Vor der Operation zum Gentest

Die Klinik Hirslanden bietet neu genetische Abklärungen an, um unerwünschten Medikamentenwirkungen vorzubeugen. Am Unispital Zürich wird die Methode bisher nur zurückhaltend eingesetzt.

Der Gentest samt Beratung kostet 950 Franken und wird von der Krankenkasse nicht übernommen. Foto: Greg Dale (National Geographic)

Der Gentest samt Beratung kostet 950 Franken und wird von der Krankenkasse nicht übernommen. Foto: Greg Dale (National Geographic)

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Noch ist es erst eine Praxis, doch diese soll sich mit der Zeit zu einem Zentrum entwickeln. So, wie es in der Vergangenheit an der Klinik Hirslanden mit vielen Fachgebieten passiert ist: Ein Spezialist fängt an, und um ihn gruppieren sich immer mehr Kollegen. Die «personalisierte Medizin», die jetzt neu angeboten wird, ist für Klinikdirektor Daniel Liedtke eine «wichtige Innovation». Dabei geht es grob gesagt darum, dank Gentests Medikamente so einzusetzen, dass sie bestmöglich wirken beziehungsweise keine unerwünschte Wirkung haben.

Die Idee für das neue Angebot stammt von Thomas Szucs, hauptberuflich Direktor des Europäischen Zentrums für Pharmazeutische Medizin an der Universität Basel. Szucs’ Karriere ist vielfältig. Er ist aus­serordentlicher Professor, hat zwei Facharzttitel (Pharmazeutische Medizin und Präventivmedizin) und je einen Master in Public Health, in Unternehmensführung und in internationalem Wirtschaftsrecht. Er arbeitete an diversen Kliniken im In- und Ausland als Arzt, Ökonom oder Manager, war in der Pharmaindustrie tätig, und aktuell präsidiert er auch noch den Verwaltungsrat der Krankenversicherung Helsana. Wie kommt dieser «Hansdampf in allen Gassen», wie er in der Gesundheitsszene ­genannt wird, dazu, eine Praxis an einer Zürcher Privatklinik zu eröffnen?

Primär für Risikopatienten

Szucs hat kürzlich ein halbjähriges Sabbatical gemacht. Er wollte wieder einmal in einem Spital arbeiten, und die Klinik Hirslanden war interessiert an ihm. «Das Ziel war, unser Arzneimittelmanagement und damit die Patienten­sicherheit zu verbessern», sagt Liedtke. Das Resultat des Einsatzes: Die Klinik hat nun eine Spitalapotheke, und Thomas Szucs hilft mit, die Medikation der Patientinnen und Patienten zu optimieren. Er werde pro Woche zwei bis vier Stunden dafür einsetzen, sagt er – die Klinik liegt auf dem Weg von seinem Wohnort Zollikon nach Basel.

Im Prinzip kann sich bei ihm jede Person anmelden, die eine allfällige Unverträglichkeit abklären lassen will. «Rund ein Dutzend Gene sind dafür verantwortlich, was der Körper mit den Medikamenten macht», erklärt Szucs. «Die schauen wir mit einem standardisierten Test an.» Der Test inklusive Beratung kostet 950 Franken und wird von der Krankenkasse nicht übernommen. Klinikdirektor Liedtke erwartet vorerst keinen Ansturm. Aus seiner Sicht ist die ­Untersuchung vor allem für mehrfach kranke Personen sinnvoll: «Bei Risiko­patienten kann ein gutes Arzneimittelmanagement über Erfolg oder Misserfolg einer Operation entscheiden.»

Patient muss Resultate verstehen

Am Universitätsspital Zürich wird die Pharmako­genetik bisher nur gezielt dort eingesetzt, wo ein Nutzen in Studien gezeigt werden konnte, wie Oberärztin Natascia Corti erklärt. Die Forschung habe erst bei wenigen Genen einen klaren Zusammenhang mit der Wirkung oder Nebenwirkung bestimmter Medikamente nachweisen können. Gentests ohne konkrete Problemstellung zu machen, hält die klinische Pharmakologin für verfrüht. Hingegen seien sie sinnvoll, wenn ein Problem vorliegt. «Wenn zum Beispiel ein Patient eine Unverträglichkeit mit einem Medikament aufweist, wird er zu uns geschickt. Wir klären dann ab und ordnen möglicherweise einen Gentest an.» Sehr wichtig sei danach, dass ein Spezialist die Testresultate bewertet und sie dem Patienten erklärt, damit dieser nicht beunruhigt ist. «Dafür braucht es pharmakologisches Wissen auf dem neusten Stand und eine entsprechende klinische Erfahrung.»

