Zürich
Ulrich Schlüer verstummt
Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 26.10.2011 182 Kommentare
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Sein Gesicht kennt jeder auch nur halbwegs politisch Interessierte im Kanton: Ulrich Schlüer, seines Zeichens Bewahrer der wahren Schweizer Werte, Vater der Minarettinitiative, Verleger und Chefredaktor der nationalkonservativen «Schweizerzeit» und bis letzten Sonntag Nationalrat.
Während Jahren liess er keine Möglichkeit aus, um der Welt seine Gedanken in markigen Worten mitzuteilen. Während des Abstimmungskampfes zur Minarettinitiative hörte er schon «den Muezzin rufen». Und seine Prophezeiung erfüllte sich: Ein politischer Gegner richtete, wohl im Scherz, aus einem Auto einen Lautsprecher auf Schlüers Haus – mit ohrenbetäubendem Muezzin-Gesang.
Linke Schulen
Spass hatte der SVP-Haudegen daran nicht. Die Autonummer wurde notiert und der Feind schnell geortet: im von Linken dominierten Bildungswesen. «Nach meinen Recherchen ist die ETH Zürich Eigentümerin des Wagens», wunderte er sich damals. «Unglaublich, dass ein vom Steuerzahler mitfinanziertes Fahrzeug zu solchen Zwecken missbraucht wird.»
Das Bildungswesen liess ihn auch im letzten Jahr nicht los. In den Schweizer Schulen ortete er eine ideologische Färbung, da «Themen wie Homosexualität» oder «Palaverstunden zur Klimaerwärmung» ihren Platz finden. So kämpfte er gegen eine Schule, die in seinen Augen «leistungsfeindlich und wirtschaftsuntauglich» geworden war. Mit Konzepten, die höchstens Pestalozzi – seine Verdienste in allen Ehren – als zeitgemäss eingeschätzt hätte.
Aus laut wird leise
Auch das Militär und Artverwandtes lagen dem «Talib der SVP», wie ihn die Ratslinke hinter vorgehaltener Hand gerne nannte, stets am Herzen. Noch in diesem Jahr forderte er im Nationalrat «Schluss mit Wehrmänner-Schikanierung» und wollte damit sämtlichen Dienstleistenden am Tag der Entlassung aus dem Militär automatisch einen Waffenschein aushändigen.
Im Jahr 2007 ist das Resultat der Nationalratswahl ein herber Dämpfer. Schlüer schafft die Wiederwahl nicht. Nur dank Ueli Maurers Sprung in den Bundesrat darf er in der grossen Kammer weitere vier Jahre lang für rote Köpfe sorgen.
Doch nun wird es plötzlich eigenartig stumm um den Enkel deutscher Einwanderer. Zum zweiten Mal abgewählt, will er seine Gedanken nicht mehr mitteilen. Ein Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet zu seiner Abwahl lehnt er ab. Er sei nun Privatmann und entscheide selber, was er sagen wolle. Ob das als Nationalrat anders war, bleibt offen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.10.2011, 16:08 Uhr
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