Trotz Sparauftrag kaufen Tierspital-Chefs teure Hightech-Apparate

Von René Staubli. Aktualisiert am 08.09.2010 11 Kommentare

Ein zweiter Computertomograf ist gekauft, ein Linearbeschleuniger für die Bestrahlung krebskranker Haustiere soll folgen. Die Sparbemühungen des Kantonsrats werden unterlaufen.

Kühles Design und eigenwillig markierte Parkplätze: Der kürzlich bezogene Neubau des Zürcher Tierspitals in der Nähe des Milchbucks.

Kühles Design und eigenwillig markierte Parkplätze: Der kürzlich bezogene Neubau des Zürcher Tierspitals in der Nähe des Milchbucks.
Bild: Nicola Pitaro

Am 25. September ist Tag der offenen Tür im Tierspital. Die Bevölkerung ist eingeladen, den Neubau beim Milchbuck zu besichtigen. Dieser sollte ursprünglich inklusive Einrichtung 36 Millionen Franken kosten. Dann kürzte der Kantonsrat den Kredit auf 28?Millionen; man wollte sparen.

Daraus wird wohl nichts. Denn das Tierspital und die Universität sind kreativ, wenn es darum geht, lang gehegte Anschaffungswünsche trotzdem zu erfüllen. Der bereits vollzogene Kauf eines zusätzlichen Computertomografen (CT) und die unmittelbar bevorstehende Beschaffung eines millionenteuren Linearbeschleunigers zur Bestrahlung krebskranker Kleintiere illustrieren dies.

Zwei Tomografen statt einer

Wie der Direktor des Departements Kleintiere, Jean-Michel Hatt, bestätigt, hat das Tierspital den Kaufvertrag für einen zweiten CT unterschrieben; das Gerät habe lediglich eine halbe Million Franken gekostet und werde Ende Jahr geliefert, sagt Hatt. Dazu kommen die Kosten für den Servicevertrag, die von Marktkennern auf jährlich 100'000 Franken veranschlagt werden, sowie der Personalaufwand.

Bislang wurden Pferde und Kleintiere kostengünstig mit demselben CT untersucht. Nun wird die Radiologieabteilung gesplittet. Auf der bisherigen Station sollen laut Hatt pro Tag ein bis zwei Pferde durchleuchtet werden, auf der neuen genügen laut dem Departementsdirektor täglich vier Kleintierpatienten, um kostendeckend zu arbeiten. Auch wenn Hatts nicht zu überprüfende Behauptung stimmt, sind die beiden CT bei weitem nicht ausgelastet.

Geheimer Beschaffungsantrag

So gut wie beschlossen scheint auch die Beschaffung eines neuen Linearbeschleunigers zur Krebsbestrahlung von Hunden und Katzen. Die Radio-Onkologische Abteilung des Tierspitals vermeldet in einem kürzlich lancierten Spendenaufruf jedenfalls, es sei «bereits gelungen, drei Viertel der anfallenden Kosten auf Stiftungs-, Fakultäts- und universitärer Ebene zusammenzutragen». Es fehle nur noch «ein Betrag, den wir aus externen Quellen auftreiben müssen».

Vor einem Jahr hatte es noch geheissen, die Universität werde sich keinesfalls an der Finanzierung einer solchen Strahlenkanone beteiligen. Zwischenzeitlich hat das Tierspital der Uni-Leitung einen Beschaffungsantrag gestellt, wie Recherchen belegen. Offiziell wird das freilich von keiner Seite bestätigt. Ob der Antrag bereits gutgeheissen worden ist, war nicht in Erfahrung zu bringen. Die Uni-Leitung verweigert wie die Vetsuisse-Fakultät (Tierspital) jede Auskunft zum hängigen Geschäft. Es gibt aber deutliche Anzeichen, dass die Weichen bereits gestellt sind.

Europaweite Führung angestrebt

Auf der Vetsuisse-Website heisst es seit kurzem, die Fakultät sei «sehr bemüht, die Strahlentherapie nach einem mittelfristigen Unterbruch wieder zu etablieren, um diese Therapieform auf universitärem Niveau wieder anbieten zu können». Das Ziel sei, «europaweit eine führende Stellung einzunehmen».

