Zürich
«Sek-C-Schüler bleiben zurück»
Interview: Christoph Landolt. Aktualisiert am 03.11.2010 7 Kommentare
Beat W. Zemp ist Zentralpräsident des Dachverbands Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH). (Bild: PD)
Artikel zum Thema
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an
4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Herr Zemp, der Kanton Zürich verändert nichts an seinen Schulstrukturen und behält die Sek C bei. Ein Erfolg der Lehrerschaft?
Das Strukturthema ist uralt, seit 1968 wird immer wieder über die Gesamtschule ge-stritten. Der Kanton Zürich hat es sich schliesslich zu einfach gemacht, indem die Entscheidung an die Gemeinden delegiert wurde. Jetzt wollte man das korrigieren. Das Papier, das herausgekommen ist, zeigt die Hilflosigkeit, mit der man hier ans Werk gegangen ist. Es beweist die jahrelange Pattsituation der Politik auf kantonaler Ebene bei dieser Strukturfrage.
Bildungsdirektorin Aeppli begründet den Verzicht auf eine Harmonisierung mit dem Widerstand aus der Lehrerschaft. Sind die Lehrer unführbar?
Man kann eine wichtige strukturelle Änderung nicht gegen den geschlossenen Widerstand der Betroffenen durchsetzen. Das zeigt die Erfahrung auch aus anderen Branchen. Es ist zum Beispiel sehr schwierig, die Medikamentenpreise gegen den Willen von Ärzten, Apothekern und der Pharmaindustrie zu senken.
Sind die Lehrer unreformierbar?
Wohl eher Reform-ernüchtert. Die Erfahrung der Lehrer ist, dass nach einer Reform schon die nächste kommt. Viele sagen sich, jetzt würden wir gerne mal eine Reform zu Ende und zum Erfolg bringen. Doch dazu fehlen oftmals die zeitlichen und finanziellen Ressourcen.
Kann ein Schüler in der Sek C überhaupt etwas lernen?
Wenn die Zugpferde in einer Klasse fehlen, dann wird’s schwierig. Duch Selektion wird man aber nie homogene Lerngruppen bilden können. Das sehe ich selbst in den Gymi-Klassen, die ich unterrichte. Da ist alles dabei, von begriffsstutzig bis hochbegabt. Die Frage ist: Betreibt man Eliteförderung und nimmt dabei «Restschulen» in Kauf, oder will man eine optimale Förderung für möglichst viele Schülerinnen und Schüler unter einem Dach?
Ist das ein Widerspruch?
Mit einem zweigliedrigen System werden die schlechten Schüler etwas besser, die guten aber nicht unbedingt schlechter. Das zeigen grossangelegte Studien wie jene des deutschen Bildungsökonomen Ludger Wössmann. Das Land mit den besten Schulen, Finnland, verzichtet auf jegliche Selektion bis zum Ende der Volksschule. Mit dem dreistufigen System bleiben die Sek-C-Schüler oftmals hinter ihrem Potenzial zurück. Ich sage aber nicht, dass ein dreistufiges Modell grundsätzlich nicht funktionieren kann. Es kommt eben sehr auf die Betreuungsrelationen an. Die Sek C darf aber auf keinen Fall zu einer «Restschule» verkommen, in der sich die Problemfälle häufen. Es braucht eine gezielte Förderung jedes einzelnen Schülers vor allem bei den Sprachkompetenzen. In diesem Punkt gehe ich mit der SVP einig, die fremdsprachigen Kindern eine intensive Sprachförderung verschreiben will, bevor sie in die Regelklassen eingeteilt werden.
Warum wehren sich die Lehrer gegen ein zweistufes System?
Meist sind es die Lehrpersonen der höheren Niveaustufen, die das dreistufige System beibehalten wollen und davor warnen, das gute Schulsystem zu zerstören. Das Resultat ist aber ernüchternd. Im Kanton Aargau etwa sind die Leistungen der Schüler aus den Bezirksschulen zwar sehr gut. Die Realschüler haben aber umso schlechter im Pisa-Test abgeschnitten. Insgesamt erreichen 15-17 Prozent der Schüler nicht mal die niedrigste Leistungsstufe im Pisa-Test in den getesteten Fächern. Diesen Schülerinnen und Schülern fehlen elementare Sprachkompetenzen und sie können kaum rechnen. Daher finden Sie auch nur schwer eine Lehrstelle und enden dann oft als Sozialfälle.
Warum ist die schädliche Sek C dennoch nicht loszuwerden?
Schulstrukturen sind in den Köpfen extrem stark verankert. Nicht nur die Wähler, auch die Lehrer und die Politiker sind mit diesem System aufgewachsen. Alle haben sie das Gefühl, bei ihnen selbst sei es ja gut gekommen, deshalb müsse auch das System gut sein. An der Struktur etwas zu verändern ist daher äusserst schwierig. Ohne einen Konsens geht es nicht. Doch dazu müssten alle Beteiligten die Forschungsresultate und die Auswertungen der Leistungstests zur Kenntnis nehmen.
In anderen Worten: Die Lehrer müssen also gebildet werden.
Ja. Es braucht eine Allianz zwischen den Lehrern und den Pädagogischen Hochschulen, wo die Forschung passiert. Die PHs müssen sich immer wieder anhören, Elfenbeintürme zu sein, in denen sich Akademiker verschanzen, die vom Schulalltag keine Ahnung hätten. Das ist fatal. Wenn es einen Konsens und einer engere Zusammenarbeit zwischen den Forschern, Ausbildnern und den Praktikern gäbe, dann könnte die Bildungsverwaltung das Schulsystem auch besser steuern.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.11.2010, 15:32 Uhr
Kommentar schreiben
7 Kommentare
Ich widerspreche diametral; zu behaupten dass bei einer ausbleibenden Selektion die "Guten" gleichviel lernen ist schlicht Blödsinn. Das Lerntempo und somit das behandelte Wissen ist zwungenermassen kleiner, zusätzlich, wenn es tatsächlich so wäre, gäbe es überhaupt keine Privatschulen mehr. Frage ist tatsächlich: Niveaugerechte Förderung (inkl. "Schere") oder graue Durchschnittsbildung für alle. Antworten
Herr Zemp, Sie sind leider auf dem Holzweg! Ich unterrichte seit über 16 Jahren vor allem C-SchülerInnen und habe nur lernen können ohne Integration und Zeitverschwendung mit warten, warten, statt Aufgehobensein in familiären Klassenstrukturen. Integration von KleinklässlerInnen heisst aktuell 1-2 Lektionen Heilpädagogik pro Woche!!! Halten Sie (!) das mal aus beim Erklären! Und es läutet dauernd. Antworten
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!


