Sexting: 15-Jährige verschickte 700 Nacktbilder und 100 Videos

Ein heute 22-jähriger Mann hat drei junge Frauen gezwungen, ihm Nacktbilder und -videos zu schicken. Eine musste zweimal mit ihm schlafen. Nun steht er vor Gericht.

Das Versenden von intimen Fotos ist heikel. Gerade  Jugendliche sind sich der Risiken oft nicht bewusst. Symbolbild: Marka (Alamy)

Das Versenden von intimen Fotos ist heikel. Gerade Jugendliche sind sich der Risiken oft nicht bewusst. Symbolbild: Marka (Alamy)

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Der Versand von intimen Fotos via Internet oder Handy birgt für Jugendliche massive Risiken. So oder ähnlich beginnen viele Aufklärungsbroschüren zum sogenannten Sexting. Welche Ausmasse das annehmen kann, zeigt ein Fall, den das Bezirksgericht Horgen morgen Mittwoch verhandeln wird. Soweit ersichtlich, ist es der erste Fall in der Schweiz, der zeigt, wie weit ein ursprünglich vergleichsweise harmloses Foto führen kann.

Im Sommer 2011 hatte E. C. über eine Chatkollegin ein 15-jähriges Mädchen kennen gelernt. Im Herbst des gleichen Jahres erzählte E. C. dem Mädchen, ein sympathischer Kollege, der sehr gut zu ihr passen würde, möchte sie gerne kennen lernen. Voraussetzung sei allerdings, dass sie ihm, E. C., im Gegenzug Aufnahmen von ihren Beinen in engen Hosen und von ihrem nackten Oberkörper per SMS oder Whatsapp auf sein Handy schicke. Das Mädchen machte einige Fotos von ihrem nackten Oberkörper mit teilweise entblösster Brust und schickte ihm die Bilder.

Leere Versprechen

Damit begann der Horror für die Drittsekschülerin. In den folgenden gut drei Monaten bis zu ihrem 16. Geburtstag forderte E. C. unentwegt neue Bilder. Ihr nackter Oberkörper genügte ihm schon lange nicht mehr. Es mussten Bilder ihrer Geschlechtsteile sein, in aufreizender Stellung fotografiert. In der kurzen Zeit liess das Mädchen dem jungen Mann laut Anklageschrift etwa 700 Nacktbilder und etwa 100 Videoaufnahmen zukommen, auf denen sie ihre Geschlechtsteile nicht nur «übergross zur Schau» stellen, sondern an ihnen auch herum- manipulieren musste.

Wie brachte der Mann das Mädchen dazu? Ganz einfach: Praktisch täglich drohte er ihr, er werde ihre bereits geschickten Nacktbilder ihren Eltern, ihren Klassenkameraden oder ihrem Freund, den er noch ausfindig machen werde, zukommen lassen. Gleichzeitig versprach er ihr aber, er werde die alten Bilder sofort löschen, wenn er von ihr neues Bildmaterial erhalte.

Das Mädchen flehte ihn immer wie-der an, die Bilder zu löschen. Erfolglos. Er beschimpfte sie regelmässig als «Schlampe» und «Ratte» und schickte ihr, «um sie zur Aufnahme weiterer Nacktbilder zu motivieren», in Grossformat 4 Fotos seines erigierten Penis. Laut Anklage nutzte es E. C. «schamlos» aus, dass sich das Mädchen vor einer Ver­öffentlichung der Fotos fürchtete und ­alles unternahm, um dies zu verhindern.

Zweites Opfer drohte mit Polizei

E. C. war sich dessen offensichtlich bewusst. Immer unter der Androhung, er werde Bilder von ihr veröffentlichen, brachte er sie auch etwa 100-mal dazu, ihn am Telefon bis zum Samenerguss ­sexuell zu stimulieren. Kaum war sie 16 Jahre alt geworden, forderte er von ihr, mit ihm zu schlafen. Er versprach ihr dafür, nicht nur alle Bilder zu löschen, sondern in Zukunft auch keine mehr von ihr zu verlangen. Man ahnt, was kommt: Aus Angst vor einer Veröffentlichung der Bilder schlief sie mit ihm.

Drei Wochen später verlangte er ­weitere Nacktbilder. Und sie lieferte sie – regelmässig in den folgenden elf Monaten. Auch der Telefonsex ging weiter. Und am Ende dieser elf Monate kam es zu einem zweiten Treffen, in dessen Verlauf sie ihn oral befriedigen und für einen weiteren Geschlechtsverkehr herhalten musste. Erst als er kurz darauf weitere Fotos und ein drittes Treffen verlangte, ging sie auf die Forderung nicht mehr ein und brach den Kontakt zu ihm ab.

E. C. hatte sich aber bereits Nachschub besorgt. Er hatte von einer 18-jährigen Chatkollegin schon ein Dutzend Bilder erhalten, auf denen die junge Frau im Bikini und teilweise auch mit entblösster Brust in Grossaufnahme zu sehen war. Ihr drohte er, er werde die Bilder seinen Militärkollegen zeigen und sie als Schlampe hinstellen, wenn sie ihm nicht Bilder schicke, auf denen sie vollständig nackt zu sehen sei. Die Frau schickte ihm 3 Aufnahmen.

Ihre spätere Bitte, die Bilder zu löschen, verband er mit einer weiteren Forderung. Er lösche die Nacktaufnahmen, wenn sie mit ihm ein Video herstelle, auf dem sie ihn nackt oral befriedige. Die junge Frau lehnte ab. Sie drohte ihm ihrerseits, die Polizei einzuschalten, wenn er sie nicht in Ruhe lasse.

