbestimmung, die eigene Gesundheit sowie eine intakte Natur. Girod regt daher an, ein neues Schulfach zu schaffen: «Glück». Darin sollen die Schüler lernen, welche Faktoren das Glücksempfinden langfristig steigern. Girod sieht darin einen wichtigen Puzzlestein auf dem Weg zum «Green Change» – zur grünen Wende, die er anstrebt.
Wie Nobelpreisträger Stiglitz
Die Idee eines Schulfachs «Glück» stammt nicht aus Girods Schmiede. Im deutschen Heidelberg wird «Glück» bereits unterrichtet. Im Kanton Aargau hatten die Grünen im Januar in einem Postulat einen speziellen «Glück»-Unterricht gefordert – und sind damit gescheitert. Die Aargauer Regierung will für Berufs- und Oberstufenschüler kein solches Fach. Girod hält das Nein der Aargauer Regierung für bezeichnend: «Die Politik erkennt den Handlungsbedarf leider nicht.» Alles, was für die Schüler dereinst «einkommens- oder statusrelevant» werde, habe im Unterricht mehr als genügend Platz. Das Wohlbefinden der Menschen ins Zentrum zu stellen, erscheine jedoch vielen suspekt. Girod verweist auf den Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Dieser sei «sicher kein Esoteriktyp», wolle die Ergebnisse der Glücksforschung aber dennoch in die Ökonomie einfliessen lassen.
Wie es nach dem gescheiterten Anlauf im Kanton Aargau weitergeht, ist unklar. Noch nicht beantworten möchte Girod die Frage, ob sich Zürich als Versuchslabor eignen würde und auf welcher Schulstufe das Fach «Glück» eingeführt werden soll. Offen lässt er auch, ob es zulasten anderer Fächer ginge.
«Grüne Esoterik»
Girods Forderung löst teilweise geharnischte Reaktionen aus. Für SVP-Kantonsrat und Sekundarlehrer Matthias Hauser beweist Girod mit seiner Idee «Weltfremdheit». Girods «grüne Esoterik» läute nicht etwa den «Green Change» ein, sondern beschleunige den Niedergang des Leistungsgedankens. Skeptisch ist EVP-Präsident Johannes Zollinger, der den Verband Zürcherischer Schulpräsidenten präsidiert: Glück sei zwar tatsächlich erlernbar, sagt er. Es sei jedoch keine Staatsaufgabe, Glück zu lehren. Zollinger befürchtet eine Mehrbelastung für das Lehrpersonal, das heute schon am Limit sei. Zudem möchte er verhindern, dass die Schule «am Ende die Schuld dafür trägt, dass die Welt nicht glücklich ist».
Keinen Support erhält Girod auch von Esther Guyer, Fraktionschefin der Grünen und Kandidatin fürs Schulpräsidium im Schulkreis Uto. Die Volksschule fördere heute schon die «Achtung vor Mensch und Umwelt» und strebe eine «ganzheitliche Entwicklung» der Schüler an; dies sagt auch Zollinger. Guyer ist überzeugt, dass diese Ziele an den Zürcher Schulen bereits umgesetzt werden.
Anders sieht es Patrick Hofstetter, Leiter Klimapolitik beim WWF Schweiz. Ihm gefällt das «Girod-Prinzip zur grünen Revolution», weil es in pragmatischer Art «nichts weniger als das gesellschaftliche Wohlergehen in den Mittelpunkt stellt». Die Forderung nach einem Schulfach zur glücklichen Lebensgestaltung hält Hofstetter für richtig. In seinen früheren Forschungsarbeiten zur Glücksmaximierung habe sich gezeigt, dass sich bereits die Beschäftigung mit der Glücksfrage positiv auf die eigene Zufriedenheit auswirke.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.05.2010, 06:37 Uhr
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18 Kommentare
Herr Girod befriedigt seine "inneren Bedürfnisse" perfekt. Er ist der geniale Selbstdarsteller und ein blendender Phrasendrescher. Weil seine Gesinnungsgenossen und die Medien ihm an den Lippen hängen muss er überglücklich sein. Dass er sogar einen Nobelpreisträger nennen kann, der seine Forderungen stützt, beweist seine enorme geistige Kapazität vom Offroad-Verbot bis zum Glücksprofessor! Hut ab Antworten
Glück baut auf einem gesunden Selbstwergefühl auf, dieses sollte in der Familie wachsen und aufgebaut werden. Natürlich kann man in der Schule dazu beitragen, aber das liegt mehr an der Art des Unterrichts als am Fach. Wenn der Unterricht interessant gestaltet ist und Motivation auslösen kann, dann ist dies schon ein grosser Teil des Glücks eines jeden Schülers. Antworten
