Zürich
«Trete ich jetzt auf wie die Zeugen Jehovas?»
Von Silvio Temperli. Aktualisiert am 28.03.2011 16 Kommentare
SVP klingelt an der Haustür
Wahlkampf wie in Amerika: Die SVP der Stadt Zürich geht neue Wege im Wahlkampf. Mit spontanen Hausbesuchen empfehlen sich die Kandidaten persönlich zur Wahl. Derzeit stehen 27 Politiker im «Haustürwahlkampf», bestätigte Roger Liebi, Präsident der Stadtzürcher Sektion, gestern einen Bericht der «NZZ am Sonntag». Geweibelt werde vor allem in jenen Quartieren, in welchen der Wähleranteil schwierig zu halten sei, namentlich in den Stadtkreisen 6 und 10 sowie 4 und 5. Zwischen halb sieben und halb acht abends klingeln die Kandidaten an den Haustüren und stellen sich den Wählern unter dem Türrahmen vor. Zusammen unterwegs sind jeweils eine Frau und ein Mann, «für den Fall, dass etwas Unvorhergesehenes passiert». Laut Roger Liebi hätten bislang die Leute «erstaunlich positiv» auf die unangemeldeten Besuche reagiert. Die Aktion habe Pilotcharakter. Auf Anfang Mai ist in der Deutschschweiz eine Schulung der SVP Schweiz vorgesehen. Auch für die National- und Ständeratswahlen vom kommenden Herbst werde die Partei mit dieser Methode auf Stimmenfang gehen. (sit)
Inge Schütz
Inge Schütz ist Geschäftsleiterin einer Netzwerkorganisation für Businessfrauen. Sie sitzt im Vorstand der SVP International und lebte 16 Jahre in Schweden.
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Frau Schütz, wie ist Ihnen zumute, wenn Sie sich abends unangemeldet bei wildfremden Leuten als SVP-Kandidatin anpreisen?
Es ist ein ungewohntes, eigenartiges Gefühl, die Hemmschwelle ist sehr gross; ich fragte mich zunächst: Trete ich jetzt auf wie die Zeugen Jehovas? Ich bin ja lässig gekleidet, sodass die Verwechslungsgefahr eher gering ist.
Wie gross ist die Angst, dass Ihnen etwas zustossen könnte?
Wir sind immer zu zweit am Weibeln. Ich habe das Glück, mit Kantonsrat Rolf André Siegenthaler hausieren zu gehen. Er ist Berufsmilitär, ich fühle mich mit ihm sehr sicher.
Was bekommen Sie von den Leuten zu hören, wenn diese während des Abendessens von der SVP herausgeklingelt werden?
Wissen Sie, schon durch die Gegensprechanlage oute ich mich als SVPlerin. Wer mich nicht sehen will, sagt dann klipp und klar: Ich interessiere mich nicht für diese Partei. Doch die meisten Leute schätzen es sehr, wenn eine Politikerin persönlich zu ihnen kommt, die man gleichsam anfassen kann, die ihnen die Hand gibt und Grüezi sagt.
Also kein Störmanöver?
Überhaupt nicht, uns haben auch Leute geöffnet, die gerade mit nassen Haaren aus der Dusche kamen oder noch den Spaghettiteller in der Hand hatten.
Wie läuft das Gespräch unter dem Türrahmen ab?
Der Auftritt dauert höchstens zwei Minuten, die Zeit ist kostbar, bei an die 50 Besuchen pro Abend. Wir stellen uns vor, geben Werbematerial ab, auf welchem die Parteizugehörigkeit gut ersichtlich ist. Ich erkläre dann auf die Schnelle, warum ich kandidiere.
Weshalb?
Weil die Personenfreizügigkeit ein Bumerang ist, weil die bilateralen Verträge nicht funktionieren.
Was aber, wenn ein Ausländer die Tür öffnet?
Wir begegnen vielen Engländern und vor allem zahlreichen Deutschen. Ihnen sagen wir schnell Adieu, sobald sie uns signalisieren: «Wir dürfen nicht wählen, es hat keinen Sinn.»
Was machen Sie, wenns bei Ihnen zu Hause am Feierabend überraschend läutet und vielleicht ein Linksgrüner vor der Türe steht?
Ich würde einem Fremden nie öffnen, ich bin immer sehr skeptisch. Wenn er aber sagt: Ich bin von der SVP, dann ist der Fall klar.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.03.2011, 10:37 Uhr
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16 Kommentare
Dass eine SVP Frau skeptisch gegenüber Fremden ist, hätte ich nie gedacht! Jetzt wissen wir's: Schweizer wählen SVP, alle Nicht SVP Wähler sind Fremde und Fremden soll man skeptisch gegenüber sein. Danke Frau Schütz für Ihre Offenheit, ich hoffe nur die "Nicht"-Schweizer Wählerschaft gibt Ihnen die Quittung! Antworten
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