Tatsächlich hatte Zürich auf diesem Gebiet einmal eine Vorreiterrolle gespielt. Die Professorin Barbara Kaser-Hotz hatte am Tierspital Anfang 2000 den ersten Linearbeschleuniger Europas in Betrieb genommen, wobei sie die Mittel weitgehend selber bei Privaten beschaffte. Ende 2005 kündigte sie, weil sich die Uni-Leitung weigerte, die mittlerweile defekte Strahlenkanone zu ersetzen. Der damalige Rektor Hans Weder warf unter anderem die Frage auf, ob sich die Bestrahlung von Katzen und Hunden ethisch vertreten lasse – und wenn ja, ob diese Aufgabe nicht besser von Privaten übernommen würde.

Zürich will den Alleingang

Daraufhin kündigte Kaser-Hotz und stellte in Hünenberg ZG das AOI Animal Oncology and Imaging Center auf die grüne Wiese. Seit September 2008 werden dort krebskranke Tiere bestrahlt – auch solche des Zürcher Tierspitals. Kasers Angebot, in der Forschung und bei der Ausbildung von Studenten zum beidseitigen Nutzen zu kooperieren, lehnten die Zürcher ab: Man wolle keine Kernaktivitäten an Private auslagern. Im Ausland sind Kooperationen zwischen Unis und Privatkliniken indes verbreitet.

In der Folge half Kaser-Hotz der Freien Universität Berlin beim Aufbau eines Strahlenzentrums, und sie arbeitet mit der angesehenen European Synchrotron Radiation Facility (ESRF) in Grenoble zusammen. Die Professorin ist der Meinung, dass in der Schweiz ein Linearbeschleuniger für die Behandlung krebskranker Haustiere ausreichen würde. Von Partnern gemeinsam betrieben, könnte ein hoher Wirtschaftlichkeitsgrad erreicht werden. An einer solchen Zusammenarbeit ist das Tierspital jedoch nicht interessiert. Es möchte ein eigenes Strahlenzentrum aufbauen und nimmt beim Alleingang höhere Kosten in Kauf.

Stiftung hilft bei Finanzierung

Für die Finanzierung der Strahlenkanone am Tierspital kommt auch die Marie-Louise-von-Muralt-Stiftung auf. 1998 gegründet, bezweckt sie die «Einrichtung und den Betrieb eines Strahlenmedizin-Zentrums» für krebskranke Kleintiere am Tierspital. Zum Stiftungskapital von rund 500'000 Franken gehört auch ein Anerkennungspreis von 50'000 Franken, den Kaser-Hotz einst für ihre Bemühungen zur Etablierung der Krebsbestrahlung in Zürich erhalten und der Stiftung weitergegeben hatte.

Stiftungsratspräsident Clive Künzler bestätigt, dass ein Antrag von Kaser-Hotz auf Rückerstattung des Preisgelds nach ihrer Kündigung abgelehnt worden sei. Man habe sich entschieden, das ganze Kapital dem Tierspital zur Verfügung zu stellen. Der Rechtsdienst der Universität habe das Dossier geprüft und grünes Licht für die Überweisung gegeben.

Blick in die Röhre

Folglich wird das Zürcher Tierspital in naher Zukunft zwei Computertomografen betreiben statt nur einen – mit entsprechender Kostenfolge. Zusätzlich hat es einen Magnetresonanztomografen (MRI) für Kleintiere gekauft. Ausserdem wird es wahrscheinlich einen millionenteuren Linearbeschleuniger beschaffen – womit in 40 Kilometer Distanz zwei Strahlenkanonen stünden, die beide nicht ausgelastet wären. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2010, 22:59 Uhr

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11 Kommentare

Mario Saluz

08.09.2010, 08:51 Uhr
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Dieser Kleinkrieg, der da betrieben wird, finde ich bedenklich, auch für uns Tierhalter. Im onkologischen Bereich wäre eine Zusammenarbeit tatsächlich erstrebenswert. Ein MRI ist am Tierspital aber ein absolutes Muss. Das hilft in der Diagnostik. Im Uebrigen schätze ich die fachliche Kompetenz, welche an beiden Instituten besteht, sehr. Antworten


Stefan Kreis

08.09.2010, 09:12 Uhr
Melden

Ich finde es sehr gut, dass der Tagi solche Machenschaften, die der ehrliche Steuerzahler allenthalben vermutet, an konkreten Fällen ans Licht zerrt. Herr Jean-Michel Hatt steht unter medialer Beobachtung und hat sich zu rechtfertigen. Lieber Tagi, bleiben Sie bitte dran! Antworten



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