Uni-Forscher mumifiziert wie alte Ägypter
Von Claudia Imfeld. Aktualisiert am 05.08.2009
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Wir schreiben Tag 74 der Mumifizierung: In einem verschlossenen Labor in einem unteren Stockwerk der Universität Irchel steht hinter Glas eine grosse Holzkiste voller Salz. Frank Rühli schiebt die Scheibe hoch und die weisse Schicht in der Kiste etwas beiseite. Was sich dem Betrachter präsentiert, kennt er aus Ausstellungen und Dokumentarfilmen über das alte Ägypten: Es ist ein mumifiziertes menschliches Körperstück. Dunkelbraun-grün und ledern sehen der Fuss und das Stück des Beines aus. «Die Mumifizierung läuft etwas langsamer ab, als ich erwartet habe», sagt Frank Rühli.
Das Nationalfonds-Projekt, das unter Rühlis Leitung seit einigen Monaten am Anatomischen Institut der Uni Zürich läuft, ist vermutlich weltweit einmalig. Tote Tiere oder schlicht Pouletfleisch würden häufig konserviert, so Rühli. Aber menschliches Gewebe, das zu wissenschaftlichen Zwecken aus medizinischer Sicht mumifiziert wird, da kennt der Mumienforscher nur wenig Ähnliches.
Forschung auch für Gerichtsmedizin
In Zürich wird Grundlagenforschung für mehrere Disziplinen betrieben. Das heisst, Rühli und seine drei Mitarbeiter untersuchen ihr Objekt auf verschiedene Aspekte hin. Alle zwei Wochen wird es derzeit mit Magnetresonanz und Computertomografie an der Klinik Balgrist analysiert. Die Forscher untersuchen das Gewebe und verfolgen den Zerfall der DNA.
Ziel des Projekts ist es zu untersuchen, wie sich Umwelteinflüsse auf die Erhaltung menschlichen Gewebes auswirken. Konkret kann sich Rühli vorstellen, dass seine Arbeit für die Forensik von Nutzen sein wird: «Immer wieder werden Leichen erst nach mehreren Wochen gefunden. Einige von ihnen sind teilmumifiziert. Zum Beispiel, wenn sie bei einer Heizung lagen.» Aufgrund der neuen Erkenntnisse könne man dann eruieren, welche Einflüsse nach den Tod ein Rolle spielten.
Auch anderes lasse sich herausfinden: Etwa, ob es stimmt, dass sich die am wenigsten zerfallenen Körperteile einer Leiche am besten eigneten für die Entnahme von DNA. «Solche Zusammenhänge sind interessant für Gerichtsmediziner, Anthropologen und Archäologen», so Rühli.
Für den 37-Jährigen geht mit dem Projekt ein Traum in Erfüllung. Schon als Junge faszinierten ihn Mumien. Dennoch studierte er Medizin, promovierte aber über eine altägyptische Mumie in Winterthur. Inzwischen gehört er zu den weltweit führenden Mumienforschern und leitet das Swiss Mummy Project, das Mumien im In- und Ausland untersucht.
Tutanchamuns Oberschenkelbruch
Rühli hat herausgefunden, dass die Gletschermumie Ötzi innerlich verblutet sein muss. Und bei der Mumie des vor 3300 Jahren verstorbenen Pharaos Tutanchamun diagnostizierte er unter anderem einen offenen Oberschenkelbruch. Nun selbst zu mumifizieren, wie es einst die alten Ägypter taten, das freut ihn sehr.
Die Arbeiten im Labor in Zürich gehen gut voran, sagt er. Nur eben entziehe das Salz dem Gewebe das Wasser langsamer als erwartet. «Wir rechneten damit, dass die Mumifizierung nach 70 Tagen abgeschlossen sein würde», so Rühli. Er ging von Literatur aus, die besagt, dass die alten Ägypter ihre Toten jeweils 70 Tage mumifizierten. Die Magnetresonanz zeige aber, dass im inneren Teil noch Flüssigkeit sei.
Wieso das so ist, darüber kann Rühli nur rätseln. Aber nach spätestens 90 Tagen werde es keinen Unterschied mehr geben zwischen dem Bein und einer 3000 Jahre alten ägyptischen Mumie: «Mumifiziert ist mumifiziert.» Sein Forschungsobjekt wird allerdings nicht im Museum ausgestellt, sondern am Ende des Projekts bestattet.
Rühli weiss, dass sein Projekt als heikel angesehen werden könnte. Auch wenn die Person, von der das Bein stammt, vor ihrem Tod ihren Körper schriftlich der Forschung vermacht hat. Zusätzlich hat er das Projekt deshalb von der Ethikkommission gutheissen lassen. Denn geht es nach ihm, ist mit der Salz-Mumifizierung das Projekt noch lange nicht zu Ende.
Gletschermumie nachstellen
Es gibt mehrere Arten der Mumifizierung: Hitze etwa entzieht dem Körper ebenfalls Flüssigkeit. Rühli will deshalb menschliches Gewebe auch in einem Wärmeschrank mumifizieren und wiederum die Veränderungen beobachten. Auch im Sand und im Moor zerfallen Körper unter Umständen nicht, sondern werden konserviert. Krönung der Forschung wäre für Frank Rühli aber etwas anderes: «Ich möchte irgendwann die Mumifizierung von Ötzi nachahmen.» Man könnte da zwar das Gewebe nicht regelmässig kontrollieren, weil man es dazu jedes Mal auftauen müsste. «Aber spannend wäre es auf jeden Fall», sagt Rühli mit einem Lächeln.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.08.2009, 14:34 Uhr


