Dass ein junger Mann wie Girod sich so für eine bessere Welt ins Zeug legt, hat meine Achtung und verdient Respekt. Er gehört zur Generation Zukunft und darf gehört und nicht belächelt werden. Dass das Fach Ethik immer noch nicht Schulfach ist bedauere nicht nur ich. Da wäre Wilhelm Schmid zu empfehlen, welcher beratend wirken könnte mit 'Einführung in die Lebenskunst' (Suhrkampf). Go on Bastien! Antworten
Mit jeder Reform und jeder "Schulstoff"-ausweitung wurde unser Schulsystem verschlechtert und unsere Kinder sind immer schlechter für das Leben vorbereitet. Darum müssen immer mehr ausgebildete Fachkräfte importiert werden. Bürokraten und Weltfremde wie Girod, werden zum Totengräber unserer Kultur und Zivilisation! Das Ziel sind nur noch lebenslange Studenten, wie wir sie schon viele in der Politi Antworten
Es ist doch interessant, wie schnell jemand belächelt wird, der sich dem Thema Glück annimmt. Dabei macht man sich des Zynismus schuldig. Ich finde es auch fragwürdig, so etwas an der Schule lehren zu wollen. Aber erstens übernimmt die Schule schon heute viele Erziehungsaufgaben. Und zweitens werden ja auch andere fragwürdige Dinge an Schulen gelehrt und Kinder immer mehr zu Nützlingen erzogen. Antworten
@ Erich Brunner: Sich auf das Wesentliche konzentrieren. Und was ist das Wesentliche? Das, was einem Wesen eigen ist. Wenn demnach jemand nicht glücklich ist, dann sollte er sich wohl auf den kläglichen Rest konzentrieren, aha. Die Pille bekommen die Schüler ja schon. An der Goldküste sind es nahezu 10 %! Und plus/minus 50 % der Schülerinnen und Schüler "geniesst" sonderpädagogische Massnahmen. LG Antworten
vielleicht sollte man das fach eben als unterfach wie die thematik drogen/sucht, sexuelle aufklärung in ein fach wie "mensch und umwelt" einpacken. glück kann man auch spielerisch übermitteln. dies könnte auch im bereich des hauswirtschaftsunterrichts geschehen "gemeinsam essen macht zufrieden". nötig wäre, die kinder darauf mehr zu sensibilisieren und nicht alles für selbstverständlich zu nehmen. Antworten
Ich finde es eine gute Idee die Ergebnisse der Glücksforschung in die Gesellschaft einfliessen zu lassen. Dem SVP-Kantonsrat Matthias Hauser kann ich nur sagen: "Menschen sind von Natur aus motiviert und leistungsfreudig. Sie müssen nicht angetrieben werden (ausser für Sachen, die sie nicht wollen ;-). Das Problem sind die Dinge und Umstände die Menschen demotivieren. Antworten
Die "Glücksokonomie" ? Ist das die Wirtschaftsform der Linken und Grünen ? Das Wohlbefinden soll in der Schule gelernt werden ? Warum gibt man den Schülern nicht einfache eine Tablette ? Glück sollte in der Familie und bei Freunden gefunden und gelernt werden. Es gibt schon genug unnötige Schulfächer. In der Schule sollte man sich auf das wesentliche konzentrieren. Antworten
anstatt ein anliegen wie "schulfach glück" zu bringen, sollte man in den schulen wieder biblischen unterricht einführen. von dort her werden die kids lernen wie sie zum segen kommen (wohl das was girod mit "glück" meinte, aber ein riesenunterschied ist). mathe & wirtschaft sind wichtig. lässt man das weg dann verblöden sie ja noch mehr. in schule lernen. in freizeit mit freunden sein (nicht xbox) Antworten
Die Idee finde ich eigentlich sehr gut Nur wer sollte unterrichten? Für das braucht es keine Extremisten, seien es Linke oder Rechte, Grün oder Schwarz. Menschen dafür zu finden die die innere Stärke und Wahrheit haben ist fast unmöglich. Darum lieber nichts machen als irgendwelches Pseudezeugs, das würde der Sache mehr schaden als nützen. Antworten




EVA Einstein-Pestalozzi
Schul-Fach Glück? Im Aargau haben wir das Kleeblatt-Jahrelangem sehr informativem Wahlkampf abgelehnt, dank BildungsKaktus Angsmacherei SVP zu teuer nicht nötig können wir uns nicht leisten. Das Glück aufs Spiel gesetzt, verloren , jetzt aber geht der Run erst recht los, Wir pflegen Renovieren den Schulraum anstatt zu fragen, was braucht ES das Kind /das Elternhaus damit das Leben gemeistert wird Antworten