Spitzenmedizin rettet todkranke Haustiere

Die medizinische Behandlung von Tieren nähert sich jener der Menschen immer mehr an. Zwei Zürcher Professorinnen setzen mit einer Klinik im Kanton Zug neue Standards.

Königspudel Avalon wird rasiert – dann führen Professorin Barbara Kaser-Hotz (2. von rechts) und ihre Mitarbeiterinnen eine Krebsbestrahlung durch.

Reto Oeschger

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Avalon sitzt auf dem Behandlungstisch und hat gute Laune, denn die Praxisassistentin krault ihn ausdauernd am Hals. Der sechsjährige Königspudel aus Glattbrugg macht seiner Rasse alle Ehre: Gross, schön und gelassen, wie er ist, lässt er sich von der Anästhesistin am Bein rasieren und einen Katheter setzen. Wenig später wird er schläfrig und legt sich langsam auf die Seite. Helferinnen betten ihn um. Nun wird Avalon in den Raum mit dem Linearbeschleuniger zur Bestrahlung krebskranker Tiere gerollt.

Tumor unter der Zunge

Die Halter von Avalon, Verena und Elio Mezzani aus Glattbrugg, wissen seit einigen Wochen vom Tumor unter der Zunge ihres Hundes. Der Tierarzt hatte die bösartige Geschwulst bei der Behandlung eines eitrigen Zahns entdeckt. Chirurgisch war nichts zu machen: Man hätte Avalon die Zunge herausschneiden müssen; er hätte danach kein lebenswertes Dasein mehr gehabt. So kam der Patient zu Barbara Kaser-Hotz, einer Professorin, die bis Ende 2005 am Zürcher Tierspital gearbeitet hat. Seit September betreibt sie in Hünenberg ZG das Animal Oncology and Imaging Center (AOI).

Nun drapieren Kasers Mitarbeiterinnen die Zunge des regungslosen Avalon so, dass die Strahlen an der richtigen Stelle auftreffen. Sie sollen die Zellkerne des Tumors zerstören, damit dieser aufhört zu wuchern. Nach nicht einmal zwei Minuten ist die Behandlung hinter den eineinhalb Meter dicken Schutzmauern vollzogen. Avalons Zunge blutet ein wenig. Die Assistentin tupft sie ab und rollt den Hund dann zurück in den Aufwachraum.

Behandeln statt einschläfern

Früher schläferte man todkranke Haustiere oft ein. Heute sind die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten umfassend – und werden rege genutzt. Beim Rundgang hat man den Eindruck, in einer Klinik für Menschen zu sein. Es gibt Operationssäle mit chromblitzenden Tischen und Hightech-Apparaturen. Hier werden Hunden neue Hüftgelenke eingepflanzt und hochspezialisierte Eingriffe an den Augen von Kaninchen, Ratten sowie anderer Haustiere vorgenommen. Hündinnen, die nach einer Kastration inkontinent sind, werden endoskopisch behandelt.

«Die Veterinärmedizin nähert sich in ihrer Ausrichtung der Humanmedizin an», bestätigt Kaser. Seit 1994 beobachte man in der Branche eine enorme Spezialisierung: «Nie wurde mehr geforscht, nie wurden mehr neue Behandlungsmethoden entwickelt, und noch nie gab es so viele gut ausgebildete Tierärzte.» Gleichzeitig habe die Nachfrage nach modernen medizinischen Dienstleistungen stark zugenommen.

Dabei spielt Geld offenbar eine untergeordnete Rolle. Eine Strahlentherapie kostet 600 bis 4000 Franken, ein neues Hüftgelenk rund 3000 Franken und eine Untersuchung im Computertomografen bis zu 500 Franken. Die Halter zahlen gerne, denn sie hängen an ihren Haustieren.

Kaser sagt: «Es ist nicht an uns, zu entscheiden, wie die Tierhalter ihr Geld ausgeben.» Zwar sei die Euthanasie in vielen Fällen nach wie vor gerechtfertigt, doch habe man es sich früher manchmal etwas leicht gemacht. Es sei anspruchsvoller, die Besitzer aufzuklären und Behandlungsmöglichkeiten aufzuzeigen, die sowohl dem Tier wie dem Halter gerecht werden.

