Zürich
«Solche Nachrichten haben nicht nur einen Wert für Krawall-Teilnehmer»
Interview: Simon Eppenberger. Aktualisiert am 21.09.2011 24 Kommentare
«Medien müssen begründen können, warum sie über etwas nicht berichten»: Medienexperte Roger Blum. (Bild: ZVG)
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Die Krawalle in Zürich sind derzeit ein grosses Thema. Bereits wird die nächste illegale Party angekündigt. Haben Medien die Pflicht, das zu melden oder sollten sie darauf verzichten, um dem Anlass nicht noch mehr Publizität zu verleihen?
Zwei Grundsätze stehen sich gegenüber. Einerseits sollen die Medien berichten, nicht schweigen. Es ist ihre Aufgabe, relevante Informationen weiterzugeben und nicht zurückzuhalten. Sie müssen vor allem begründen können, warum sie über etwas nicht berichten. Es gehört zur Grundaufgabe der Medien, die Krawalle kritisch zu behandeln und zu reflektieren. Andererseits sollen Medien Gewalt nicht fördern oder gar verherrlichen. Wenn ein Medium detailliert bekannt gibt, wann und wo eine solche Veranstaltung stattfindet, dann wirkt das wie ein Plakat. In einem solchen Fall kann man sich vorwerfen lassen, dass man zur Gewalt beitrage.
Am Samstag erhielten alle, die die Tagi-App aktiviert hatten, eine Push-Meldung, als die Krawalle ausbrachen. Dadurch bestand die Möglichkeit, dass Junge spontan an den Ausschreitungen teilnahmen. Ist ein solches Risiko gerechtfertigt oder sollte man auf solche Pushs verzichten?
Eine solche Nachricht hat nicht nur einen Wert für potenzielle Krawall-Teilnehmer. Es ist auch eine wichtige Information für all die Leute, welche die Gegend meiden wollen – ähnlich wie Autofahrer, die vor einem Stau am Gotthard gewarnt werden wollen. Deshalb ist der Nachrichtenwert hoch.
Überwiegt der Nachrichtenwert das Risiko, Krawallanten möglicherweise «anzulocken»?
Die Empfänger der Push-Nachrichten sind ein sehr gemischtes Publikum. Neben der relativ kleinen Gruppe, welche von den Krawallen angezogen wird, ist die Gruppe jener, die sich für die Information interessiert, um nicht in die Ausschreitungen zu geraten, ungleich grösser. Deshalb überwiegt der Nachrichtenwert klar.
Solche Ereignisse liefern jeweils viel Bildmaterial. Sollen diese Fotos gezeigt werden?
Hier gilt das Gebot der Zurückhaltung. Bei Horror-Bildern von Schwerverletzten oder gar Toten und solchen, die die Würde des Menschen herabsetzen, ist grösste Zurückhaltung geboten. Wenn aber Autos umgekippt werden oder Container brennen, dann kann das bei den einen Begeisterung, bei den andern aber Entsetzen auslösen. Es ist auf jeden Fall eine allgemeine Information, die zunächst neutral ist. Ein solches Bild zeigt: «So ist es passiert.»
Derzeit kursieren bereits wieder SMS, die zur nächsten illegalen Veranstaltung aufrufen. Sie kommen aus verschiedenen Gruppen oder werden von Einzelpersonen verschickt. Die Urheber sind kaum auszumachen, die Quellen diffus. Soll man deshalb darauf verzichten, die Infos weiterzugeben?
Solange man als Medium einen Grund hat, etwas zu verbreiten, soll man relevante Informationen öffentlich machen. Dabei ist man in derselben Situation wie in kriegerischen Konflikten: Die Parteien sind Interessengruppen, bei denen man nie weiss, ob etwas stimmt. Sie neigen dazu, die eigene Position zu beschönigen und die Gegner schlecht zu machen. Wichtig ist die Distanz zu den Quellen – und dass man sie immer angibt, also einen Hinweis macht, woher die Infos stammen.
Wird man als Medium durch die breite Berichterstattung irgendwann Teil der Ereignisse?
Dieser Vorwurf wurde dem Tagi in den 80er-Jahren gemacht, als er die Vollversammlungen der Jugendbewegung besuchte und darüber berichtete. Nur weil andere Medien gar nicht darüber berichteten, war indessen der Vorwurf nicht richtig. Er ist dann berechtigt, wenn ein Medium durch die Berichte zu einem PR-Organ wird. In diese Richtung ging im Mai 1968 die Berichterstattung des Radiosenders Europe 1, der in Paris von Privatwohnungen aus über die Proteste berichtete und in dem die Studentenführer regelmässig auftreten und die nächste Demo ankündigen konnten. Aber das wurde auch dadurch begünstigt, dass die öffentlichen Sender nicht direkt aus dem Quartier latin berichten durften. Durch Europe 1 wurde halb Europa auf dem Laufenden gehalten, was in Paris passierte. Solange man kritisch Distanz hält, gerät man nicht in die Lage, Teil der Ereignisse zu werden.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 21.09.2011, 14:09 Uhr
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24 Kommentare
1980 wurde der zwinglianisch unfruchtbare zürcher Boden von der Jugend gepflügt, auf dem in den Folgejahrzehnten ein breites Kulturangebot, Gastronomie und eine europäisch beachtete Partyszene wachsen konnte. Es war das i-Tüpfelchen, das Zürich gemäss Mercer 5 mal zur Stadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität machte. In den 2011 Krawallen hingegen kann ich keinen Sinn mehr finden! Antworten
Peinlich peinlich wie sich der Tagi für seinen Aufruf zur Krawallparty von einem externen "Experten" die Absolution holt. Blum ist wohl das Parade- und Vorzeigepferd der Linksintellektuellen. Blum liess sich von der DDR-Korona mehrfach einladen und verbrachte Reiterferien nach Gutsherrenart im Arbeiterstaat. Diese unkritische Distanzlosigkeit macht Blum moralisch und ethisch frag- unglaubwürdig. Antworten
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