Zürich
Stradivaris Musterlehrling
Von Hélène Arnet. Aktualisiert am 03.10.2009
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Michael Rhonheimer wurde in den Medien als der Geigenbauer gefeiert, der Stradivari das Wasser reichen konnte. Denn eine seiner Geigen schlug in einem Klangtest ein Instrument des Cremoneser Meisters. In Rhonheimers Atelier, in einem lauschigen Winkel von Baden hinter Rosmarin- und Haselnusssträuchern versteckt, hätte sich Antonio Stradivari (gest. 1737) bestimmt wohlgefühlt. Nur der Bildschirm, auf dem Rhonheimer gerade ins Tausendfache vergrösserte Holzzellen zeigt, hätte ihn verwirrt.
«Ich habe Stradivaris Meisterschaft noch nicht erreicht», sagt Rhonheimer in seinem ruhigen Aargauer Dialekt. Er freue sich zwar, dass seine Geigen mithalten konnten. «Doch mir gefiel die Strad besser als mein Opus 58, das obsiegte.» Das Holz dieser Geige wurde zuvor nach einem System des Empa-Forschers Francis Schwarze mit einem Weissschimmelpilz behandelt, der sich an den Zellwänden gütlich tat und die Struktur damit gleichmässig und weniger dicht werden liess. «Das ergab zwar unbestritten gutes Klangholz», findet Rhonheimer. «Doch mir ist es etwas zu sonor.» Er greift sich die Siegergeige und streicht die dunklen, tiefen Töne an. «Einfach zu tief.» Rhonheimer ist einer, der sich nie mit dem Erreichten zufriedengibt.
So will er sich auch nicht auf solche Biotech-Geigen spezialisieren, obwohl sie zurzeit hoch im Kurs sind. Sein Opus 58 ist heiss begehrt. Aus der ganzen Welt rufen Violinisten an, um nach dem Instrument zu fragen. Kein Wunder: Mit dem von Rhonheimer aufs Geratewohl hingesagten Preis von 25 000 Euro ist es im Vergleich zu einer Stradivari ein Schnäppchen. Diese sind bald mal das Hundertfache wert. Rhonheimer aber strebt nicht mit moderner Technik, sondern mit traditionellem Handwerk Stradivaris Meisterschaft an.
Streng geheime Fichten
Zwei Fichten in einem Bündner Bergtal sind sein grösster Schatz. «Sie geben fantastisches Deckenholz ab.» Eine geringe Dichte, gleichmässig verlaufende Jahrringe mit geringem Anteil an Spätholz. Sie wachsen auf nicht zu schwerem, eher trockenem Boden, was das Holz elastisch werden lässt. Und sie sind nicht dem Sturm ausgesetzt, was die Struktur schädigen würde. Auch ist die Umweltverschmutzung in abgelegeneren Gebieten noch nicht so gross. «Alles Faktoren, welche den Klang wesentlich beeinflussen.» Den Standort dieser Bäume hält er streng geheim.
Rhonheimers Verfahren funktioniert nicht mit Pilzen, sondern mit einem aufwendigen oxidierenden Sauerstoffgemisch und kurzwelligen Lichtstrahlen, denen die fertige, aber noch unlackierten Geige ausgesetzt werden. Um den Klang der Geige auszutesten, unterzieht er sie einer Modal-Analyse, die er im Estrich durchführt. Eingepfercht zwischen Geigenkästen und Skulpturen einer einheimischen Bildhauerin, welche früher in diesem Atelier arbeitete. Dabei werden die Eigenschwingungen des Klangkörpers grafisch aufgezeichnet. «Eigentlich mag ich solch moderne Analysen nicht», sagt Rhonheimer. «Ein Musiker geht nicht glücklicher weg von mir, wenn ich ihm auf der Kurve zeige, weshalb der Klang seiner Geige nicht klar ist.» Doch könne er mit dieser Methode ein Instrument überprüfen – «zusätzlich zum Hörtest, der viel aussagekräftiger ist».
Michael Rhonheimer steckte mitten in einer Lehre als Tiefbauzeichner, als in einem Pfadilager durch eine ihm angelastete Ungeschicklichkeit ein Gitarre zu Schaden kam. Er setzte sich in den Kopf, das Instrument zu flicken. So fing sein Leben als Instrumentenbauer an. Er konnte einen Glarner Geigenbauer davon überzeugen, dass er das Zeug für das Handwerk hat. Seit 1987 ist er selbstständig, und er ist mittlerweile in der Fachwelt zu Ansehen gekommen. Vier bis fünf neue Geigen baut er pro Jahr. «An einem richtig guten Instrument arbeite ich schnell mal drei Monate.»
Verkohlte Knochen
In seiner winzigen Küche rührt und reibt er in Kolben überm Feuer, in Reibschalen und Mörsern Lacke und Pigmente an. Er gibt in dieser Umgebung das perfekte Bild eines Alchimisten ab. Stampft Krappwurzeln, welche er mit seiner Frau in der Toscana gesammelt hat. Kreuzdorn und verkohlte Knochen. Auch hier lässt er sich nicht in die Karten schauen. «Ein paar Geheimnisse gehören zum Geigenbau», sagt er mit leisem Lächeln.
Er greift zum Aderschneideisen, um eine Linie am Deckenrand sauberer zu ziehen. Zeigt ein selbst gefeiltes Werkzeug, das Rundungen gleichmässiger und Kurven schärfer schneidet. An den Wänden hängen wohlgeordnet Stech- und Hohlbeitel, Schneckenmacherwerkzeug und Stimmsetzer. Antonio Stradivari kommt um die Ecke und geht ihm mit dem kleinen Hirschhornhobel und der Ziehklinge zur Hand. Da klingelt das Handy. Eine Soloviolinistin aus Deutschland fragt nach der «Biotech-Geige». Rhonheimer und Stradivari lächeln nachsichtig. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.10.2009, 04:00 Uhr


