Teilgeständiger belastet zwei KBV-Chefs

Am ersten Prozesstag im Fall der Winterthurer Krankenkasse KBV wurden drei Direktoren befragt. Ihre Aussagen zum Betrug mit fiktiven Versicherten widersprachen sich komplett.

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Der ehemalige Finanzchef der Krankenkasse KBV, des Schweizerischen Betriebskrankenkassen-Verbands, zeigte sich gestern vor dem Bezirksgericht Winterthur reuig und ratlos. Er konnte sich nicht erklären, weshalb sich seine Aussagen und die von zwei seiner damaligen Direktionskollegen diametral widersprachen. «Ich sage die Wahrheit», betonte der Finanzchef. «Die Zeit, als der Betrug mit den fiktiven Versicherten lief, war für mich der Horror.»

Der Finanzchef war in der sieben Stunden dauernden Verhandlung der einzige der bisher drei von insgesamt sieben befragten Angeklagten, der ein Teilgeständnis ablegte. Er gab zu, dass vier KBV-Direktoren mit 2040 fiktiven, betagten Versicherten über den sogenannten Vertrag 1163 den Risikoausgleichsfonds der Krankenversicherer um 27,5 Millionen Franken erleichtert hatten (TA von gestern). Und er schilderte auch, wie das Quartett von den 27,5 Millionen insgesamt 9,5 Millionen Franken in die eigenen Taschen abgezweigt haben soll.

Über das Konto der eigens dafür gegründeten Risk Management AG wurden Provisionen von 9,5 Millionen Franken angeblich an den deutschen Vermittler Wilfried Schubert ausbezahlt. Der Deal verlief aber laut dem Finanzchef anders: Die Geldbeträge von 10 000 Franken bis zu einer Million holten jeweils zwei der vier Direktoren in bar bei einer Thurgauer Raiffeisenbank ab. Danach trafen sich die vier Herren an verschiedenen Orten, wo sie sich das Geld jeweils brüderlich aufteilten. Die Bankbelege liess der Finanzchef jeweils im Aktenvernichter verschwinden. Insgesamt steckte jeder mehr als 2,1 Millionen ein, und 985 000 Franken wurden für Bonuszahlungen abgezweigt.

Geschäfte mit Phantom?

Nicht restlos geklärt blieb bei der gestrigen Befragung, ob der Vermittler Schubert tatsächlich existierte oder nicht. «Gibts Schubert, oder ist er ein Phantom?», fragte der Gerichtspräsident drei der vier Hauptangeklagten mehrmals. Der geschäftsführende Direktor versicherte, er habe mit Schubert geredet und ihm Geld übergeben. Schubert sei auch einmal in Winterthur gewesen. Auch der Marketingchef beteuerte, er habe Schubert in seinem Büro empfangen. Dieser habe sich ausgewiesen und gesagt, er komme aus Konstanz. «Schubert sass dreimal vor mir wie sie jetzt, Herr Gerichtspräsident.»

Die Versionen der beiden Direktionskollegen bestritt der Finanzchef energisch. Es habe zwar einen Vermittlervertrag gegeben, «aber den Herrn Schubert habe ich nie gesehen. Er wäre bei einem Grossauftrag von 27 Millionen Franken bestimmt dem Verwaltungsrat vorgestellt worden.» Vom ertrogenen Geld kauften sich der Direktionschef und der Marketingchef laut Anklage teure Autos, teure Uhren sowie Bilder und bezahlten Hausumbauten oder Wohnungseinrichtungen. Der Finanzchef legte sein Geld vollumfänglich an. Es wurde von der Staatsanwaltschaft eingezogen.

Heute Dienstag und falls nötig morgen Mittwoch befragt das Bezirksgericht den vierten Direktor sowie drei Nebenangeklagte. Am Donnerstag folgen die Plädoyers des Staatsanwalts mit den Strafanträgen und diejenigen der Verteidiger. Zwei der vier Direktoren, die neun Monate in Untersuchungshaft sassen, bestreiten ihre Taten vollumfänglich. Sie hätten kein Geld bezogen und erst bei einer Revision im Jahr 2003 von den fiktiven Versicherten erfahren. Nebst dem Finanzchef ist auch der vierte noch nicht befragte Direktor geständig. Diese beiden sassen je drei Monate in Untersuchungshaft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2008, 15:55 Uhr

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