Vier Köpfe aus 100 Jahren Zürcher SVP

Sie haben die Zürcher SVP geprägt: Gründer Rudolf Reichling, Baumeister Christoph Blocher, Spielverderberin Lisbeth Fehr und Zögling Roger Köppel.

Im Anfang stand bereits die Opposition. An der Universität Zürich gründete Christoph Blocher im Wintersemester 1968/69 den konservativen Studentenring. Es war die Reaktion auf die 68er-Bewegung und den politischen Mainstream an der Uni, wie man heute sagen würde. Als Neuzuzüger in Meilen macht er wenig später mit beim «Komitee für eine gesunde Entwicklung Meilens». Auch dieser Zusammenschluss war eine Reaktion. Hoch ob Meilen wollte sich die Alusuisse ansiedeln. Doch die dazu nötige Umzonierung war höchst umstritten. Damals wurden Fragen der Richtplanung mindestens so heiss diskutiert wie heute. Das hatte Blocher schnell ­begriffen.

Der umtriebige Jurist bewies schon damals sein Talent, Leute für sich einzunehmen, und wurde bald Chef der Einzonungsgegner. Noch nie zuvor und nie mehr danach ist eine Gemeinde­versammlung am Zürichsee so zahlreich besucht worden wie jene in Meilen. 2500 Stimmberechtigte standen einander im Frühling 1970 in einer Turnhalle auf den Füssen herum. Blocher verlor gegen die Classe politique, den Gemeinderat. Die Alusuisse kam trotzdem nicht. Doch Blocher war da und blieb. Es war der Anfang einer grossen Politkarriere.

Wahl um Mitternacht

Nachdem sich der Parteilose unter den drei bürgerlichen Parteien, die ihn verpflichten wollten, 1972 die SVP ausgesucht hatte, gings los. Blocher wurde zwei Jahre später Gemeinderat von Meilen und im Folgejahr Kantonsrat. Es war das SVP-Krisenjahr mit dem schlechtesten Wahlresultat ihrer Geschichte. Wieder ein Jahr später wurde Blocher als ­Regierungsratskandidat gehandelt. Doch knapp vor der internen Wahl zog er seine Kandidatur zurück, weil er sich um seine kriselnde Firma kümmern musste.

Ein Jahr später hat er wieder Zeit. Er steigt in ein erbittertes Duell um die Zürcher ­Parteispitze. Es ist eine Richtungswahl: Bauer Hans Frei aus Watt bei Regensdorf gegen Akademiker Christoph Blocher von der Goldküste. Dessen Fürsprecher ist der einflussreiche Nationalrat und Parteivize Rudolf Reichling junior aus Stäfa. Dieser muss für Blocher eine «Ehrenerklärung» abgeben, wie die NZZ im April 1977 schreibt. Denn Blocher ist «beruflich in die Wirtschaftsspionage-Angelegenheit Emser Werke / Inventa AG verwickelt». Es nützt: Um Mitternacht und nachdem er nach epischen Diskussionen angekündigt hat, zu gehen, weil seine Frau ihre eineinhalb-monatige Tochter zu Hause nähren muss, wird Blocher mit 223 gegen 69 Stimmen gewählt.

Ein Projekt namens SVP

Blocher fackelt nicht lange. Er sieht in der SVP ein Projekt. Aus der bedächtigen und richtungslosen Partei formt er die schlagkräftigste Schweizer Politbewegung des späteren 20.Jahrhunderts. Er trichtert seinen Leuten ein, dass nun mehr Basisarbeit gefragt ist: Mitgliederwerbung, Jungpartei, SVP-Frühschoppen, Puure-Zmorge, Albisgüetli. Blocher wird 1979 Nationalrat und gibt die neue Marschrichtung vor. Sie führt ins rechte Politspektrum und stets an die Grenze zur Opposition. Präsenz ist wichtig, auch mitten in den 80er-Krawallen.

Der Erfolg kommt nicht sofort. Der Kampf gegen die Sommerzeit oder das Nein zum UNO-Beitritt sind noch keine Bestseller. 1984 muss sich Blocher an der SVP-Delegiertenversammlung aufgrund seines Engagements gegen das neue Eherecht einen Kaktus geben lassen. Der Zürcher Blocher-Flügel, der sich vom starken Berner Flügel abgrenzt, startet erst mit dem Abstimmungskampf um den EWR-Vertrag 1991/92 durch. Anti-Europa, Anti-Ausländer, Messerstecher-Inserat, «Scheininvalide» und «Weich­sinnige» überzeugen bis Ende der 90er-Jahre ein Drittel der Stimmbevölkerung.

Die Kosten: Misserfolge bei Majorz­wahlen. Blocher wird zweimal vom ­Zürcher Stimmvolk nicht in den Ständerat gewählt, der letzte SVPler schafft es 1986 in die Zürcher Stadtregierung. 2007 wird Blocher als Bundesrat ab­gewählt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.03.2017, 20:57 Uhr

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