Zürich
Vom Glück, den letzten Anschluss zu verpassen
Von Mario Stäuble. Aktualisiert am 16.11.2012 7 Kommentare
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John Doe* und seine Freunde rechneten nach dem Kurztrip nach Mailand mit einer langen Nacht. 15 Minuten war ihr Interregio verspätet, mit welchem sie von Chiasso aus nordwärts reisten. Für den letzten Anschluss nach Zürich würde es in Arth-Goldau nicht mehr reichen. Dennoch blieb der munteren Clique aus Baden eine Übernachtung im kalten Wartehäuschen erspart: Die SBB hatten vorgesorgt. Der Kondukteur wies sie an, eine S-Bahn nach Zug zu nehmen, von wo aus sie ein Interregio nach Zürich brachte. Um 0.30 Uhr kamen sie am HB an. Es fuhren zwar keine Züge mehr nach Baden – aber beim Gleis 18 warteten bereits zwei Taxis, welche die SBB bestellt und bezahlt hatten. «Sie brachten uns bis zur Tür unseres Wohnhauses», sagt der Kanadier, der bei einem Elektrokonzern arbeitet.
Spätabends gestrandete Passagiere sind am HB keine Seltenheit. «Manchmal kommt nur einer, manchmal sind es auch fünfzig. Dann reichen unsere Taxis nicht aus», sagt ein Taxifahrer, der nachts regelmässig am Taxistand gegenüber dem Landesmuseum auf Kunden wartet. Für ihn sind die SBB ein guter Auftraggeber, mehrmals pro Woche fährt er deren Passagiere nach Hause.
Maximal 150 Franken pro Kopf
Die SBB haben den Umgang mit gestrandeten Fahrgästen genau geregelt: Die Kondukteure schreiben sich jeweils die Ziele der Reisenden auf und informieren die Betriebszentrale. Diese bestellt daraufhin Taxis, die Passagiere erhalten Bons für die Fahrt – oder, je nach Umständen, auch Übernachtungsgutscheine. 150 Franken bezahlen die SBB maximal pro Gast. Wer sich selbstständig eine Übernachtung organisiert, erhält gegen Vorweisen der Quittung sein Geld von den SBB zurück. Das geschieht nicht freiwillig: In der Schweiz sind Transportunternehmen laut Personenbeförderungsgesetz verpflichtet, «Gestrandeten» eine Übernachtungsmöglichkeit zu bieten. «Wir haben aber festgestellt, dass die Reisenden oft lieber mit dem Taxi nach Hause reisen, als im Hotel zu übernachten», sagt SBB-Sprecherin Lea Meyer.
15 Fahrgäste pro Tag bleiben stecken
Täglich bleiben im Schnitt 10 bis 15 Fahrgäste stecken, insgesamt 600'000 Franken haben die SBB 2011 dafür ausgegeben. Die Hauptschuld daran tragen die Cisalpino-Züge der älteren Generation, die zwischen der Schweiz und Italien verkehren und pannenanfällig sind. Per Ende 2014 will die SBB diese Züge aus dem Verkehr gezogen haben.
Als John Doe in Baden ankam, zeigte das Taxameter 135 Franken an. Doe hatte also doppelt Glück im Unglück: Die SBB musste die ganze Rechnung übernehmen – «und ich bin sogar früher zu Hause gewesen als geplant».
* Name geändert (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.11.2012, 10:12 Uhr
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7 Kommentare
Gerade als jemand, der aus körperlichen Gründen nicht Auto fahren darf und deshalb auch nicht das Auto nahe beim Bahnhof parkieren kann, finde ich es super, dass es ein solches Gesetz gibt. Und obwohl es nach viel klingt, sind 600'000 Franken pro Jahr nicht der Haufen (da verdient der Oberste SBB-Chef wahrscheinlich mehr). Nur den Preis für die Taxifahrt nach Baden finde ich etwas gar krass... Antworten
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