Suche nach grünen Stromquellen

Im Kanton Zürich schlummern «riesige Potenziale» für erneuerbare Energien. Dies sagen die Gegner von Atomkraftwerken. Baudirektor Markus Kägi (SVP) und seine Fachleute halten das für Wunschdenken.

Im Sommer könnte darin Solarstrom gespeichert werden: Der Sihlsee bei Einsiedeln.

Im Sommer könnte darin Solarstrom gespeichert werden: Der Sihlsee bei Einsiedeln. Bild: Doris Fanconi

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Die Vorstellung hat etwas Kühnes: Alle 210'000 Wohnbauten im Kanton Zürich erfüllen künftig die Anforderungen des Minergie-P-Standards, sie verbrauchen also viel weniger Energie als heute. Zudem beziehen sie Solarstrom und funktionieren C02-frei.

So sieht es die ETH-Vision «Zero-Emissions-Architecture» vor. Das Ziel: Im Sommer Sonnenenergie speichern – um im Winter davon zu zehren. Fachleute im kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Umwelt (Awel) haben errechnet, dass für die Versorgung der 210'000 Wohnbauten gut 1000 Gigawattstunden (GWh) Solarstrom benötigt würden – ein Neuntel des heutigen Stromverbrauchs im Kanton Zürich.

Speicherung problematisch

In hiesigen Breitengraden wird Solarstrom vorwiegend im Sommer gewonnen, weshalb es einen Platz zur Speicherung bräuchte. Infrage käme der Sihlsee mit einem Stauvolumen von 92 Millionen Kubikmetern. Würde man den in Zürcher Häusern erzeugte Solarstrom nutzen, um aus dem Zürichsee Wasser hochzupumpen, liessen sich im Sihlsee 120 GWh Strom speichern – in Form von Wasser, das man im Winter durch die Turbinen jagen kann. Um die benötigten 1000 GWh zu speichern, müsste man das Volumen des Sihlsees jedoch verzehnfachen – ein Teil des Kantons Schwyz stünde unter Wasser. «Dieser Vergleich zeigt, dass die Speicherung von Strom eine grosse Herausforderung darstellt», sagt Hansruedi Kunz, Leiter der Abteilung Energie im Awel. Dasselbe gelte für die Produktion von erneuerbaren Energien im Kanton Zürich.

Nur Verdreifachung möglich?

Diese Einschätzung ist umstritten. Ein überparteiliches Komitee hat jüngst die Initiative «Strom für morn» lanciert: Ab 2035 soll aus den Steckdosen in den Zürcher Haushalten nur noch sauberer Strom fliessen. Die Initianten orten im Kanton Zürich «riesige Potenziale erneuerbarer Energien, die weitgehend ungenutzt sind».

Baudirektor Markus Kägi (SVP) hält die Initiative für zu radikal. Im Energieplanungsbericht der Regierung findet sich Kägis Begründung in Zahlen ausgedrückt: Die knapp 1,4 Millionen Zürcherinnen und Zürcher benötigen heute pro Jahr rund 9'000 Gigawattstunden (GWh) Strom – rund 15 Prozent des landesweiten Verbrauchs. Nur 10 Prozent davon (920 GWh) stammen aus erneuerbaren Energien oder Abwärmequellen im Kanton Zürich. Bis 2050 orten Kägis Fachleute ein Potenzial im Kanton von 2750 kWh; das ist weniger als ein Drittel des heutigen Verbrauchs.

«Ideologische Fixierung»

Die Problematik lässt sich gemäss Awel-Fachmann Kunz anhand der Wasserkraft beispielhaft illustrieren: Zürich fehle als Mittellandkanton die topografische Voraussetzung, um diese Energiequelle im grossen Stil zu nutzen. Ausbauen lasse sich die Wasserkraft nur geringfügig, geplant seien etwa beim Wasserkraftwerk Eglisau neue, leistungsstärkere Turbinen. Mehr Energie können auch Zürichs Wälder liefern: Im Holzheizkraftwerk Aubrugg etwa wird seit wenigen Wochen Strom CO2-neutral gewonnen. Diese Strommengen seien jedoch bescheiden, sagt Awel-Fachmann Kunz. Für ihn ist deshalb klar: «Die Initiative ist eine hehre Absichtserklärung, aber nicht umsetzbar.»

Dem widersprechen die Initianten. Bernhard Piller (Grüne), Stadtzürcher Gemeinderat und Energieexperte bei der Schweizerischen Energie Stiftung (SES), kritisiert das Szenario des Awel als «viel zu konservativ». Beispiel Solarstrom: Das Awel schätzt, dass sich damit langfristig ein Neuntel des Verbrauchs abdecken lässt. Die Initianten rechnen mit einem Viertel. Möglich wäre dies laut Piller, wenn künftig auf jedem zweiten Hausdach im Kanton Zürich Fotovoltaik-Anlagen stünden. Dazu brauche es jedoch den politischen Willen.

Bund schränkt ein

Dies sagt auch der Basler Alt-Nationalrat Rudolf Rechsteiner, der für die Zürcher SP 2009 eine Studie zum Potenzial von erneuerbaren Energien im Kanton Zürich verfasst hat. «Die eigentlichen Hürden bestehen nicht bei den Potenzialen.» Blockierend wirkt laut Rechsteiner die «ideologische Fixierung» der Stromkonzerne auf fossile und nukleare Energien. Das Mittel dagegen: die Stromversorgung möglichst dezentral gestalten. Es wären für Hausbesitzer viel mehr Projekte möglich, wenn der Bund das Energiegesetz ändern würde und – wie im benachbarten Ausland – erneuerbare Energien unbeschränkt zuliesse. Die Einspeisevergütung sei jedoch kontingentiert, sagt Rechsteiner. In seiner Studie kommt der SP-Politiker zum Schluss, dass sich der Kanton Zürich künftig komplett aus erneuerbaren Energien versorgen kann.

Geothermie als dunkler Fleck

Bei seiner Analyse geht Rechsteiner durchs Band von höheren Potenzialen aus als das Awel. Bei der Geothermie etwa verspricht er sich doppelt so viel Strom. Ob im Zürcher Untergrund wirtschaftlich nutzbare Erdwärme schlummert, ist jedoch ungewiss. Die Sondierungsbohrungen im Triemli vor gut einem Jahr brachten den erhofften Durchbruch nicht.

Wegen Unwägbarkeiten dieser Art können die Initianten das Potenzial der erneuerbaren Energien nur abschätzen. Gemeinderat Piller geht davon aus, dass sich mittelfristig 35 bis 40 Prozent innerhalb des Kantons erzeugen liessen. Gut 50 Prozent des Stroms wären ausserkantonaler Wasser- und Windstrom, 10 Prozent entfielen auf Wind- und Solarstromimporte aus Europa. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.02.2011, 23:13 Uhr)

Stichworte

(Bild: TAGrafik ek/ Quelle: Energieplanungsbericht des Regierungsrates)

Initiative «Strom für morn»

Der Kanton, die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich und die Netzbetreiber der Gemeinden sollen keine neuen Beteiligungen an AKW mehr erwerben. Bestehende sollen bis spätestens 2035 abgestossen werden. Dies fordern Vertreter von Grünen, der SP, der GLP, CVP, EVP und FDP. Damit wäre der Kanton schneller als die Stadt Zürich, die den Ausstieg per 2040 beschlossen hat. (sth)

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