Telefon 143 spürt die Missbräuche in den Kirchen
Von Claudia Imfeld. Aktualisiert am 20.07.2010
Sieht Zusammehang zwischen Missbrauchsfällen in den Kirchen und den Anrufen auf Telefon 143: Geschäftsleiter Tony Styger. (Bild: Sophie Stieger)
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Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Telefons 143 hatten in den letzten Monaten alle Hände voll zu tun. Zu den rund hundert Anrufen täglich, meldeten sich zusätzlich ungewöhnlich viele Menschen, die wegen sexuellen Missbrauchs bei der kostenlosen Telefonberatung anriefen.
Tony Styger, Geschäftsleiter der Dargebotenen Hand Zürich, bringt den Anstieg direkt in Verbindung mit der grossen Zahl sexueller Missbräuche in Kirchen, die dieses Jahr bekannt wurde. «Mit der medialen Aufmerksamkeit nahmen die Anrufe zu.» Für den Fachmann ist das eine logische Folge: «Wer selbst sexuell missbraucht wurde, kann sich bei der Medienpräsenz dem Thema nicht mehr entziehen.»
Weil die Zahlen nur für den internen Gebrauch bestimmt sind und die Anrufe vertraulich behandelt werden, will Styger nur wenige Angaben machen. Es seien «deutlich mehr Anrufe als üblich» gewesen in den letzten Monaten. Und die meisten der Anrufer erzählten von eigenen Missbrauchserfahrungen. Einige wenige seien darunter gewesen, die von Kirchenleuten missbraucht worden seien. In einem Fall rief die Freundin einer von einem Pfarrer missbrauchten Frau an, wie Styger sagt. Die Betroffene leide noch heute unter dem Übergriff. Das Erlebnis war ihr, so die Freundin gegenüber Telefon 143, als Kind im Dorf nicht geglaubt worden.
Pfarrer und Väter infrage gestellt
Bei der Mehrheit der Anrufer waren die Täter laut Styger aber keine Pfarrer, sondern kamen aus dem Familienkreis. Dass auch diese Betroffenen sich häufiger als üblich meldeten, erklärt er damit, «dass mit den Missbräuchen in Kirchen eine moralische Instanz an den Pranger gestellt wird». Dies lasse die Hemmschwelle sinken, andere Autoritäten wie den Vater oder den Onkel infrage zu stellen und über anhin Unausgesprochenes reden zu wollen.
Die Dargebotene Hand kennt das aktuelle Phänomen: Immer wieder steigt die Zahl der Hilfesuchenden, wenn aussergewöhnliche Ereignisse für grosse Betroffenheit sorgen. Laut Styger haben sich etwa nach dem Tsunami Menschen gemeldet, weil Bekannte in der Region unterwegs waren oder sie selbst das betroffene Gebiet aus dem Urlaub kannten. «Wenn ein Ereignis Ängste oder eine persönliche Betroffenheit auslöst, merken wir, dass sich mehr Menschen an uns wenden», sagt Styger. Die Anrufe in Zusammenhang mit den Missbrauchsfällen in den Kirchen sind aber speziell: «Denn hier lassen persönliche, manchmal lange verdrängte Erlebnisse die Menschen zum Telefon greifen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.07.2010, 13:24 Uhr




