Vom Leben statt vom Sterben reden

Selbstbestimmtes Sterben wird meist im Zusammenhang mit Sterbehilfe thematisiert. Roland Kunz, Palliativmediziner der ersten Stunde, findet, das greife zu kurz.

Roland Kunz im Gespräch mit einem Patienten. Foto: Doris Fanconi

Roland Kunz im Gespräch mit einem Patienten. Foto: Doris Fanconi

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Hier würde ich gerne leben, denkt sich mancher, der an der Villa Sonnenberg am Sonnenhang von Affoltern am Albis vorbeispaziert. Von der Terrasse aus sieht man in der Ferne verschneite Berge. Gelebt wird in dieser Villa tatsächlich sehr bewusst, denn hier werden Menschen betreut und gepflegt, die unheilbar krank sind. Seit fünf Jahren ist die Villa Sonnenberg eine Palliativstation – etwa 400 Menschen sind in der Zeit hier gestorben. Und doch ist die Villa Sonnenberg keine Endstation.

Roland Kunz ist Palliativmediziner der ersten Stunde – mit internationalem Renommee. Gian Domenico Borasio, Leiter des Schweizer Lehrstuhls für Palliativmedizin in Lausanne, bezeichnete Kunz als «einen der hervorragendsten Palliativmediziner», die er kenne, als er kürzlich am Spital Affoltern über seine Bestseller «Über das Sterben» und «Selbst bestimmt sterben» sprach. Kunz sagt von sich nur: «Ich arbeite schon lange auf diesem Fachgebiet.» Gesprächiger wird er, wenn es um ebendieses Fachgebiet geht.

Die zwei Irrtümer

Es gebe zwei grosse Irrtümer im Zusammenhang mit der palliativen Behandlung und Pflege, sagt Kunz. Erster Irrtum: Sie führt direkt zum Sterben. Zweiter Irrtum: Man macht einfach nichts mehr. «Diese Vorstellung ist auch unter Ärzten und Pflegenden noch erstaunlich weit verbreitet.» So komme es, dass viele Patienten zu oft noch in Akutabteilungen weiterbehandelt würden, was nicht nur hohe Kosten verursache, sondern oft verhindere, dass diesen Menschen wirklich geholfen werde.

Kunz beschäftigt sich seit 30 Jahren intensiv mit Palliative Care. Zu Beginn sei vor allem die Medikation im Vordergrund gestanden: Wie kann ich dem Kranken die Schmerzen lindern? Wie bringe ich die Übelkeit weg? «Wir haben an den Kongressen alles förmlich aufgesogen, was wir zu diesem Thema finden konnten.» Mittlerweile sei die medikamentöse Behandlung gut erforscht und wirkungsvoll. «Jetzt stehen die Beratung und die Unterstützung des Patienten und der Angehörigen im Vordergrund.» Für diese Entscheidungsfindung müsse aber auch das medizinische Personal sensibilisiert werden.

Kunz stellt in seinen Gesprächen mit den Schwerkranken oft fest, dass deren Ärzte mit ihnen nie klar und offen darüber gesprochen haben, wie es um sie steht. Und welche Möglichkeiten man ihnen anbieten kann. Studien aus den USA zeigen auf, dass nur ein Drittel der Onkologen mit den unheilbar kranken Patienten das Lebensende zum Thema gemacht hat. Stattdessen machen sie mit ihnen bis kurz vor dem Tod Chemotherapien, obwohl diese gemäss jüngsten Studien aus Harvard und Cornell deren Lebensqualität eher verschlechtern und die Lebenszeit nicht verlängern. Kunz kann das nicht verstehen: «Wichtig wäre, dass frühzeitig über mögliche palliative Begleitmassnahmen gesprochen wird. Damit der Patient einschätzen kann, welche Optionen er hat.»

Lebensmut kommt oft wieder

Nur rund 10 Prozent der Menschen sterben plötzlich. Die grosse Mehrheit sieht sich früher oder später damit konfrontiert, dass er oder sie in absehbarer Zeit sterben wird. «Diesen Lebensabschnitt vor dem Sterben müsste man differenzierter anschauen», sagt Kunz. Und zwar nicht mit dem Fokus aufs Sterben, sondern aufs Leben. Denn beim derzeit oft behandelten Thema des selbstbestimmten Sterbens gehe es zu oft nur um Sterbehilfe; darum, den Stecker zu ziehen. «Das greift viel zu kurz.»

