Zürich

Star-Professor hat genug von der Uni Zürich

Von . Aktualisiert am 28.05.2010 20 Kommentare

Der Soziologie-Professor Kurt Imhof plant den Absprung und will mit seinem Forscherteam bei der Basler Universität anheuern. Er beklagt die «sanfte Prostitution» in Zürich.

Bereits in blau-rotes Licht gehüllt: Kurt Imhof.

Beat Marti

Kurt Imhof

Der gelernte Bauzeichner Kurt Imhof hat es auf dem zweiten Bildungsweg weit gebracht: zu einer hohen akademischen Position, zu wirtschaftlichem Erfolg und zu Prominenz. Der 54-jährige Professor für Publizistikwissenschaft und Soziologie, oft in Holzfällerhemd und Lederjacke gekleidet, leitet den boomenden Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG), den er selbst an der Universität Zürich aufgebaut hat. Dank umgänglicher und eloquenter Art und kernigem Lachen ist der leidenschaftliche Debattierer einer der wenigen Medienstars aus seiner «Alma Mater». In kaum einer gesellschaftlichen Frage – vom Botellón bis zum Bankgeheimnis – ist der Multifunktionsexperte um eine Antwort verlegen. Dies macht ihn bei Medienschaffenden beliebt, lässt aber Akademikerkollegen bisweilen die Stirn runzeln.

Stichworte

Der Zürcher Soziologe Kurt Imhof ist in der breiten Öffentlichkeit so bekannt wie kaum ein anderer Zürcher Professor. Der akademische Selfmademan hat es allein in den letzten 12 Monaten auf über 150 Nennungen in der Schweizer Presse gebracht. Hinzu kommen Dutzende Auftritte in Radio und TV. All diese Äusserungen versteht Imhof als universitären Service public.

Doch vielleicht wird er seine Dienste an der Öffentlichkeit schon bald nicht mehr im Namen der Universität Zürich leisten, für die er 1987 als Assistent zu arbeiten begann. Imhof ist in Kontakt mit der Universität Basel getreten, weil er sich an seiner «Alma Mater» nicht mehr richtig wohl fühlt. Er will seinen Forschungsbereich Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) mitsamt einem Dutzend Mitarbeitern von der Limmat an den Rhein transferieren.

Uni Zürich will ihn halten

Der abwanderungswillige Professor selber gibt sich in eigener Sache ungewohnt wortkarg. Doch sowohl der Basler wie der Zürcher Universitätsrektor bestätigen gegenüber dem TA die Wechselgelüste. Die Universität Zürich will den Auszug ihres prominenten Sohnes verhindern. «Wir haben ein grosses Interesse, dass er in Zürich bleibt», sagt Rektor Andreas Fischer. Entsprechend hat sich der gebürtige Basler Fischer auch schon gegenüber seinem Basler Amtskollegen Antonio Loprieno geäussert. Dieser sagt, er habe Kollege Fischer letztes Jahr auf einer Zugfahrt über die «Pendenz Imhof» informiert.

Solche frühzeitigen Informationen sind in der Privatwirtschaft verpönt, weil sie den Wechselwilligen blossstellen. In der eidgenössischen Gelehrtenwelt scheinen sie Standard zu sein. Loprieno: «In der Schweiz gilt das ungeschriebene Gesetz, dass wir uns die besten Leute nicht ohne Absprache wegschnappen.» Man wolle «Universitäten, mit denen wir in Konkurrenz stehen und gleichzeitig kooperieren, nicht unnötig in Verlegenheit bringen».

«Prinzip der Vorinformation»

Dieses «Prinzip der Vorinformation» und der «moralischen Kontrolle» sei sinnvoll, denn es verhindere «ein Ausufern des Systems wie in Bereichen der Wirtschaft». Konkret wollen die Universitäten mit dem Gentlemen’s Agreement auch verunmöglichen, dass ihre besten Köpfe ihren Lohn durch Transfers und Wechselgelüste wie Banker steigern. So lasse sich, sagt der Zürcher Rektor Fischer, «zwar nicht verhindern, aber doch einschränken, dass Universitäten einander das Personal abjagen».

Die Gespräche Imhofs mit Basler Kollegen jedenfalls, die vor rund einem Jahr gut anliefen, gerieten nach der Absprache der Rektoren ins Stocken. Beteiligte auf beiden Seiten bestätigen aber, Imhof sei nach wie vor am Wechsel interessiert. Kommende Woche diskutiert die Philosophisch-Historische Fakultät Basels, ob eine Professorenstelle ausgeschrieben und eine weitere geschaffen werden soll, die zu Imhofs Profil passen. In den Fächern Soziologie und Medienwissenschaften herrschen an der ältesten Schweizer Hochschule prekäre Betreuungsverhältnisse.

Geld vom Basler «Daig»?

Imhof ist in Zürich unzufrieden, weil er, wie er bei früherer Gelegenheit sagte, sich zu oft der «sanften Prostitution» hingeben müsse. Er meint damit die vielen Auftragsarbeiten, mit denen er seine eigentliche akademische Arbeit querfinanziert. So verkauft Imhof seine Geistesarbeit an die UBS, ans VBS oder an die Pharmaindustrie, was seiner wissenschaftlichen Reputation abträglich ist. Nach Basel könnten ihn mehr Forschungsgelder der öffentlichen Hand locken. Möglich wären auch Zuwendungen aus dem «Daig», dem steinreichen Basler Bildungsbürgertum. Die Uni Zürich versucht Imhof nicht nur zu halten, indem sie in Basel interveniert. Sie verspricht ihm auch eine Aufwertung seines Forschungsbereichs. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.05.2010, 06:30 Uhr

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20 Kommentare

Peter Pfrunder

28.05.2010, 17:15 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Herr Lupfiner: ich bin selbst ein Akademiker und habe die Veröffentlichungen von Herr Imhof teilweise gelesen. Nein, ich beurteile diesen Hochschullehrer nicht allein aufgrund seiner TV-Auftritte . Dort hat man höchstens sein Überheblichkeitsdünkel, seine Arroganz und sein zynisches Lachen bei Meinungen von Gesprächsteilnehmer, die eine andere Meinung als der Alleswisser Imhof hatten,festgestellt Antworten


Stef Baumann

28.05.2010, 11:57 Uhr
Melden

Was ist ein "Star-Professor"? Antworten



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