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Sekte lässt Party erst im Jenseits steigen

Von Hugo Stamm. Aktualisiert am 23.02.2010 6 Kommentare

Die Kinder Gottes sind nach langer Absenz wieder in Zürich und Umgebung auf Seelenfang. Die «Flirty Fishing»-Sekte lädt zur grössten Fete aller Zeiten – im Himmel.

Sie haben Aussenseiter im Visier: Flyer der Kinder Gottes.

Sie haben Aussenseiter im Visier: Flyer der Kinder Gottes. (Bild: PD)

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Die Kinder Gottes, die sich heute «Die Familie» nennen, gleichen einer Katze mit sieben Leben. Die radikale Endzeit-Gruppe überlebte in den letzten 40 Jahren alle Stürme und Skandale. Wie zu Zeiten des 1994 verstorbenen Gründers und Frauenschwarms David Berg ziehen die Anhänger in Kleingruppen umher und erbetteln sich als «Missionare» den Lebensunterhalt. Auch heute noch sind sie lichtscheu und tauchen reflexartig ab, wenn Medien oder Behörden anklopfen.

Im Raum Zürich hatten sich ihre Spuren in den letzten Jahren weitgehend verloren, nun tauchen sie plötzlich wieder auf und verteilen Flugblätter. Darin werden junge Leute zur ultimativen Party eingeladen.

«Krasse Party mit der fetten Action»

Das Ambiente der «krassen Party mit der fetten Action» soll einmalig sein. «Super Essen und heisse Getränke» sollen in einer exklusiven Location gereicht werden. «Hey, du brauchst nur die Einladung anzunehmen, und der Einlass ist dir garantiert», versprechen die Veranstalter.

Die Einladung hat es tatsächlich in sich. Der Eintritt ist nur über die Sektenpforte möglich. Wer den Schritt wagt, soll dem Partyveranstalter persönlich begegnen – Jesus Christus. Nach der Fete können die Gäste «für Ewigkeiten die Welt des Himmels auschecken und geniessen», verspricht der Flyer. Und jenen Gästen, die am meisten Einladungen verteilt haben, winken spezielle Ehrungen und «megafette Belohnungen», überreicht von Jesus persönlich. Das Bild auf dem Flugblatt von der Party im Himmel kontrastiert allerdings stark mit dem flapsigen Partyslang. Die Fete findet in einem Saal statt, der mit seinen schweren Säulen, Statuen und langen Vorhängen an einen griechischen Tempel erinnert.

Ohne biblische Endzeit-Drohungen geht die Party bei der «Familie» nicht über die Bühne. Unheimlich schwere Zeiten würden über die Erde hereinbrechen. Begründung: Der Antichrist – «der Teufel in Person» – ist krankhaft eifersüchtig auf den Partyboss Jesus und will ihm das Fest vermiesen.

Die sonst weltfremden Kinder Gottes, die abgeschieden in Kommunen leben, geben sich mit der Party plötzlich weltoffen. Zum Schluss schlagen sie die Tür aber wieder zu und werden erneut ganz Sekte: Wer ein Ticket bestellen möchte, findet lediglich eine Zürcher Postfachadresse und eine E-Mail-Adresse. Allerdings bleibt noch ein wenig Zeit: Tickets für die Party kann man zu Lebzeiten verdienen, die Fete steigt aber erst nach dem Ableben – was das Flugblatt verschweigt.

Mit Sex in die Sekte gelockt

«Die Familie» ist eine radikale christliche Sekte. Der Amerikaner David Berg alias Mose David gründete die Kinder Gottes 1968. Er leitete seine Anhängerinnen an, neue Mitglieder mit sexuellen Avancen anzulocken. Gott habe dem Menschen die Erotik geschenkt, um damit auch die vornehme Aufgabe der Missionsarbeit zu erfüllen. Die Methode nannte sich «Flirty Fishing». So übervölkerten bald Babys die Kolonien oder Wohngemeinschaften der Kinder Gottes. Frauen gebaren oft 10 und mehr Kinder – meist von mehreren Männern. In die Sexspiele wurden oft auch Kinder einbezogen.

In den Achtzigerjahren kam es zu Razzien, die Kinder Gottes tauchten ab. Sie lebten in der Schweiz in Jugendherbergen oder auf Zeltplätzen. Die Eltern unterrichteten die Kinderschar selbst. Kamen ihnen die Behörden auf die Schliche, wechselten sie den Standort. Das Geld bettelten sie als «Missionare» zusammen oder verkauften Nippsachen. Um sich weiter zu tarnen, wechselten sie immer mal wieder den Namen. So nannten sie sich auch schon «Familie der Liebe».

Schweiz einst Sekten-Stützpunkt

Die Schweiz war früher ein internationaler Stützpunkt der Sekte. Viele Schweizer Anhänger wurden in Entwicklungsländern auf Missionstour geschickt. Obwohl die Sekte stark geschrumpft ist, gibt es immer noch Schweizer Anhänger, die seit den Gründungszeiten dabei sind. Für die Angehörigen eine Leidensgeschichte, die sich seit 20, 30 Jahren und länger dahinzieht. Sie kümmern sich heute teilweise um die desorientierten Enkel. Da die Kinder Gottes keine Sozialversicherungen besitzen, dürften viele im Alter Sozialfälle werden.

Der «Tages-Anzeiger» hat versucht, eine Stellungnahme des Partyveranstalters einzuholen. Doch weder die Kinder Gottes noch Jesus beantworteten bis Redaktionsschluss die Fragen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2010, 04:00 Uhr

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6 Kommentare

Daniel Tscherfinger

23.02.2010, 06:31 Uhr
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Wen wundert es..? In der heutigen zeit werden immer wieder Anker gesucht. Die Front ist immer goldig glänzend und sehr vielversprechend. Gehen dann aber die Augen auf... ist es meistens zu spät. Den Absprung oder den Ausstieg zu schaffen, ist oft sehr schwer. Sich im "normalen" Leben wieder zurecht zu finden noch schwerer. Das ist die heutige Zeit. Sei es eine Sekte oder was auch immer. Antworten


ahmet deli

23.02.2010, 08:55 Uhr
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guter artikel. endlich auch mal den fundamentalismus anderer religionen beleuchten. nachdem die anti-minarettinitiative viele probleme wie zwangsheirat, zwangsbeschneidung und macho-kultur gelöst hat, können wir uns nun den christlichen sekten hinzuwenden. doch wer macht etwas gegen die pädophilen sektenmitglieder? braucht es hier eine anti-sekten initiative? Antworten



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