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Stets dabei, die Verspätung aufzuholen

Von Fabian Boller. Aktualisiert am 18.08.2011 1 Kommentar

Die Bahnstrecke der S 5 gehört zu den meistbefahrenen im Kanton. Lokführer Beat Eisenegger über kurze Haltezeiten und die Sicherung gegen den Sekundenschlaf.

Lokführer Beat Eisenegger mit «seiner» S 5.

Lokführer Beat Eisenegger mit «seiner» S 5.
Bild: Fabian Boller

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Die S?5 taucht ein in den Schacht des Käferbergtunnels. Schlagartig wird es dunkel im Führerstand, und die Anzeigen leuchten auf. Lokführer Beat Eisenegger führt die S-Bahn-Komposition mit 125 km/h durch die Dunkelheit in Richtung Bahnhof Oerlikon. Nur kleine Lichter am Gleisrand lassen erahnen, wo die Tunnelwände und die Schienen sind. Die plötzlich eingeschränkte Sicht bringt Eisenegger aber nicht aus der Ruhe. Seit es die Zürcher S-Bahn gibt, sitzt er im Führerstand von Lokomotiven der SBB. Das sind mittlerweile 21 Jahre. Heute steht die Strecke Zürich–Rafz–Zürich–Pfäffikon?SZ–Zürich auf seinem Dienstplan. Dies ist die am zweitstärksten frequentierte S-Bahn-Linie des Netzes. 21'271 Passagiere nutzen die Strecke täglich. Nur die S?12 befördert mehr Menschen.

Für Eisenegger ist die Linie der S?5 eine besondere Strecke, denn der gelernte Mechaniker fährt dabei am Flughafen und damit an seinem ehemaligen Arbeitsplatz bei der SR Technics vorbei. «Die Rheinbrücke bei Eglisau und die Tanklager bei Rümlang machen den Abschnitt ebenfalls zu etwas Besonderem», sagt er. Früher, als der Güterverkehr noch nicht getrennt vom Personenverkehr operierte, habe er selber noch Tankzüge befördert. Daran erinnert er sich wehmütig. «Das war das höchste der Gefühle.»

Kontrollieren, ob er wach ist Ein schrilles Geräusch durchbricht die Stille im Führerstand. Schnell betätigt Eisenegger einen der vielen Schalter und Hebel in seinem «Cockpit». «Das automatische Sicherungssystem garantiert, dass ich wach und bei Bewusstsein bin», sagt er. Regelmässig muss der Lokführer also diesen Knopf drücken – ansonsten würde der Zug von allein eine Schnellbremsung einleiten. Dasselbe geschieht auch, wenn ein Lokführer ein Rotlicht überfährt oder sich nicht an die Geschwindigkeitsvorgaben hält. Kommt es so weit, muss der Lokführer seinen Fehler der Dienststelle melden. «Zum Glück ist mir das noch nie passiert», sagt Eisenegger, während der Zug an Höri vorbeibraust und sich dem Bahnhof ­Bülach nähert.

Eine gute Planung ist für Lokführer das Entscheidende – auch, wenn es um Toilettenbesuche geht. Denn in der Lokomotive sind keine WCs eingebaut, und Pausen sind vor allem auf Intercity-­Strecken rar. «Auf einer Fahrt von Zürich nach Genf oder nach Chiasso kann das schon einmal unangenehm werden», sagt Eisenegger. In die Hosen machen müssen sich die Lokführer aber nicht. «Wenn man es sich wirklich nicht verkneifen kann, muss man den Fahrdienstleiter informieren und sein Geschäft an einem Bahnhof erledigen», sagt er. Eine Verspätung sei dann aber nicht mehr zu vermeiden. Allerdings passiere so etwas fast nie.

