Schülerin verliert Lehrstelle, weil sie die Lehrerin auf Facebook beleidigte

Im Sommer hätte Tanja Müller ihre Lehre bei der Gemeinde Freienbach anfangen sollen. Es kommt nie dazu. Wegen einer unanständigen Bemerkung im Internet löste die Gemeinde den Vertrag im Mai auf.

Bild: Karikatur: Schaad

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Als Tanja Müller* ihren Lehrvertrag in den Händen hatte, war die ganze Familie stolz. Die 15-Jährige hatte sich gegen 150 andere Interessentinnen und Interessenten durchgesetzt. Und das war keineswegs selbstverständlich. Denn Tanja besucht die Realschule (entspricht der Sek B in Zürich), die Stelle richtete sich aber eigentlich an einen Absolventen der Sekundarschule (in Zürich Sek A).

Unanständiger Facebook-Eintrag

Umso grösser war die Verunsicherung, als Tanja zusammen mit ihrem Vater im Mai von der stellvertretenden Gemeindeschreiberin Irene Helbling zum Gespräch zitiert wurde. Vater Markus Müller* schwante nichts Gutes: «Wir wussten, dass die Gemeinde am Tag vorher mit Tanjas Schule ein Gespräch hatte. Aber ich ging davon aus, dass sie nicht zum Letzten schreiten würden.» Die Hoffnung zerschlug sich rasch. Helbling machte im Gespräch klar, dass die Gemeinde Tanja nicht einstellen könne. Es gebe Gerüchte über ihren schlechten Umgang im Dorf. Vor allem aber war da ein unanständiger Facebook-Eintrag. Tanja hatte zu einem Foto, auf dem eine Holzkiste zu sehen ist, geschrieben: «Frau H. passt mit ihrem Arsch sicher nicht in diese Kiste.» Frau H. ist Tanjas Lehrerin. Als «nicht normal» sah die Gemeinde auch die Tatsache an, dass Tanja auf Facebook 750 Freunde hat.

«Mobbing der anderen»

Markus Müller war ziemlich entgeistert. Dass seine Tochter nicht eben geschickt war, ist ihm klar: «Wir haben Tanja schon hundertmal gesagt, pass auf mit Facebook.» Mittlerweile sei der kompromittierende Eintrag längst gelöscht, ebenso habe Tanja ihre Freundesliste reduziert.

Noch immer kann Müller kaum glauben, dass «so wenig» für eine Auflösung des Lehrvertrags reicht. Vor allem aber kritisiert er das Vorgehen der Gemeinde. Diese habe sich auf Gerüchte von anderen Lehrlingen gestützt, sagt er. Für ihn ist das Mobbing. Weder er noch Tanja hätten die Möglichkeit erhalten, sich zu erklären. Er ist überzeugt, dass Tanja nie einen schlechten Umgang hatte: «Sie ist nie betrunken, hatte nie Schwierigkeiten mit der Polizei, kommt pünktlich nach Hause.» Auch Tanja ist ratlos: «Ich war vielleicht nicht immer artig, aber ich weiss nicht, was das mit meiner Lehrstelle zu tun hat.» Was sie auf Facebook geschrieben habe, sei als harmloser Jux gedacht gewesen.

Trotz allem unterschrieb der Vater schliesslich eine Vereinbarung, die eine Auflösung des Vertrags «im gegenseitigen Einvernehmen» festhält. Das sei wohl sinnvoller, als Tanja in einem Betrieb in die Lehre zu schicken, «wo Lehrlinge Lehranfänger einfach wegmobben können». Er vermutet, man sei seiner Tochter gegenüber voreingenommen gewesen. Entweder weil sie im Winter zusammen mit anderen Kindern nach Scherereien mit dem Lehrer die Schulklasse wechselte. Oder weil er selbst beim Fernsehen arbeitet.

«Kein Risiko eingehen»

Irene Helbling bestreitet diese Vorwürfe. «Wir wollten Tanja wirklich eine Chance geben, gerade auch nach dem Klassenwechsel», sagt sie. «Schon damals hörten wir Gerüchte, aber die erwiesen sich als haltlos.» Als andere Jugendliche aber erneut über Tanjas schlechten Ruf geredet hätten, habe sie sich gezwungen gesehen, dem nachzugehen. Das sei wohlüberlegt und nicht ohne Grund geschehen: «Eine Gemeinde ist ein ganz heikler Betrieb; unsere Lehrlinge haben auch Zugang zu sensiblen Daten. Da dürfen wir kein Risiko eingehen.» Den Ausschlag habe nicht der eine Facebook-Eintrag gegeben, sondern ein Gespräch mit Schulleiterin und Lehrerin. Da seien weitere Vorfälle bekannt geworden, unter anderem ein Dialog auf Facebook, in dem sich das Mädchen ebenfalls abfällig äusserte. «Nach diesem Gespräch war uns klar, dass das Vertrauensverhältnis gestört war. Daran hätte auch eine Stellungnahme der Eltern oder von Tanja nichts mehr geändert. Wir haben uns diesen Entscheid nicht leicht gemacht.»

Barbara Ardizzone, Schulleiterin an Tanjas Schule, hat Verständnis für die Haltung der Gemeinde. «Tanja war im direkten Kontakt mir gegenüber immer anständig. Aber sie hat auf Facebook Lehrer blöd hingestellt. Und das muss Konsequenzen haben.» Die Lehrkräfte würden die Jugendlichen auch immer wieder darauf hinweisen, wie problematisch unanständige Äusserungen im Internet seien. Sowohl Helbling als auch Ardizzone räumen ein, es sei ihnen klar, dass junge Menschen die Anstandsregeln etwas lockerer nähmen als Erwachsene. Aber es sei ein Unterschied, ob das mündlich oder im Internet passiere.

Erst einmal ins zehnte Schuljahr

Für Tanja und ihre Eltern beginnt die Lehrstellensuche nun von vorne. Vorerst hat sie sich für das zehnte Schuljahr angemeldet. Wie es nachher weitergeht, weiss sie noch nicht. Eines aber hat sie gelernt: «Ich stelle keine Bilder und Sprüche mehr ins Internet.»

* Name der Redaktion bekannt (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 08.06.2011, 23:27 Uhr)

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