Laut Kunz kann man heute über 90 Prozent der Menschen, die an einer nicht mehr heilbaren Krankheit leiden, die Schmerzen wirksam und ohne grosse Bewusstseinstrübungen nehmen. Er erzählt von einem Mann, der völlig erschöpft in die Villa Sonnenberg kam, weil er unter starken Schmerzen litt. Er wollte möglichst schnell sterben. «Die Schmerzen bekamen wir relativ schnell in den Griff – danach erwachten seine Lebensgeister wieder.» Er wurde nicht gesund. Aber er konnte sich mit seiner Familie noch zwei lang gehegte Wünsche erfüllen, eine Auslandreise und den Besuch einer Veranstaltung, die ihm sehr viel bedeutete.

Selbstbestimmtes Sterben heisst für Roland Kunz, dass alle Beteiligten bereits früh daran denken, welchen Weg man einschlagen will. «Oft werden Krebskranke von den Hausärzten automatisch zum Onkologen geschickt, auch wenn der nichts mehr ausrichten kann.» Auf einer Palliativstation jedoch könnte man diesen Patienten stabilisieren, ihm aufzeigen, wie er seine Symptome in den Griff bekommt, und ihn, wenn er sich dazu imstande fühlt, wieder nach Hause entlassen. Meist dauert das ein bis zwei Wochen. Doch kommt es bei komplexen Schmerztherapien vor, dass jemand sogar einige Monate bleibt – «wenn wir der Krankenkasse die Notwendigkeit dazu aufzeigen, bezahlt sie auch solche längeren Aufenthalte anstandslos», sagt Kunz.

Die Zielsetzung ändert sich

Für Kunz beginnt das selbstbestimmte Sterben sogar noch einen Schritt früher. Wenn der Kardiologe stolz darauf hinweise, dass Todesfälle wegen Herz-Kreislauf-Krankheiten um ein Drittel gesunken seien, sei das nicht zu Ende gedacht. «Dann nimmt die Sterbeursache einfach anderswo zu – vor allem bei der Demenz», sagt Kunz. Beispiel: Ein 83-jähriger Mann hat eine leicht defekte Herzklappe. Kein Problem für einen Herzchirurgen, diese zu ersetzen. Vom Herzen her kann der Mann nun 90 werden. Doch wenn der Kopf nicht mitspielt? Wäre es ihm nicht vielleicht besser ergangen, wenn er in drei bis vier Jahren an Herzversagen gestorben wäre, statt Gefahr zu laufen, längere Zeit mit einer Demenz vor sich hinzudämmern? «Das sind schwierige Entscheide, doch sollten wir uns ihnen stellen.»

Letztes Jahr konnte mehr als die Hälfte der Patienten der Villa Sonnenberg wieder heim. Vor fünf Jahren war es ein Drittel. «Das Bewusstsein, dass Palliativstationen keine Sterbehospize sind, hat sich verbessert», sagt Kunz. «Doch werden immer noch viel zu viele Menschen in Akutspitälern so behandelt, als ob es weiterginge.» Viele Ärzte und Patienten interpretieren eine Überweisung in die Palliativpflege immer noch als ein Aufgeben. Dabei handele es sich um einen Wechsel in der Zielsetzung. «Man führt den aussichtslosen Kampf gegen die Krankheit nicht weiter, sondern sorgt trotz Krankheit für einen guten letzten Lebensabschnitt.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.04.2015, 23:17 Uhr)

Es fehlt eine Palliativ-Spitex

In Zürich gibt es drei Spitäler mit eigenen Palliativzentren. Es fehlt aber vor allem an Betreuungsmöglichkeiten für unheilbar Kranke, die zu Hause bleiben möchten.