Ob es sinnvoll ist, ein krankes Tier zu therapieren, entscheidet Kaser selber; das überlässt sie nicht den Besitzern, auch wenn diese bereit wären, viel Geld auszulegen. Bei Avalon ist ihr der Entschluss leicht gefallen. Sie bezeichnet ihn als «Hund im besten Alter und in gutem Allgemeinzustand». Der Tumor habe nur eine geringe Neigung zur Metastasenbildung; mit zwölf Bestrahlungen sollte es möglich sein, den Krebs zu besiegen. Das Tier einzuschläfern, kam weder für sie noch für die Halter in Frage. Elio Mezzani sagt: «Avalon ist unser Ein und Alles.»

Jeder zweite Hund hat Krebs

Beim Königspudel geht es ums Heilen, beim Labrador «JB» um Linderung. Dieser ältere Hund leidet unter einem stark wuchernden Tumor im Schädelknochen und blutete deswegen oft aus der Nase. Mit der Bestrahlung haben die Blutungen und die Schmerzen aufgehört. «JB» wird dank der Therapie noch einige Zeit gut leben können, dann aber umso schneller sterben. Wichtig sei, so Kaser, «die Besitzer gut auf diesen Verlauf vorzubereiten».

Pferde, Kühe und Schweine hätten viel weniger häufig Krebs als Hunde, erzählt Kaser. Jeder zweite Hund werde krebskrank. 50 Prozent der Tumore seien allerdings behandelbar. Katzen wiederum hätten deutlich weniger Krebs als Hunde, seien aber schwieriger zu heilen. Generell sinken die Behandlungschancen, wenn innere Organe betroffen sind. Die Tiere fressen dann oft nicht mehr, erbrechen oder haben Durchfall. In solchen Fällen müsse man besonders sorgfältig abwägen, ob eine Therapie Sinn mache, sagt Kaser.

Sie hat in Hünenberg mit ihren Partnern Susi Arnold und Dieter Fretz auf 1800 Quadratmeter Bodenfläche eine grosse Spezialistenklinik aufgebaut. Selber betreibt sie mit ihren Fachkräften die Onkologie mit dem Bestrahlungszentrum für Kleintiere und verschiedenen radiologischen Geräten wie Computertomograf, Ultraschall und Röntgen. Daneben, quasi als Hobby, hat sie auch einen Röntgenraum für Pferde und Kühe eingerichtet.

Konkurrenz zum Tierspital

Kollegin Arnold, einst ebenfalls Professorin am Zürcher Tierspital, arbeitet auf ihrem angestammten Gebiet der Fortpflanzungsmedizin. Unter anderem baut sie eine Samenbank für Hunde auf. Rassehunde leiden an einer breiten Palette von Erbkrankheiten. Einen Ausweg aus diesem Inzuchtdilemma verspricht der internationale Austausch von Gefriersamen und die künstliche Besamung läufiger Hündinnen. Überdies hat Arnold ein veterinärmedizinisches Labor eingerichtet, das auch Privattierärzten zur Verfügung steht.

Dieter Fretz, der dritte Partner, leitet nebst seiner Kleintierpraxis eine tierärztliche Spezialistenklinik, in der diverse Fachgebiete vertreten sind: Medizin, Dermatologie, Chirurgie, Ophthalmologie, Physiotherapie und Komplementärmedizin.

Für rund 9 Millionen Franken ist in Hünenberg ein Zentrum entstanden, das mit seinen Dienstleistungen das Zürcher Tierspital direkt konkurrenziert. Dort kündigte Kaser, weil ihr die Uni-Leitung die Anschaffung eines neuen Linearbeschleunigers verweigert hatte – unter anderem mit der Begründung, man wolle keine staatlichen Gelder «für eine solche Luxusbehandlung von Tieren» aufwenden. Kurze Zeit nach Kasers Abgang kündigte auch Arnold.

Mittlerweile wacht Avalon langsam wieder auf. Der Königspudel liegt mit geschlossenen Augen auf einer Matte, gibt merkwürdige Laute von sich und atmet stossweise. Die Betreuerin sagt, das liege am verabreichten Narkosemittel. Manche Haustiere hätten beim Aufwachen erotische Träume. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.09.2008, 23:02 Uhr

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