Auch für Humangenetiker Gabor Matyas ist das Beratungsgespräch mit dem Patienten ein unabdingbarer Bestandteil einer Genanalyse. Matyas leitet das Genetikzentrum Zürich mit Sitz in Schlieren. Thomas Szucs hat mit ihm eine Kooperation vereinbart, denn nur spezialisierte Labors wie jenes von Matyas dürfen Gentests durchführen. Geplant ist, dass Szucs die Beratung jener Patienten übernimmt, bei denen es nur um Medikamente geht. Patienten, die eine weitergehende Genanalyse machen lassen, werden von den Spezialisten des Genetikzentrums beraten. «Unsere Abklärungen sind hochspezialisiert, und wir haben das entsprechende Know-how», sagt Matyas. Er begrüsst die Initiative von Szucs, der auf die Pharmakogenetik setzt. «Die Erkenntnisse werden laufend grösser.» Wirtschaftliche Interessen habe er nicht, sagt Matyas. Das Genetikzentrum sei eine gemeinnützige Institution, getragen von der Stiftung für Menschen mit seltenen Krankheiten. Seine Haupttätigkeit liegt in der Erforschung seltener Aortenkrankheiten. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.07.2014, 22:09 Uhr)

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Thomas Szucs

Der Arzt und Gesundheitsökonom führt an der Klinik Hirslanden in Zürich die Pharmakogenetik ein.

Chancen und Risiken

Was der Bauplan des Menschen zeigt

Vor einem Jahr machte die Schauspielerin Angelina Jolie Schlagzeilen: Sie hatte sich beide Brüste entfernen lassen, weil ihr ein Gentest ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs vorhersagte. Der Fall führte die Chancen und Risiken der personalisierten Medizin deutlich vor Augen: Ihre persönliche Genanalyse hat Jolie bewogen – in Kombination mit ihrer Familiengeschichte und anderen medizinischen Betrachtungen –, präventiv tätig zu werden, obwohl sie noch gesund ist.

Dank der gewaltigen Fortschritte in der Erbgutanalyse liegt das Genom jedes Einzelnen wie ein offenes Buch da, sofern es getestet wird. Das Erbgut ist im Prinzip der Bauplan eines Menschen –mit dem Unterschied, dass darin nicht selten auch Löcher und schiefe Wände eingezeichnet sind. Mediziner können diese Fehler im Bauplan eines jeden Einzelnen erkennen und manchmal daraus auch das Risiko eines «Einsturzes» abschätzen. Auch bei der Früherkennung vieler Krankheiten spielen Gentests heute ein wichtige Rolle.

Ein zweites grosses Feld bei der Genanalyse ist neben der Risikovorhersage von Krankheiten die Wirkung von Medikamenten. Selbst wenn zwei Menschen an der genau gleichen Krankheit leiden, können sie völlig unterschiedlich auf ein Medikament reagieren. Bei den einen nützt es, bei den anderen nicht, und bei weiteren ist die Dosis falsch. Nicht selten lassen sich individuelle Unterschiede an sogenannten Biomarkern im Erbgut ablesen. Mit den Erkenntnissen aus der Genanalyse können Therapien gezielter auf den Patienten zugeschnitten und im Optimalfall auch billiger eingesetzt werden.

Allerdings sind einige auf der Basis von Erbgutanalysen entwickelte Medikamente (vor allem Krebsmedikamente) sehr teuer, weil sie nur von einem begrenzten Personenkreis genutzt werden können. Zudem öffnen sich mit der personalisierten Medizin neue Problemfelder: Was tun, wenn die Erbgutanalyse ein Risiko für eine Krankheit aufzeigt, gegen die es keine Therapie gibt? Will der Patient ein solches mögliches Todesurteil erfahren oder soll man gar nicht danach suchen? Welche Daten dürfen Versicherer erhalten, zum Beispiel vor der Aufnahme in die Zusatzversicherung?

In einem Expertenbericht, den das schweizerische Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung TA-Swiss im März dieses Jahres erstellt hat, warnen die Fachleute vor einer unkontrollierten breiten Anwendung. Viele Ergebnisse sind zudem alles andere als eindeutig. Nach zehn Jahren intensiver Genomforschung ist vor allem klar geworden, dass die Beziehung zwischen dem Erbgut und einer Krankheit äusserst komplex ist.(Matthias Meili)

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