Suizidale Gedanken

Doch der inzwischen 21-jährige Mann hatte bereits eine weitere 18-jährige Frau an der Angel. Auch von ihr besass er bereits Fotos, die sie in Unterwäsche und teilweise mit nacktem Oberkörper zeigte. Mit dem Versprechen, die Bilder zu ­löschen, und mit der Drohung, sie auf Facebook zu veröffentlichen oder sie ihrer besten Chatfreundin und weiteren Personen zu senden, brachte er die 18-Jährige dazu, 20 bis 50 Nacktbilder und 5 bis 10 Videos herzustellen. Bildmaterial, das sie in aufreizenden Posen und an den Geschlechtsteilen manipulierend zeigte.

Aufgrund der im Raum stehenden Drohung und nicht in der Lage, die Situation mit jemandem besprechen zu können, weil es ihr so peinlich war, geriet die junge Frau derart unter psychischen Druck, dass sie laut Anklage «suizidale Gedanken hegte».

E. C. wird sich am Mittwoch wegen mehrfacher Vergewaltigung, mehr­facher sexueller Nötigung, mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern, mehrfacher teilweise versuchter Nötigung und mehrfacher Pornografie vor Gericht zu verantworten haben.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.05.2014, 23:43 Uhr)

Umfrage

Wird bei Jugendlichen zu wenig Prävention betrieben zu den Gefahren von Sexting?

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Sind Fotos einmal im Netz, lassen sie sich kaum mehr löschen

Sechs Prozent aller  Jugendlichen haben schon Nacktfotos von sich versandt. Doch Sexting birgt Gefahren.

Die Wortschöpfung Sexting setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern «sex» und «texting». Damit wird das Versenden erotischer Selbstaufnahmen mit dem Handy oder dem Computer bezeichnet. Auch erotische oder pornografische Mitteilungen zählen dazu. Hunderttausendfach geschieht dies täglich. Zu Problemen führt es meistens nicht, weil der Empfänger die Inhalte nicht weiterleitet. Gelangen solche Nacktbilder allerdings an die Öffentlichkeit, sind Konflikte programmiert. Einmal im Netz, lassen sich Nacktbilder oder Pornofilmchen praktisch nicht mehr zurückholen und löschen.

Wer solche Bilder und Videos als Druckmittel einsetzt, macht sich strafbar. Sind dabei Jugendliche unter 16 Jahren involviert, sind die rechtlichen Konsequenzen noch grösser. Dies zeigt der sogenannte Eistee-Fall, bei dem sich ein 15-jähriges Mädchen bei sexuellen Handlungen mit einer Eistee-Flasche gefilmt hatte. Das Video landete im Internet und auf Facebook. Innert kürzester Zeit verbreitete sich das Video weiter und landete auf anderen Plattformen. Elf Jugendliche musste sich deshalb letztes Jahr in einem Strafverfahren verantworten – darunter das Mädchen. Ihr wird die Herstellung von Kinderpornografie vorgeworfen.

Im ganzen Kanton Zürich sind 2013 laut Cornelia Schuler von der Kantonspolizei Zürich 60 Anzeigen betreffend Sexting eingegangen. Vor wenigen Wochen zeigte Pro Juventute mit der Kampagne «Sexting kann dich berühmt machen» die Folgen des Missbrauchs intimer Fotos und Videos. Diese sind für die Betroffenen – Mädchen sind in der Überzahl – gravierend. Sie erhalten anonyme Drohanrufe und werden als «Schlampen» beschimpft. Pro Juventute betreibt unter der Telefonnummer 147 eine Anlaufstelle für Hilfesuchende.

Bundesrat will abwarten

Das Thema beschäftigt auch die Politik. Die Walliser CVP-Nationalrätin Viola Amherd wollte kürzlich in einer Interpellation vom Bundesrat wissen, ob es beim Thema Sexting Handlungsbedarf gebe. Das geltende Strafrecht genügt nach Ansicht des Bundesrats. Für ihn ist es vordringlich, Minderjährige und Eltern für die Risiken des Sexting zu sen­sibilisieren. Im Rahmen des nationalen Programmes «Jugend und Medien» soll der «Regulierungsbedarf im Jugendmedienschutz» geprüft werden. Einen entsprechenden Bericht will der Bundesrat im zweiten Quartal 2015 vorlegen. Doch so lange will Amherd, die sich im Jugend- und Kinderschutz engagiert, nicht warten. «Ich sehe beim Sexting Handlungsbedarf und werde deshalb eine Motion oder ein Postulat einreichen.»

Auch Sexortion, eine Erpressung in Zusammenhang mit Sexting, sorgte in der jüngeren Vergangenheit für Schlagzeilen. Dabei werden die meist männlichen Opfer über Internet zu sexuellen Handlungen vor der laufenden Webcam angeleitet. Mit der Drohung, die Videos zu veröffentlichen, wird ein Geldbetrag erpresst.

Sexting gab es schon früher

Komplett neu ist Sexting nicht. Vor dem digitalen Zeitalter – 83 Prozent der unter 30-Jährigen haben heute ein Smartphone – war die Zahl der Fälle aber viel kleiner und der Verbreitungsradius entsprechender Bilder sehr begrenzt: Im Dezember 1993 verteilte ein Franzose aus Rache Nacktfotos seiner geschiedenen Frau mit Namen und Adresse in einer Bäckerei und dem Einkaufszentrum der südfranzösischen Stadt Bellegarde. Das Gericht verurteilte ihn zu einer Busse von umgerechnet 12 500 Franken.
Im gleichen Jahr klagte eine junge Frau im «Blick», dass ihr eifersüchtiger Ex-Freund damit drohe, ihren Eltern und dem neuen Freund Nacktfotos von ihr zu senden.

Benno Gasser

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