Sex, Geld und der An’Nur-Verein

Einem ehemaligen Vorstand der Winterthurer An’Nur-Moschee wird Sex mit Minderjährigen vorgeworfen. Der Beschuldigte wehrt sich.

Die An’Nur-Moschee (mittleres Gebäude) beim Bahnhof Hegi in Winterthur. Foto: Urs Jaudas

Die An’Nur-Moschee (mittleres Gebäude) beim Bahnhof Hegi in Winterthur. Foto: Urs Jaudas

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Seit mehr als zwei Jahren ermittelt die Bundesanwaltschaft schon gegen ein ehemaliges Vorstandsmitglied des Winterthurer An’Nur-Vereins. Doch die schweren Vorwürfe gegen den Mann, der inzwischen im Thurgau lebt, wurden erst jetzt publik: Er soll nicht nur die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) unterstützt haben, sondern auch Sex mit Minderjährigen gehabt haben. Der Beschuldigte bestreitet dies. Beim Vorwurf des Sexualkontakts mit Kindern im Schutzalter tut er dies kategorisch.

Die Sache ist zusätzlich brisant, weil es sich bei der einen betroffenen Minderjährigen um die Winterthurer Schülerin Adea (Name geändert) handelt. Ende 2014 war die damals 15-Jährige mit ihrem um zwei Jahre älteren Bruder aus Winterthur verschwunden. Später tauchten die beiden in Syrien beim IS wieder auf. Nach einem Jahr kehrten die Geschwister in die Schweiz zurück.

«Brüder im Glauben»

Seit dem Verschwinden versuchen die Strafverfolger herauszufinden, wer den beiden geholfen hatte, ins Gebiet der Terrormiliz zu gelangen. Die grosse Frage lautet bis heute: Wer sind die Rekrutierer der Geschwister und weiterer junger Muslime, die aus Winterthur und Umgebung zum IS gingen?

Die Bundesanwaltschaft führt ein Strafverfahren gegen mittlerweile vier Männer, wovon zwei eher als Mitläufer gelten. Hauptbeschuldigter ist Sandro V., der sich selber als «Emir» der Koranverteilaktion «Lies!» ausgab und in der An’Nur-Moschee ein- und ausging. Emir steht für Befehlshaber oder Fürst.

Aber auch einer seiner «Brüder im Glauben», der im An’Nur-Vorstand sass, geriet ins Visier der Ermittler. Dieser Mann aus dem Thurgau soll mit Adea sexuelle Handlungen ausgeführt haben. Für ihn wie für seine Mitbeschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Zu diesem schweren Verdacht kam es durch intensive Telefonkontrollen. Die Polizei hörte Gespräche mehrerer Islamisten mit, die mit den Geschwistern in Kontakt standen.

Nichts deutet auf ein einsames Abdriften hin, sondern alles auf eine Gehirnwäsche innerhalb einer Gruppe.

Mehr als drei Monate nach dem Verschwinden, im März 2015, vernahmen die Lauscher, wie die Ehefrau des An’Nur-Vorstandsmitglieds sagte, dass ihr Mann mehrmals Geschlechtsverkehr mit Adea gehabt habe. In der gleichen Aufzeichnung ist zu hören, wie sie von einem weiteren Sexualkontakt des Beschuldigten mit einem vierzehn- oder fünfzehnjährigen Kind spricht.

Im Juni 2015 dehnte die Bundesanwaltschaft ihr Verfahren auf den Vorwurf der sexuellen Handlungen mit Kindern aus. Doch was ist daran? Handelt es sich um Geschwätz am Telefon ohne realen Hintergrund, wie aus dem Umfeld des Beschuldigten zu vernehmen ist? Um die Szene einer eifersüchtigen Ehefrau?

Jedenfalls – so sagen Kenner des Verfahrens – habe sich der Tatverdacht über die Resultate der Telefonkontrolle hinaus nicht erhärtet. Insbesondere hat Adea den Mann aus dem Thurgau nicht belastet, als sie befragt wurde. Doch fallen gelassen hat die Bundesanwaltschaft ihren Vorwurf nicht. Sie will sich auf Anfrage nicht zum Verfahrensstand äussern.

Moschee vor der Schliessung

Etwas konkretisiert hat sich hingegen der Vorwurf der IS-Unterstützung. Die Ermittler stiessen auf eine Zahlung des Thurgauers an den radikalen Wiener Mirsad Omerovic. Omerovic, der als Prediger mit dem Namen Ebu Tejma auftrat, ist in Österreich als IS-Mitglied und -Rekrutierer zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Das Urteil ist aber nicht rechtskräftig. Omerovic pflegte engen Kontakt zu Sandro V. und dem süd­deutschen Thaibox-Weltmeister Valdet Gashi, der höchstwahrscheinlich in Syrien umgekommen ist. V. und Gashi hatten in Winterthur die Kampfsportschule MMA Sunna gegründet. Es gab auch gemeinsame Trainings von schweizerischen und österreichischen Islamisten in Winterthur und Wien.

Der Familienvater aus dem Thurgau war bis vor wenigen Monaten als Vorstandsmitglied auf der Website des muslimischen Kulturvereins An’Nur aufgeführt. Der Verein betreibt die gleichnamige Moschee in Winterthur, der die Schliessung droht, weil der Mietvertrag ausläuft.

Nach turbulenten Zeiten mit vielen Rücktritten, der Verhaftung mehrerer (Interims-)Präsidenten und Polizeieinsätzen im Gotteshaus beim Bahnhof Hegi sind die Namen aller Vorstandsmitglieder im Internetauftritt gelöscht worden.

Propagandamaterial verteilt

Gegen den Thurgauer, der jahrelang in Winterthur gewohnt hat, ermittelt die Bundesanwaltschaft auch wegen Gewaltdarstellung. An einem Infostand in der Winterthurer Altstadt verteilte er salafistisches Propagandamaterial; zumindest eine junge Frau konvertierte zum Islam. Der im selben Strafverfahren beschuldigte Sandro V., ein Rückkehrer des Syrien-Konflikts, kannte Adea und deren Bruder schon im Kindesalter. Das Geschwisterpaar wuchs an derselben Adresse auf, an der auch Sandro V. wohnte – in der Grossüberbauung Steig am südlichen Stadtrand von Winterthur.

Wie auch immer sich die Winterthurer Jihadisten radikalisiert haben: Nichts deutet auf ein einsames Abdriften vor dem Computerbildschirm hin, sondern alles auf eine Gehirnwäsche innerhalb einer Gruppe, in der Mentoren mit Arabischkenntnissen, charismatische Führerpersönlichkeiten, Kampfsportler sowie vereinzelte Imame und Hassprediger eine zentrale Rolle spielten. Und immer wieder führen die Spuren innerhalb der Jihadisten-Szene zur An’Nur-Moschee.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 23:05 Uhr

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