Verspätungen kaum aufzuholen

Auf dem Zürcher S-Bahn-Netz haben die Lokführer 50 Sekunden Zeit, um Passagiere ein- und aussteigen zu lassen. Vor allem im Zürcher Hauptbahnhof sei das kurz bemessen, und schnell einmal hinke man dem Fahrplan hinterher. Möglichkeiten, die verlorene Zeit aufzuholen, gibt es laut Eisenegger kaum, denn fast überall sei man bereits mit der Höchstgeschwindigkeit unterwegs. Verspätungen von über 3 Minuten muss der Lokführer der Dienststelle melden, sofern er sie selber verursacht hat – zu ­Statistikzwecken.

Zumindest in Rafz kann Eisenegger aber etwas verschnaufen. Fast eine halbe Stunde steht der Zug hier auf dem Gleis, bis er sich wieder Richtung Zürich aufmacht. In einem kleinen Schopf im alten Bahnhof lässt sich der Lokführer eine Tasse Kaffee heraus. «Klar, ich fühle mich manchmal auch einsam, wenn ich unterwegs bin», sagt er. Doch darauf sei man ja vorbereitet, wenn man den Beruf ergreife.

Und schon geht es weiter – zurück durchs Unterland in Richtung Stadt. Auf der Rheinbrücke ist ein kurzer Blick ­hinunter auf den Fluss möglich, und schon erfolgt die Einfahrt in den Bahnhof Eglisau. Eisenegger klappt die Rückspiegel an seiner Lok aus und beobachtet die Passagiere beim Einsteigen. «Da weiss eine mit einem Velo nicht, was sie genau will», sagt er und schmunzelt. Nach einiger Zeit steigt die Frau dennoch ein, und die Fahrt kann weitergehen. «Wenn ich an jeder Station so lange warten muss, haben wir bald fünf Minuten Verspätung», sagt Eisenegger und erinnert sich sogleich an ein schönes Erlebnis, das er als Lokführer hatte. «Am Bahnhof Wallisellen sah ich beim Anfahren im Rückspiegel zwei ältere Leute dem Zug nachlaufen und bremste nochmals ab, um sie einsteigen zu lassen», erzählt er. An der Endstation hätten sie sich dann bei ihm bedankt und ihm fünf Franken für einen Kaffee offeriert – Erlebnisse, wie sie heute im öffentlichen Verkehr immer seltener werden.

Eisenegger erfüllte sich mit dem Jobwechsel vom Flugzeugmechaniker zum Lokomotivführer einen Bubentraum. «Heute ist es nicht mehr nur traumhaft, als Lokführer zu arbeiten», sagt er, während er auf das Rümlanger Industriegebiet blickt. «Doch die Arbeit macht noch immer Spass.»

Verantwortung übernehmen Wer den Beruf des Lokführers ergreift, tut das meist in einer Zweitausbildung. Eine abgeschlossene Berufslehre oder Matura wird erwartet. Gutes Seh- und Hörvermögen, gute Reaktionsfähigkeit und physische und psychische Belastbarkeit sind laut SBB wichtige Voraussetzungen. Die Ausbildung zum Lokführer dauert sieben bis neun Monate. Die SBB rechnen damit, dass sie in den nächsten zehn Jahren rund 1000 neue Lokomotivführer einstellen müssen – einerseits ­wegen Pensionierungen, anderseits weil der Bahnverkehr zunehmen wird.

Eisenegger fährt am liebsten die Strecke Zürich–Chur. «Man fährt übers Land und sieht in die Berge.» Zudem sei der Abschnitt nicht sehr hektisch. Mittlerweile überquert die S?5 den Seedamm und nimmt Kurs auf Pfäffikon?SZ. Eine gute Viertelstunde kann Eisenegger nach der 78-minütigen Fahrt dort Pause machen, bevor er die S-Bahn zurück durchs Zürcher Oberland nach Zürich steuert. Dass ihm dabei sehr viele Menschen ihr Leben anvertrauen, ist ihm durchaus bewusst. Das sei für ihn eine schöne Aufgabe.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.08.2011, 10:50 Uhr

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1 Kommentar

Friedrich Müller

18.08.2011, 12:30 Uhr
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Schön, dass es auch Fahrerberufe gibt, bei denen man nicht dauernd von Amtes wegen schikaniert wird! Antworten



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