Zürich

Startseite · Abo · Immobilien · Job · Auto · Kleinanzeigen

Lehrer-Studie gerät in schiefes Licht

Von Daniel Schneebeli. Aktualisiert am 23.01.2010

Lehrpersonen verlangen wegen starker Belastung eine Senkung der Pflichtstundenzahl von 28 auf 26. Doch etliche Lehrer unterrichten freiwillig bis zu 35 Lektionen - und werden übers Vollpensum hinaus bezahlt.

Viele leisten deutlich mehr als sie müssten: Lehrer.

Viele leisten deutlich mehr als sie müssten: Lehrer.
Bild: Keystone

Artikel zum Thema

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

300 unbezahlte Überstunden leisten Zürcher Lehrpersonen jedes Jahr. Das sind dreimal mehr als ihre Kollegen in anderen Kantonen. Doch das Resultat der wissenschaftlichen Arbeitszeitstudie des Schweizerischen Lehrerverbandes (TA vom 9. Januar) gerät nun in ein schiefes Licht, denn trotz der angeblich massiven Überlastung schaffen es im Kanton Zürich viele Lehrpersonen, über die maximale Unterrichtszeit hinaus Schule zu halten - und zwar bis zu 20 Prozent. Die Pflichtstundenzahl für ein Vollpensum beträgt derzeit 28 Lektionen (auf der Unterstufe 29) pro Woche.

In der Stadt Zürich unterrichten derzeit 197 Lehrpersonen und Kindergärtnerinnen über das Vollpensum hinaus (siehe Grafik). Diese Zahl dürfte sogar noch höher sein, denn jene Lehrpersonen, die zusätzlich ausserhalb der Stadt oder an einer Berufsschule arbeiten und so über 100 Anstellungsprozente kommen, sind darin nicht enthalten. In Zürich arbeiten über 3000 Volksschullehrpersonen und Kindergärtnerinnen. Verlässliche Zahlen für den Kanton sind nicht erhältlich.

Bis zu 30'000 Franken mehr

Obwohl es erstaunt, dass Lehrerinnen und Lehrer bis zu 120 Prozent bezahlte Arbeit leisten - verboten ist es nicht. Die Lehrerpersonalverordnung sieht dies sogar explizit vor. Erlaubt sind maximal sechs «Mehrlektionen» pro Woche. Die Entschädigung darf nicht höher sein als im regulären Lohn und die normale Arbeit darf unter der Zusatzbeschäftigung nicht leiden. Eine Sekundarlehrperson mittleren Alters verdient im Kanton Zürich gut 120 000 Franken jährlich; wenn sie die maximale Anzahl von Mehrlektionen hält, kann sie ihren Verdienst auf 150 000 Franken aufbessern.

Übriges Personal darf auch

Martin Wendelspiess, Chef des Volksschulamtes, bestätigt diese Praxis. Und er ist nicht erstaunt über die erhebliche Zahl von Lehrpersonen, die bezahlte Mehrarbeit leisten. Es sei manchmal von Vorteil, wenn eine Schulgemeinde einer Lehrperson zwei zusätzliche Stunden zuweisen könne und für dieses Kleinstpensum keine andere Lehrkraft suchen müsse. Wendelspiess betont, auch andere Kantonsangestellte dürften Mehrarbeit leisten.

Das bestätigt Roger Keller, Sprecher der Finanzdirektion. Es sei «in besonderen Fällen langjährige und gefestigte Praxis», dass Arbeit über ein Vollpensum hinaus toleriert werde. Allerdings liege die Grenze tiefer als bei den Lehrpersonen - bei maximal 110 Prozent. Zudem darf die Arbeit und die Gesundheit des Angestellten nicht unter der Zusatzbelastung leiden. Im Unterschied zu den Lehrpersonen gibt es für das übrige Staatspersonal keine Grundlage im kantonalen Gesetz. Richtschnur ist laut Keller das Arbeitsgesetz des Bundes, das eine maximale Arbeitszeit von 45 bis 50 Stunden toleriert, aber für öffentliche Verwaltungen nicht gilt. Bezahlte Zeit über ein Vollpensum hinaus kommt in der Kantonsverwaltung hin und wieder beim Reinigungspersonal vor, das manchmal in mehreren Betrieben eine Teilzeitanstellung hat.

«Mehrarbeit ist unseriös»

Bei den Lehrergewerkschaften ist das Problem bekannt. Und für Urs Loppacher, Sekretär beim VPOD Lehrberufe, ist klar: «Solche Mehrarbeit ist unseriös und gehört abgeschafft.» Vor allem in Zeiten des Lehrerüberflusses sei es sehr störend gewesen, wenn altgediente Lehrer übers Vollpensum hinaus gearbeitet und damit einer jungen Lehrperson die Arbeit weggenommen hätten. Heute, in den Zeiten des Lehrermangels, müsse man den Vielarbeitern fast dankbar sein, da ohnehin kaum jemand für die offenen Lektionen gefunden werden könne, sagt Loppacher.

Die Präsidentin des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbandes ZLV, Lilo Lätzsch, kennt einige Kollegen, die mehr als 28 Lektionen unterrichten. Allerdings höchstens eine Zusatzlektion. Sie ist der Meinung, dass man in diesen Fällen ein Auge zudrücken sollte. «So sind Schulen beweglicher und können im Notfall eine noch nicht besetzte Lektion einem Vollzeitlehrer zuteilen.» Grundsätzlich ist sie aber gleicher Meinung wie Loppacher: «Eine Lehrperson ist heute mit einem Vollpensum mehr als voll ausgelastet.» Für Lätzsch ist klar: Wenn eine Lehrperson 34 Lektionen unterrichtet, leidet die Qualität des Unterrichts. «Pro Lektion kann dann logischerweise nicht mehr gleich viel Vor- und Nachbereitungsarbeit geleistet werden.»

Arbeitszeit wird neu definiert

Wie lange Lehrpersonen noch übers Vollpensum hinaus arbeiten dürfen, ist unklar. Die Bildungsdirektion ist daran, für Lehrpersonen einen neuen Berufsauftrag zu definieren. Darin wird die Arbeitszeit nicht mehr allein über die Lektionenzahl definiert. Neu sollen alle anderen Arbeiten des Lehrers - Administration, Vorbereitung, Elternarbeit - mitberücksichtigt werden. Wie diese Arbeitszeit definiert wird, ist noch offen. Doch der Entwurf der Vorlage sieht eine flexible Unterrichtszeit vor. Lehrpersonen mit sehr guten organisatorischen Fähigkeiten könnten dann bei vollem Lohn weniger unterrichten, wenn sie in der Schule mehr Planungsarbeiten übernehmen. Umgekehrt dürfte ein besonders begabter Didaktiker mehr unterrichten. Mehr verdienen würde er aber nicht, sondern in anderen Bereichen entlastet. Wenn der neue Berufsauftrag umgesetzt wird, gäbe es «in der Regel» keine bezahlte Überzeit mehr, bestätigt Martin Wendelspiess.

Zum Schluss bleibt die Vermutung, dass die Belastung in der Schule nicht so gross sein kann, wie die Lehrpersonen behaupten. Lilo Lätzsch widerspricht energisch und kritisiert jene, die bezahlte Mehrlektionen leisten: «Diese Kollegen nehmen ihren Job nicht ernst, sie schädigen ihre Teams und das Ansehen des ganzen Berufsstandes.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2010, 09:17 Uhr

Zürich

Lokalverzeichnis

Werbung

AKTUELLE JOBS

Marktplatz

Populär auf Facebook – Privatsphäre

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.