Waffen im Zürichsee entsorgt – Freispruch wegen «guter Tat»

Ein Kosovare entsorgt im Zürichsee vier Pistolen. Er wird freigesprochen. Bloss: Warum sass er 140 Tage in Untersuchungshaft?

Sprach den Kosovaren frei: Obergericht in Zürich.

Sprach den Kosovaren frei: Obergericht in Zürich. Bild: Keystone

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Sehr viel unpräziser kann eine Anklageschrift kaum sein. Der damals 24-jährige Kosovare soll «in einem nicht mehr genau eruierbaren zeitlichen Rahmen im Jahre 2008» vier Pistolen besessen haben. Er soll die «nicht näher bekannten» Schiessgeräte «in einem unbekannten Versteck» gelagert und sie dann «ca. Ende 2008» entsorgt haben – und zwar im Zürichsee «an nicht mehr eruierbarer Örtlichkeit». An dieser Beschreibung des Ungefähren ist der Kosovare natürlich stark mitbeteiligt. Nach einer Einvernahme beim Staatsanwalt in anderer Angelegenheit hatte der Mann einem Polizisten von den Pistolen erzählt. In der Untersuchungshaft sass der Kosovare auch wegen einer Pistole – aber in ganz anderem Zusammenhang.

Der Mann hat nämlich einen Bruder, der im März 2009 für grosse Schlagzeilen sorgte. Er hatte auf einem Parkplatz in Volketswil die 17-jährige Céline Frank mit einem Kopfschuss getötet. Dafür wurde er im Februar dieses Jahres vom Bezirksgericht Uster wegen vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe von 13½ Jahren verurteilt. Anfang nächsten Jahres wird sich das Obergericht mit dem Fall befassen müssen. Die Staatsanwaltschaft hat Berufung erhoben. Sie hatte eine Verurteilung wegen Mordes und eine Freiheitsstrafe von zwanzig Jahren verlangt.

Der Bruder des Todesschützen war damals wegen des Verdachts der Begünstigung in Untersuchungshaft gesetzt worden. Denn unmittelbar nach dem Tötungsdelikt hatten sich die beiden Brüder getroffen. Und weil die Tatwaffe bis heute unauffindbar ist, bestand der Verdacht, dass der Todesschütze die Waffe seinem Bruder zur Entsorgung übergeben hat. Erfolglos war in der Folge der Greifensee nach der Pistole abgesucht worden. Der Bruder musste nach 140 Tagen wieder auf freien Fuss gesetzt werden.

Waffen zu weit weggetragen

Zurück zur Waffenentsorgung im Zürichsee. Weil der Kosovare die vier Pistolen in den Zürichsee geworfen hatte, wurde er vom Bezirksgericht Uster zu einer bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen verurteilt. Grund der Verurteilung: Die vier Kilometer vom Wohnort zum Zürichsee wurden als unerlaubtes Tragen von Waffen beurteilt.

Nun hat das Obergericht den mittlerweile 29-Jährigen freigesprochen. Sein Anwalt hatte ein Urteil des Bundesgerichts aus dem Jahre 1991 ausgegraben. Damals hatte die Freundin eines mutmasslichen Drogenhändlers 70 Gramm Kokain vernichten wollen. Sie brachte die Drogen mit dem Auto weg und schüttete das Pulver in eine Dole. Das Bundesgericht befand, die Frau habe zwar Drogen transportiert, was eigentlich strafbar sei. Weil die Vernichtung der Drogen aber eine «sozial nützliche Tat» war, liege der Drogentransport innerhalb des erlaubten Risikos und sei nicht rechtswidrig.

Gleich argumentierte der Verteidiger des Kosovaren. Die Vernichtung von Waffen sei eine sozial nützliche Tat, was den kurzen Transport der Pistolen zum Zürichsee rechtfertige. Dem schloss sich das Obergericht in seinem Urteil an, nicht ohne den Hinweis anzubringen, dass damit keine Aufforderung verbunden sei, den Zürichsee jetzt mit Pistolen und Gewehren zu füllen.

40'000 Franken vom Staat

Der Freispruch hat finanzielle Konsequenzen. Für die 140 Tage Untersuchungshaft erhielt der 29-Jährige eine Genugtuung von 18'000 Franken. Der in dieser Zeit erlittene Lohnverlust des Mannes wurde mit gut 22'000 Franken entschädigt.

Die Staatsanwaltschaft will zuerst die schriftliche Begründung des Urteils studieren, ehe sie über eine Beschwerde ans Bundesgericht entscheidet. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.11.2012, 07:40 Uhr)

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