Vor fünf Jahren hat der Bund eine nationale Strategie für Palliative Care für die Jahre bis 2012 definiert, die mittlerweile bis 2015 verlängert wurde: Darin hält er fest, welche spezialisierten Angebote es für die Versorgung von unheilbar kranken Menschen braucht. Die Umsetzung hat er den Kantonen delegiert. In Zürich konnten sich daraufhin Spitäler um die entsprechenden Leistungsaufträge bewerben. Derzeit gibt es im Kanton Zürich im Bereich der Akutspitäler sieben Kompetenzzentren für spezialisierte Palliative Care und drei sozialmedizinische Institutionen mit Palliativauftrag im Bereich der Langzeitpflege.

Umgesetzt wurden diese unterschiedlich: So gibt es im Akutbereich lediglich am Universitätsspital, am Kantonsspital Winterthur und am Spital Affoltern eigenständige Palliativabteilungen. Einige andere Spitäler haben einzelne Betten für Patienten reserviert, welche palliativ behandelt werden – was Fachleute allerdings als nicht optimal betrachten. «Die Kultur und das Denken in der Palliativpflege sind grundlegend anders als auf einer gewöhnlichen Station im Akutspital», sagt Roland Kunz, Leiter der Villa Sonnenberg in Affoltern am Albis, wo in zehn Betten ausschliesslich Palliativpflege angeboten wird. Es sei vorab für Pflegende schwierig umzuschalten, wenn in einem Zimmer ein Mann mit einem Beinbruch liegt, im nächsten einer mit einem unheilbaren Krebs.

Ambulante Betreuung fehlt oft

Ein Zwischenbericht zur Umsetzung der Nationalen Strategie Palliative Care kommt zwar zum Schluss, dass das Angebot der Palliativpflege in der Schweiz langsam «in Schwung» komme. Doch beurteilt ein Drittel der befragten Kantone das Angebot im Spitalbereich als quantitativ und qualitativ ungenügend. Ungenügend und verbesserungswürdig ist aber vor allem das ambulante Angebot für unheilbar kranke Menschen, die zu Hause bleiben möchten.

Auch hier brauche es speziell auf Palliativpflege geschultes Betreuungspersonal, welches Tag und Nacht erreichbar ist. In Zürich gibt es dafür die spezialisierte Spitex Onko plus. Sie kommt in der Nacht aber nur zu jenen Kranken, die sie auch tagsüber betreut. Bei der Spitex der Stadt Zürich existiert eine Fachstelle für Palliative Care, doch auch diese ist nur tagsüber besetzt. In Winterthur und im Zürcher Oberland gibt es ein mobiles Palliative-Care-Team. Für solche ambulante Dienste ist die Finanzierung schwierig, weil die Krankenkasse nur wirkliche Einsätze bezahlt, nicht aber einen Pikettdienst. «Hier muss der Kanton oder eine Stiftung bei der Finanzierung einspringen», fordert Kunz.

Pallifon neu für alle

Roland Kunz hat in diesem Bereich gelernt, kleine Schritte zu tun: Er ist Initiant des Pallifons. Dabei handelt es sich um eine Notfallnummer, die dem Ärztefon angegliedert ist, aber sofort erkenntlich macht, dass es sich beim Anrufenden um einen Palliativpatienten handelt. Damit können unnötige Spitaleinweisungen vermieden werden. «Oft muss nämlich lediglich die Dosis eines Medikaments etwas angepasst werden, um Schmerzen zu lindern oder Atemnot zu beheben», sagt Kunz.

Zuerst war das von der gemeinnützigen Foundation Zürich Park Side finanzierte Pallifon eigentlich nur für den Raum Zimmerberg, Knonauer Amt, Höfe, March, Rigi-Mythen und Einsiedeln gedacht. Doch seit einer Woche kann jedermann die Telefonnummer 0844 148 148 wählen. Und die Idee soll Schule machen: Angestrebt wird, dass Spitäler und Onkologen Palliativpatienten jeweils einen Notfallplan mitgeben, in dem neben den auf sie zugeschnittenen Therapien auch die Pallifon-Nummer für Notfälle angegeben ist. «Aber auch hier braucht es Geldgeber», sagt Roland Kunz. Die entsprechende Nummer 148 ist dafür bereits landesweit reserviert. Helene Arnet

(Tages-Anzeiger)

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