Sinnlich und seriös: Das ist der neue «Tages-Anzeiger»

Ab heute erscheint der «Tages-Anzeiger» in einem neuen Kleid. TA-Nachrichtenchef Andreas Dietrich erklärt, was sich ändert, was bleibt und warum die Neugestaltung weit mehr als Kosmetik ist.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Zeitung neu zu gestalten ist bedeutend mehr als Schrifttypen und -grössen auszuwählen. Eine Neugestaltung spiegelt im besten Fall auch eine neue inhaltliche Ausrichtung. Wir haben mit Andreas Dietrich darüber gesprochen.

Warum entwickelte der «Tages-Anzeiger» ein neues Layout?
Andreas Dietrich: Bildlich gesprochen streichen wir nicht einfach die Fassade neu, wir renovieren auch das Innere des Hauses und bauen es um. Das ist notwendig, da wir nun mit weniger Leuten als bisher den «Tages-Anzeiger» und den «Bund» machen. Und vor allem wollen wir unser inhaltliches Profil stärken. Dem soll auch gestalterisch Ausdruck verliehen werden. Das neue Layout ist also die optische Umsetzung einer Neufokussierung.

Was spielt in die Neuausrichtung mit rein?
Im Zentrum steht das Nachdenken über die Zukunft der bezahlten Tageszeitung. Diese Frage muss heute ganz anders beantwortet werden als noch vor ein paar Jahren. Mit News kann man nicht mehr punkten, denn die bringen Radio, TV und die Onlineportale schneller und die Pendlerzeitungen billiger, nämlich gratis. Das bedeutet für uns: Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren, indem wir Zusatznutzen liefern, Mehrwert schaffen, der uns unverwechselbar und unverzichtbar macht. Das Konzept heisst «News plus»: Die Aktualität nicht nur mitteilen, sondern sie vermitteln. Also Orientierungshilfe und Vertiefung bieten, Wichtiges und Interessantes vom Vernachlässigbaren unterscheiden, Hintergründe aufdecken, Zusammenhänge veranschaulichen, das Geschehen einordnen. Und, nicht zu vergessen: Die Leserinnen und Leser immer wieder mit überraschenden Eigenleistungen entzücken.

Wie sind Sie bei der Neugestaltung konkret vorgegangen?
Im Rahmen eines Wettbewerbs kamen zwei Schweizer Ateliers in die engere Auswahl. Ein drittes Büro aus Deutschland, das nochmals ganz andere Entwürfe vorlegte, wurde zusätzlich beigezogen. Am Ende haben wir uns für den Entwurf von Tom Menzi und Daniel Stähli aus Zürich entschieden und mit ihnen das Konzept weiterentwickelt. Als ehemaliger Art Director des «Tages-Anzeigers» kennt Tom Menzi die Stärken und Schwächen der Zeitung bestens; er wusste also sehr genau, wo, warum und wie er gestalterisch eingreifen wollte.

Was sind die wichtigsten Anpassungen an Struktur und Gestaltung?
Die wichtigste Änderung in der Struktur ist die Einteilung in vier statt sechs Bünde. Dadurch werden die Regionalsplits als Wechselseiten endlich voll in die Zeitung integriert und aufgewertet. Sport und Wirtschaft teilen sich neu den vierten Bund, der Sport bildet somit den attraktiven Abschluss der Zeitung und wird von hinten nach vorn gelesen. Ausserdem wandert der Tageskommentar von der Front auf die Seite 2, was uns mehr Gestaltungsfreiheit auf der Frontseite gibt, unserem Schaufenster. Die ganze Zeitung soll sinnlicher werden, denn das gehört zur Faszination von Printprodukten. Wir legen mehr Wert auf den Erzählstil der Texte, wir investieren in die Qualität von Bildern und Infografiken; beide Bereiche wurden personell verstärkt.

Tönt das nicht nach Boulevard-Zeitung?
Keine Bange, «Tages-Anzeiger» und «Bund» positionieren sich eher nach oben als nach unten. Die Zeitungen sollen hochwertiger werden, ohne abgehoben zu sein. Wir bemühen uns noch stärker um Zugänglichkeit und Verständlichkeit – ist das schon «Boulevard»? Gerade in der politischen Berichterstattung ist es doch eine Kernaufgabe der Tageszeitung, auch komplizierte Vorgänge nachvollziehbar und erhellend zu schildern. Nebenbei: Jeder Mensch interessiert sich für sogenannte Boulevardthemen. Unsere Aufgabe ist es, diese auf dem anspruchvollen Niveau unserer Leserinnen und Lesern zu behandeln. Sei verständlich im Schwierigen, sei stilvoll im Leichten – das ist die Haltung.

Welche Schlüsselelemente zeichnen die Typografie aus?
Klarheit, Funktionalität, Eleganz und keine Mätzchen. Schweizer Grafiker sind in Fachkreisen weltbekannt für ihre typografischen Qualitäten – es wäre bizarr, wenn wir in diesem Punkt nicht auf einheimische Werte setzen würden. Das neue Layout beschränkt sich auf zwei Schriften. Diese Reduktion verbindet Attraktivität mit Seriosität und bietet genug Spielraum, um spannungsreiche Seiten zu gestalten.

Mit welchen Reaktionen rechnet man bei der Leserschaft?
In der Regel melden sich am Anfang jene Leserinnen und Leser, die mit den Neuerungen Mühe haben. Und einige, die innerlich schon vor einiger Zeit gekündigt haben, werden die Neugestaltung zum äusseren Anlass nehmen, das Abo tatsächlich zu kündigen. Aber wir hoffen sehr, dass der Grossteil sich schnell an die Neuerungen gewöhnen und sie gut finden wird – und dass wir mit unseren fokussierter gemachten und moderner gestalteten Zeitungen neue Leserinnen und Leser gewinnen. Ausserdem werden wir das Layout mit der Zeit weiterentwickeln und laufend anpassen. Wichtig ist, dass die Pfeiler des Konzepts solide sind. Und davon sind wir überzeugt.

* Andres C. Nitsch ist Mitglied der Unternehmenskommunikation der Tamedia, zu der auch der «Tages-Anzeiger» und Tagesanzeiger.ch gehört. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.09.2009, 15:08 Uhr)

Werbung

Lokalverzeichnis

Die Welt in Bildern

Auf Tuchfühlung: Anhänger der rechtskonservativen Bharatiya Janata Partei, winken an einer Wahlveranstaltung im indischen Varanasi dem Spitzenkandidaten Narandi Modi zu. (24. April 2014)
(Bild: Sanjay Kanojia) Mehr...