Zürich
Über die Anatomie des Pendlerzentrums
Interview: Simon Eppenberger. Aktualisiert am 26.10.2011 3 Kommentare
Schrieb das Buch: Z«ürch HB - Porträt eines faszinierenden Kosmos»: Martin Walker. (Bild: zvg)
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Wohin gingen Sie zuerst, als sie mit der Arbeit am Buch über den Hauptbahnhof Zürich begannen?
Auf das Dach der Haupthalle und in das unterste der fünf Stockwerke, die unter der Halle liegen.
Wieso?
Wir wollen Orte zeigen, an die man nicht zuerst gelangt. Vom Dach hat man eine fantastische Aussicht auf die Bahnhofstrasse und die Gleisfelder. Und man sieht erst dort oben die Dimensionen der Perrondächer. Der Untergrund wiederum ist spannend, weil man sieht, dass das Bild eines Eisberges stimmt: Die grosse Halle ist die Spitze, der grosse Teil liegt hingegen darunter. Neben den Geschäften hat es ein Gepäckzentrum, Lagerräume, Küchen, eine Metzgerei, Lüftungen und und und. Quasi die Gedärme des Hauptbahnhofes.
Was hat sie am Betrieb des HB's am meisten überrascht?
Ich habe mit vielen Leuten geredet, die dort arbeiten. Egal ob sie bei der SBB tätig sind oder für private Unternehmen, den ZVV oder auf der Baustelle arbeiten, sie alle reden von «meinem HB». Zusammen sind sie dafür besorgt, dass das komplexe Gebilde Hauptbahnhof funktioniert. Sie haben einen wahnsinnigen Ehrgeiz, den Betrieb am Laufen zu halten. Das ganze ist wie ein Arbeitsgerät, mit dem sich die Leute identifizieren.
Jeden Tag hetzen Hunderttausende Pendler durch den HB. Was raten sie jemandem, der den täglichen Stress reduzieren will?
Einen Zug auslassen, in der Querhalle ins Il Baretto sitzen und aus dem Glaskubus heraus den super Blick auf die Rolltreppen geniessen. Wenn man die anderen rauf- und runterfräsen sieht, das holt einen subito wieder runter. Oder man kann sich auf die Suche nach der goldenen Kugel machen, die Dieter Meier in der Haupthalle im Boden versenkt hat. Sie ist aber nur zu finden, wenn keine Anlässe in der Halle stattfinden.
Hat sie am HB-Betrieb etwas erschreckt?
Am Samstagabend, da geht die Post ab. Ich bin nicht erschrocken, aber doch sehr erstaunt über die Massen von jungen Menschen, die den HB ausserhalb des Zufahrens nützen, um dort ihre Party zu feiern und die sich in Szene setzen, sobald die Fotografin Natalie Guinand ihre Kamera zückte. Ich bin wohl zu alt dafür. Etwas erschreckendes zu finden war schwer. Man hat den HB im Griff, er ist gepützelt, durchorganisiert und als Einkaufszentrum rentabel. Aber er hat noch immer mehr Charakter als der Flughafen.
Wenn die untersten Stockwerke die Gedärme sind, wo liegt das Herz des HBs?
Die Bahnhofskirche und die -hilfe sind das Herz. Dort hat man offene Ohren für alle, die Ruhe, Zuspruch oder Hilfe brauchen.
Und wo ist der Kopf?
Das ist das Stellwerk am Ende der 50er-Gleise. Dort schauen sie, dass die Züge richtig ankommen. Das ist noch immer die Hauptaufgabe des HB's. Die Mitarbeiter dort sind am rotieren, wenn es zu Verspätungen kommt oder sonst etwas nicht normal läuft.
Gibt es Menschen, die im HB leben?
Unter der Woche wird er abgeschlossen und geputzt. Das verhindert auch, dass sich jemand dort niederlassen kann. Aber es gibt Leute, die den grossen Teil des Tages im HB verbringen. Es gibt sogar solche, die morgens um vier bereits warten, bis der HB geöffnet wird und sie sich auf einem Steinbank niederlassen können. Das sind nicht unbedingt Randständige, aber eher einsame Menschen. Und Frieda Bühler, die Frau, die sich auf den Rollstuhl abstützt, ist nach wie vor dort und segnet die Passanten.
Was würden Sie am HB verändern, wenn sie könnten?
Ich wünsche mir einen Velodurchgang. Wenn man von einer zur anderen Seite gelangen will, steht der HB immer im Weg. Und ich würde weniger Veranstaltungen in der Halle durchführen. Sie ist am schönsten, wenn sie leer ist.
Was ist der HB für Sie am ehesten, Pendlerzentrum, Nabel zur Welt, Verkehrsknoten der Schweiz oder Epizentrum von Zürich?
Nabel zur Welt, das ist mir am liebsten. Schliesslich fahren nicht nur S-Bahnen, sondern auch Fernzüge. Und man kann dort bereits das Gepäck für den Flughafen einchecken.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.10.2011, 13:20 Uhr
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3 Kommentare
Stress mach man nur sich selbst! Ich mache mir keinen Stress, obwohl ich tagtäglich Pendle. Das fängt schon damit an,das man halt am Abend davor zeitig zu Bett geht und am Morgen eine halbe Stunde früher losfährt. Von daher gesehen, kenne ich das Wort Stress überhaupt nicht. Antworten
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