Zürich
Warum die Schwächsten drangsaliert werden
Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 12.07.2012 40 Kommentare
«Für viele ist das ‹L› ein Hinweis, dass vor einem jemand fährt, der stören kann»: Raphael Denis Huguenin, Verkehrspsychologe und Präsident des Schweizerischen Fahrlehrerverbandes. (Bild: PD)
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Gehen Ihnen Lernfahrende im städtischen Verkehr auf die Nerven?
Ja, die hindern mich am Vorwärtskommen.
Nein, ich verhalte mich stets tolerant, wenn ich ein «L» sehe.
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In der Stadt Zürich werde das Verhalten von Autofahrern gegenüber Lernfahrenden immer aggressiver, heisst es in einem heute erschienenen Artikel auf Tagesanzeiger.ch. Als Verkehrspsychologe und Präsident des Schweizerischen Fahrlehrerverbandes: Machen Sie ähnliche Erfahrungen?
Einerseits gibt es seit langer Zeit den Hinweis, dass im Strassenverkehr mehr gedrängelt wird, Rotlichter öfter überfahren werden, das Verhalten also allgemein aggressiver geworden ist. Andererseits gibt es immer weniger schwere Unfälle, bei denen Menschen getötet oder schwer verletzt werden. Dies ist ein Widerspruch. Was Lernfahrer betrifft, so stehen diese in der Wahrnehmung anderer oft im Weg oder fahren bei Rotlichtern langsam an. Auch höre ich von Fahrlehrern immer wieder, dass sie an blöden Stellen überholt werden. Von einer klaren Zunahme von aggressivem Verhalten gegenüber Fahrschülern höre ich aber zum ersten Mal.
Die Fahrlehrer beschreiben im Artikel, dass viele Autofahrer, wenn sie ein «L» am Wagen vor ihnen sehen, näher auffahren würden, damit oft auch Auffahrunfälle riskierten. Wenn sie privat – also ohne «L» – fahren, passiere dies weniger. Wie kann es sein, dass ein «L» Aggressionen auslöst?
Grundsätzlich hat das «L» ja eine Signalfunktion. Es soll anzeigen, dass man vorsichtiger und toleranter sein soll. Für viele ist es aber ein Hinweis, dass vor einem jemand fährt, der stören kann. Dies löst Frustration aus. Und diese führt psychologisch gesehen automatisch zu Aggression.
Aber alle Autofahrer waren ja einmal Anfänger. Da müsste man doch Verständnis haben.
Im Verkehr nimmt jeder eine Rolle ein, die sehr schnell gewechselt werden kann. Wenn Sie als Autofahrer unterwegs sind, nerven Sie sich über Fussgänger, die einfach bei Rot über die Strasse rennen. Wenn Sie dann aus ihrem Auto aussteigen und selbst als Fussgänger unterwegs sind, rennen Sie trotzdem bei Rot über die Strasse. Das Verhalten hat also immer mit der Rolle zu tun, die Sie einnehmen. Routinierte Autofahrer haben demnach andere Erwartungen an ihre Verkehrsteilnehmer als jene, die noch ganz am Anfang stehen. Hier fällt es schwer, sich in die Lernfahrenden hineinzufühlen, auch wenn man das irgendwann einmal selbst erlebt hat.
Was heisst «andere Erwartungen»?
Routinierte Autofahrer wollen so schnell wie möglich von A nach B kommen. Möglichst in der Zeit, die das Navigationsgerät angibt. Klappt das nicht, ist man frustriert. Hinzu kommt, dass unsere Strassen heute dichter befahren werden als je zuvor. Täglich sind in der Schweiz vier bis fünf Millionen Autos unterwegs. Dies führt natürlich auch zu Frustrationen, weil das Vorwärtskommen dadurch schwieriger wird.
Sollte man Fahrschüler weniger dem innerstädtischen Verkehr aussetzen, damit sie besser geschützt sind?
Nein, ein Fahrschüler muss ja lernen, wie er sich im Stadtverkehr verhalten muss. Dies ist ja auch Teil der Prüfung. Fahrlehrer machen ja einen klaren Aufbau. Man fängt auf einem Parkplatz an, geht über zu wenig befahrenen Strassen und schliesslich in die Stadt und auf die Autobahn. Ich denke, für die Sicherheit der Schüler ist es einfach am besten, wenn sie so oft wie möglich mit einem Fahrlehrer unterwegs sind. Einerseits kennt dieser sämtliche Situationen im Strassenverkehr und kann beruhigender auf den Anfänger einwirken, wenn einmal der Motor abstirbt, als ein Vater oder ein grosser Bruder. Zudem hat er ja ein Doppelpedal und kann in brenzligen Situationen die Kontrolle übernehmen.
Nur nützt das Doppelpedal nichts, wenn hinter einem ständig einer nahe auffährt.
Natürlich. Aber der Fahrlehrer hat ja die Möglichkeit, seine Route anzupassen. Er kann dem Schüler sagen, er solle mal rechts in eine Nebenstrasse abbiegen, bis der Auffahrer vorbei ist. Und dann die Fahrt wieder aufnehmen.
Sollte sich bestätigen, dass das Verhalten gegenüber Lernfahrenden aggressiver geworden ist: Welche Massnahmen wären sinnvoll?
Zum einen sollte man vielleicht vermehrt die Polizei beiziehen, wenn es zu ungebührlichem Verhalten kommt. Andererseits ist Aufklärung wichtig. Ich bin Vertreter der Fahrlehrer im Expertenrat des Fonds für Verkehrssicherheit und werde das Thema dort einbringen. Allerdings stehen auch dort nur begrenzte Mittel für Aufklärungskampagnen zur Verfügung und es ist immer eine Frage der Priorität. Mit Fahrschülern kommt es nur ganz selten zu schweren Unfällen. Nach wie vor sind überhöhte Geschwindigkeit, Alkohol am Steuer, Fussgänger oder nicht benutzte Gurte für die meisten schweren Unfälle verantwortlich.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.07.2012, 12:29 Uhr
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40 Kommentare
Also ich habe in der Stadt Zürich Anfangs 90er Jahre das Fahren gelernt. Klar bei der ersten Fahrstunde war ich nervös, aber mit einem guten Fahrlehrer ging recht zügig voran. Heute nach mehr als 20 jahren unfallfreies Fahren, respektiere ich immer noch den Mindestabstand, of Fahrschüler oder nicht. Und stören tun mich die "L" nicht, denn Jeder fing mal bei Null an, bitte vetgesst dies nicht. Antworten

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