Zürich
Warum Zürcher Russen Einzelgänger sind
Von Mirko Plüss. Aktualisiert am 29.11.2011 18 Kommentare
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20 kirchliche Würdenträger und rund 500 Mitglieder der russisch-orthodoxen Kirche in Zürich begingen am Wochenende das 75. Jubiläum ihrer Kirche. Selten sieht man so viele in die Schweiz eingewanderte Russen auf einmal. Das erstaunt, denn die Anzahl Einwohner russischer Nationalität hat sich im Kanton Zürich in den letzten fünf Jahren beinahe verdoppelt. Sie stieg von 1311 im Jahr 2006 auf aktuell 1984 im Oktober 2011. Etwa 900 davon leben in der Stadt Zürich. Dafür gibt es in der ganzen Stadt kaum Hinweise: kein einziges russisches Restaurant, keine russische Bar.
Einzelgänger mit Partei-Phobie
«Die Russen sind anders als die italienischen oder portugiesischen Immigranten der Nachkriegsjahrzehnte», sagt Marianna Polischuk, die sich für den Verein Russisches Haus in der Schweiz seit einigen Jahren engagiert. «Sie haben oft keine Lust, sich in einem Verein zu organisieren. Dies ist wohl teilweise auch mit der russischen Vergangenheit zu erklären.» So hätten viele Russen wohl noch heute eine gewisse Partei-Phobie.
Das Russische Haus organisiert kulturelle Veranstaltungen und berät Exilrussen in verschiedenen Fragen wie beim Weiterbildungs- und Studienangebot, der Jobsuche oder dem Schulbesuch der Kinder. Marianna Polischuk empfindet ihre Landsleute als Einzelgänger. Wo man sich aber treffe und austausche, sei beim Bringen und Abholen der Kinder in den russischen Schulen.
Nicht sehr kontaktfreudig
Karl Eckstein ist der russische Honorarkonsul der Schweiz. Sein Büro liegt mitten in Zürich. Der Austausch unter den Exilrussen in Zürich sei nicht besonders gross, sagt er. «Die Russen haben eine ganz besondere Psychologie. Im Ausland meiden sie andere Russen oft, sie sind nicht sehr kontaktfreudig.» Trotzdem ist er überzeugt, dass eine russische Bar in Zürich ein Bombengeschäft wäre. «Jedoch wäre diese wohl mehr ein Treffpunkt für Touristen als für die hier Lebenden.»
Die Gründe, warum die Russen nach Zürich kommen, sind nach der Meinung des Wirtschaftsbotschafters sehr unterschiedlich. «In die Schweiz kommen vor allem gut ausgebildete Russen. Wissenschaftler, Informatiker und Künstler finden hier oft einfacher eine Arbeit als in ihrer Heimat.» Laut Eckstein spricht es für die Russen, dass sie in Zürich nicht besonders auffallen. «Viele Schweizer haben ein negatives Bild der Russen, oft richtet sich dieses aber gegen einen gewissen Typ von Touristen und nicht gegen die Menschen, die hier wohnen und arbeiten.»
«Die Russen kochen gerne Zuhause»
«Russkaja Schweizarija» ist das einzige russische Magazin der Schweiz. Das Blatt hat eine Auflage von mehr als 5000 Exemplaren und wird auch in Flügen von und nach Russland aufgelegt. Redaktorin Marina Karlin sagt, anders als etwa die «Wolgadeutschen» in Deutschland seien die Russen in der Schweiz noch nicht verwurzelt. «Meine Landsleute sind sehr sozial, aber sie kochen einfach zu gerne Zuhause.»
Sie teilt die Russen in drei Kategorien auf: Nachgezogene Ehepartner von Schweizer Männern und Frauen, Businessleute und Wissenschaftler. Hinzu kämen neu immer mehr Studenten, sagt Karlin. An der Zurich International School (ZIS) hat sich beispielsweise die Anzahl russischer Studenten innerhalb von drei Jahren von 10 auf 23 mehr als verdoppelt. Die Russen kämen vor allem wegen der guten Jobaussichten hierher, meint Karlin.
«Keine Kinder von Oligarchen»
Die grösste russische Schule in Zürich ist das Kinderzentrum Matrjoschka. Hier werden 250 Kinder betreut, vor 10 Jahren waren es noch 25. Die meisten kommen aus gemischten Familien, haben also nur einen russischen Elternteil. «Die Eltern, die hierher kommen, sind ganz normale Leute: Akademiker, Lehrer, Ärzte und Hausfrauen», betont die Betriebsleiterin Olga Alexandre. «Wir betreuen keine Kinder von Oligarchen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.11.2011, 12:08 Uhr
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