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Und tschüss!

Von Benno Gasser. Aktualisiert am 12.03.2011 1 Kommentar

Rachel Kyncl hat 228 Grusssituationen analysiert. Das Resultat: Zürcher grüssen dreimal häufiger als Berliner. Sie küssen auch mehr.

Grüezi und Hallo: Rachel Kyncl hat mehr als 220 Grusssituationen in Berlin und Zürich analysiert.

Grüezi und Hallo: Rachel Kyncl hat mehr als 220 Grusssituationen in Berlin und Zürich analysiert.
Bild: Doris Fanconi

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Über die Art und Weise des Grüssens macht sich in der Regel kaum jemand Gedanken. Das geschieht beiläufig, fast automatisch. Für Rachel Kyncl steckt in den paar Grussworten aber genügend Stoff für eine 400 Seiten starke Lizenziatsarbeit. Dafür hat die 28-Jährige in Zürich und Berlin mit einem versteckten Mikrofon 228 Grusssituationen aufgezeichnet und ausgewertet. Weil die Sequenzen sehr kurz waren und keine Rückschlüsse auf die Personen erlaubten, war die Aufnahmeaktion vom Datenschutz her legal.

Irritierte Berliner und Zürcher

Auf das Thema kam die gebürtige Zürcherin während ihres Germanistik-Studiums in Berlin und wegen ihres Interesses für Kommunikation: «Während der Begrüssung geschieht in kurzer Zeit und auf kleinem Raum sehr viel. Zu Beginn eines Gesprächs wird die soziale Beziehung austariert. Man schaut, welche Hierarchieunterschiede vorhanden sind.» Sowohl die Gesprächseröffnung wie die Verabschiedung sind komplex, deshalb kommen uns bekannte, eingeschliffene Grussverhalten entgegen. Ein Verstoss gegen diese Konventionen wird als Affront empfunden. Und bei diesem Punkt können unterschiedliche Mentalitäten zu Missverständnissen führen: Berliner und Zürcher grüssen nämlich anders.

Während in Berlin die Grussformel «Hallo» praktisch für alle Alltagssituationen gebräuchlich ist, wird sie in Zürich vorwiegend in privaten und seltener in öffentlichen Situationen verwendet. Die Differenzen erklärt sich Kyncl mit der zunehmenden Informalisierung, die in der Schweiz weniger fortgeschritten ist. Zürcher verwenden häufiger Grüezi und Adieu. «Dass Berliner die oft belegten Grussformeln Hallo und Tschüss in öffentlichen, formellen Situationen benutzen, könnte von Zürchern als unfreundlich empfunden werden», schreibt Kyncl in ihrer Arbeit. Ebenso könne Zürcher irritieren, dass Berliner in öffentlichen Situationen häufig gar nicht grüssen. Kyncl hatte grusslose Verabschiedungen mehrfach erlebt. «Ich habe den Verkäuferinnen in den Läden immer noch einen schönen Tag oder Abend gewünscht, und diese haben mich oft nur verdutzt angeschaut.» Dieser Befund lässt sich auch mit Zahlen belegen: In Berlin wird dreimal häufiger nicht gegrüsst als in Zürich. Dafür erleben Berliner und Deutsche unser Grussverhalten oft als überhöflich oder aufgesetzt.

Grüezi gebräuchlichste Grussform

Die drei am häufigsten gebrauchten Begrüssungen in Zürich sind Grüezi, Hoi und Hallo, die in 85 Prozent aller Situationen benutzt wurden. Grüezi ist die gebräuchlichste Grussform, in der sich zwei Personen siezen. In informellen Situationen wird am meisten Hoi eingesetzt, eine Grussformel, die sich im 20. Jahrhundert rasch in der Deutschschweiz ausgebreitet hat.

Adieu wird von Frauen öfter gebraucht als von Männern, die dafür häufiger alternative, höfliche Grussformen wie Uf Wiederluege benützen. Tschüss ist vor allem bei jüngeren Leuten (83 Prozent) eine beliebte Abschiedsformel, weniger häufig ist Tschau. Tschüss und Hallo decken in Berlin rund 80 Prozent aller Situationen ab.

Zürcher sind fleissigere Küsser

Das nonverbale Grussverhalten behandelt Kyncl in ihrer Arbeit nur am Rande. Dabei hat sie herausgefunden, dass sich Berliner in der Öffentlichkeit viel weniger küssen. Sie umarmen sich auch viel seltener, meistens nur vor oder nach langen Trennungsphasen. Wahrscheinlich gelte das nonverbale Verhalten nicht nur für die beiden Grossstädte, sondern für ganz Deutschland und die gesamte Schweiz. Deutsche würden sich tendenziell überrumpelt fühlen, wenn Schweizer Bekannte sie beim Wiedersehen freudig mit drei Küssen auf die Wangen begrüssen, schreibt Kyncl. Im umgekehrten Fall sind Schweizer überrascht, wenn sie ohne Wangenküsse oder nur mit einer Umarmung verabschiedet oder begrüsst werden, und sie empfinden das Verhalten ihrer deutschen Bekannten als reserviert. Gemeinsam ist Berlinern und Zürchern, dass sie sich nur umarmen, wenn sie sich gut kennen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2011, 22:20 Uhr

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1 Kommentar

Kai Gross

12.03.2011, 14:38 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Ja, die Deutschen sind meist direkter, schneller, aber auch kälter. Mir ist unsere überhöfliche Art lieber. Ich finde, es ist doch schöner, wenn mir die Verkäuferin einen schönen Abend wünscht als wenn sie - wenn überhaupt - ein Tschüss für mich bereit hält.....lieber überfreundlich als unhöflich. Antworten



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