Zürich
Teure Wohnungen in Zürich: «Soziales Gefüge der Quartiere wird zerstört»
Interview: Felix Schindler. Aktualisiert am 09.07.2010 27 Kommentare
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In Zürich werden laufend alte Mehrfamilienhäuser abgerissen, an ihrer Stelle entstehen Luxuswohnungen. Die UBS verfolgt ein entsprechendes Projekt in Wollishofen. Droht Zürich ein Ghetto von Spitzenverdienern zu werden?
Diese Veränderungstendenzen sind unübersehbar, aber noch längst nicht flächendeckend. Es gibt allerdings schon jetzt Gebiete, wo man kein Zuhause mehr findet, weil die Wenigsten die immensen Preise bezahlen können. Diese Entwicklung kommt schleichend, lässt sich aber praktisch nicht mehr rückgängig machen.
Die Häuser an der Bellariastrasse sind keine Prunkstücke. Wertet eine solche Überbauung das Quartier nicht auch auf?
Natürlich sind Veränderungen in einer Stadt wichtig, selbst wenn da und dort teure Wohnungen entstehen. Das Projekt an der Bellariastrasse ist aber insofern bedenklich, als dort heute alteingesessene Bewohner leben, es ist ein über Jahrzehnte gewachsenes Quartier. Dieses soziale Gefüge wird dadurch zerstört. Es droht ein soziales Ödland. Ich verstehe, dass die Bevölkerung in der Umgebung heftig auf diese Überbauung reagiert.
Was meinen Sie mit sozialem Ödland?
Das Beispiel sind die Gated Communitys, eingezäunte und abgeriegelte Wohnanlagen in vielen Megacitys. So entstehen ganze Wohngebiete, zu denen nur ein paar wenige Zugang haben. Das ist in gewisser Weise nicht viel besser als jene Quartiere, in die man nicht gehen kann, weil es zu gefährlich ist. Auch hier findet Ausschluss statt.
Wo verändert sich Zürich derzeit am stärksten?
Die Hochhäuser, die in Zürich entstehen, tragen zweifellos zur Urbanität Zürichs bei. Wir müssen aber gleichzeitig aufpassen, dass dort nicht nach und nach geschlossene Communitys entstehen. Auch die Weststrasse ist ein wohnpolitischer Brennpunkt. Sie bot bisher gerade wegen des starken Verkehrs günstigen Wohnraum für Studenten und Migranten und deren Familien. Jetzt wurde sie von der Kantonsstrasse zur Quartierstrasse abgewertet und dadurch als Wohngebiet aufgewertet. Wir führten dort eine Befragung durch, die zeigte, dass sich viele von den bisherigen Bewohnern davor fürchten, ihr Zuhause nun zu verlieren. Sie fürchten sich wohl zu Recht.
Halten Sie die Aufwertung der Weststrasse deshalb für schlecht?
Nicht nur. Für das Quartier hat die Entwicklung auch ihre guten Seiten. Die Wohnqualität nimmt eindeutig zu. Die Aufwertung der Weststrasse hat jedoch eine Schattenseite. Jede grössere Stadt braucht Übergangsräume, wo Migranten ankommen können und Studenten günstigen Wohnraum finden. Die bisherigen Bewohner sind dort quasi auf der Durchreise. Die Migrantenfamilien hoffen auf einen sozialen Aufstieg, die Studenten werden ins Erwerbsleben eintreten. Auch an solchen Orten kann sich eine Stadt erneuern.
Die Stadt hat ein Positionspapier, mit dem sie den Wohnungsmarkt positiv beeinflussen will. Stadtpräsidentin Corine Mauch sagte dazu, man wolle «auch in teuren Quartieren wohnpolitisch aktiv» werden. Reicht das?
Die Politik ist in dieser Frage klar gefordert. Aber es ist falsch, dieses Problem einfach der Politik in die Schuhe zu schieben. Ich kann nicht verstehen, dass die UBS als Investorin des Projekts an der Bellariastrasse ihre Verantwortung nicht wahrnimmt. Sie hätte es in der Hand, eine Überbauung zu entwerfen, die nicht nur energetisch nachhaltig ist, sondern auch sozialpolitisch. Die UBS hat dem Staat viel zu verdanken und hätte hier eine hervorragende Gelegenheit, der Allgemeinheit jetzt auch etwas zurückgeben.
Ist diese Forderung nicht ein bisschen naiv?
Ihre Frage zeugt davon, dass es heute salonfähig ist, wenn man sich voll und ganz auf seinen eigenen Vorteil konzentriert. Das ist letztlich das Problem. Den ethischen Beteuerungen der Finanzinstitute müssen jetzt auch Taten folgen. Insbesondere die UBS hätte das bitter nötig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.07.2010, 10:32 Uhr
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27 Kommentare
Diese idiologische Argumentation ist äusserst fragwürdig und beweist, wie weltfremd an sozialen Hochschulen die Realität wahrgenommen wird. In dieser Logik zu Ende gedacht, wären Besserverdienende verantwortlich für ein soziales "Ödland" und der in diesem Kontext absurde Vergleich mit "Gated Communitys" zeigt, dass Hanspeter Hongler noch nie eine echte "Gated Communitys" gesehen hat. Antworten
@Gasser: Wohin ein Ausbau des AHV-Systems (d.h. des Umlageverfahrens) führt, sieht man relativ gut im nahen europäischen Ausland. Ein umlage-basiertes System *muss* scheitern, wenn sich das Verhältnis von Zahlern zu Bezügern zu stark verschlechtert. Da ist es mir deutlich lieber, wenn ich mein selbsterarbeitetes Geld zumindest teilweise für meine eigene Vorsorge auf die Seite legen kann. Antworten
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