Stadt Zürich zahlt Journalisten Reise an die Weltausstellung

Stadtpräsidentin Corine Mauch konnte letzte Woche in Shanghai die Stadt Zürich und sich selber präsentieren – dank TeleZüri. Die Reisekosten des Journalisten gehen auf die Rechnung der Steuerzahler.

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Sie lauscht der Musik, lässig schnippt sie mit den Fingern, sie setzt ein Nussschalen-Schiffchen ins Wasser – als Zeichen ihres Wunsches, das Wasser möge künftig nicht nur in Zürich, sondern möglichst weltweit problemlos geniessbar sein: Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) hat letzte Woche Zürich und sich selber präsentieren können – in zwei Beiträgen auf TeleZüri, das wie der «Tages-Anzeiger» zur Tamedia gehört. Anlass war die Weltausstellung in Shanghai, an der die Stadt Zürich für die 2000-Watt-Gesellschaft und das Zürcher Wasser wirbt.

Worüber die Fernsehzuschauer nicht im Bild waren: Die Stadt Zürich hat dem Journalisten von TeleZüri den Flug geschenkt sowie drei Übernachtungen im Swissôtel bezahlt. Hat sie sich damit eine ihr genehme Berichterstattung gesichert? Mauchs Stabschef Norbert Müller bestreitet dies. In Abrede stellt er auch, dass es sich um den Versuch einer Imagepolitur für die Stadtpräsidentin handelt. Mauch habe Repräsentationsaufgaben, sagt Müller. «Diese hat sie in Shanghai professionell wahrgenommen.» Gemäss Müller sind die Kosten für die Stadt Zürich «insgesamt sehr gering» ausgefallen. Genaue Zahlen nennt Müller nicht. Er sagt aber: «Eine professionelle filmische Dokumentation unserer Aktivitäten wäre weitaus teurer gewesen.»

Flug und drei Nächte im Hotel

Den Flug konnte die Stadt Zürich dem Journalisten sponsern, weil sie ihr Flugkontingent, das sie von der Swiss für Shanghai erhielt, nicht ausgeschöpft hatte. Müller verweist auf die Stadt Basel, die vier Journalisten mitgenommen und ihnen drei Nächte im Swissôtel bezahlt habe. Nebst TeleZüri hat auch das «Regionaljournal» von Radio DRS eine Einladung nach Shanghai erhalten. Die Radiojournalistin sei für ihre Kosten aber selber aufgekommen, sagt Müller. Dasselbe gelte für Mauchs langjährige Partnerin, die Musikerin Juliana Müller, die ebenfalls nach China gereist ist.

Auch Markus Gilli, Chefredaktor von TeleZüri, will von Befangenheit nichts wissen: «Es war Bedingung, dass wir absolut frei berichten können.» TeleZüri habe keinerlei Einschränkungen gehabt und «sogar» die Menschenrechte in China thematisiert. Gilli betont, er würde jederzeit wieder so handeln. Es habe sich um eine offizielle Reise der Stadt Zürich ohne jeden kommerziellen Hintergrund gehandelt. Gilli zieht einen Vergleich herbei: Auch US-Präsident Barack Obama reise mit einem ganzen Journalistentross um die Welt. «Trotzdem berichten die Reiseteilnehmer frei und unbefangen.»

Dass sich die Stadt Zürich für TeleZüri und das «Regionaljournal» als offizielle Begleitmedien entschieden hat, begründet das Präsidialdepartement mit technischen Überlegungen: «Unsere Ausstellung zur 2000-Watt-Gesellschaft funktioniert visuell und lässt sich am besten über Bild und Ton vermitteln.» TeleZüri und das «Regionaljournal» seien für die Stadt Zürich «von grosser lokaler Bedeutung – medial gesprochen».

Mauch macht Wirtschaftspolitik

Von der Verwaltung weilten letzte Woche insgesamt vier Mitarbeiter in Shanghai. Anfang Mai hatte Tiefbauvorsteherin Ruth Genner (Grüne) die Stadt Zürich vertreten. Ein Teil der Stadtdelegation flog Businessclass, ein Teil Economyclass – klimakompensiert. Die Gesamtkosten der Zürich-Woche, die vom 30. Mai bis 6. Juni dauerte, betragen 430 000 Franken. 191 000 steuert die Stadt bei; den Rest zahlen Sponsoren.

Während der Zürich-Woche in Shanghai hat Mauch auch Wirtschaftspolitik betrieben. Mehrere Kommunalpolitiker und Unternehmer hat sie getroffen, beispielsweise den Bürgermeister von Huangpu, dem bedeutendsten Bezirk in Shanghai, sowie mehrere Städtevertreter aus der Region. Diese Kontakte seien sehr wertvoll, findet Müller. Sie würden einen «hervorragenden Rahmen» bilden für Zürcher Firmen, die in Shanghai Fuss fassen wollten. Als Beleg zieht Müller Diener Syz Real Estate mit Sitz in Zollikon heran. Die Firma, die Investoren den Zugang zum chinesischen Immobilienmarkt erleichtern will, hat letzte Woche mit einer chinesischen Energiefirma eine Zusammenarbeit besiegelt.

Kein Menschenrechtsdialog

Die Menschenrechtssituation in China hat Mauch in Shanghai weder angesprochen, noch hat sie auf Verbesserungen insistiert. Ein Versäumnis sieht das Präsidialdepartement darin nicht. «Dies wäre politisch nicht richtig gewesen und hätte zu keinem zufriedenstellenden Resultat geführt», sagt Müller. Ein Diskurs über Menschenrechte sei in erster Linie auf der diplomatischen Ebene der Länderbeziehungen anzusiedeln und nicht im Rahmen eines kommunalen Austausches. «Das wurde in der Vergangenheit auch immer so gehandhabt.»

Der Zürcher SP-Nationalrat und Aussenpolitiker Mario Fehr kritisiert seine Parteikollegin nicht. Er kenne den genauen Inhalt von Mauchs Gesprächen in Shanghai nicht, sagt er. Mauch sei aber «sehr engagiert». So habe sie jüngst am offiziellen Treffen der Parlamentarischen Gruppe für Tibet mit dem Dalai Lama teilgenommen. «Sie hat damit ein klares Zeichen für Tibet und die Menschenrechte gesetzt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2010, 07:23 Uhr

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