Was Graf die Wiederwahl kostete

Eine Nachwahlbefragung des «Tages-Anzeigers» bringt Licht ins Dunkel des Wahlsonntags.

Karikatur: Felix Schaad

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Jetzt ist es klar. Der Fall des ­jugendlichen Straftäters «Carlos» hat die Abwahl des Justizdirektors entscheidend beeinflusst. Das zeigt die TA-Nachwahlbefragung. 2318 Personen haben an der Umfrage auf Tagesanzeiger.ch mitgemacht – ausschliesslich Leute, die an den Wahlen teilgenommen hatten. Durchgeführt hat die Befragung das Forschungsinstitut Sotomo. Es hat schon die im TA publizierte Vorwahlbefragung durchgeführt. Diese hatte das Wahlresultat fast exakt vorausgesagt. Einzig CVP-Kandidatin Silvia Steiner schnitt etwas besser ab, sie lag am Ende auf Platz fünf statt sechs, und FDP-Frau Carmen Walker Späh belegte entsprechend nur Rang sechs statt fünf.

Auch die Nachwahlbefragung ist nicht repräsentativ, wurde aber erneut nach ausgewählten Kriterien gewichtet. Sie zeigt, dass die Lager geschlossen waren, dass die Frauenfrage eine zentrale Rolle spielte und dass freisinnige Wähler die SVP-Kandidaten besser unterstützten als umgekehrt.

Martin Graf (Grüne)

Der grüne Justizdirektor Martin Graf war für die bürgerlichen Wähler ein rotes Tuch, und er konnte nicht vom Bisherigen-Bonus profitieren. Nur jeder zehnte SVP-Wähler und nur knapp jeder fünfte FDP-Wähler gab ihm die Stimme. Mario Fehr (SP) hat bei FDP und SVP dreimal mehr Stimmen gemacht. Für die Gegner von Graf war der Fall «Carlos» entscheidend. Fast jeder Zweite beurteilt den Einfluss der Affäre auf die Wahlen als hoch bis sehr hoch und gab als einen Grund für die Nichtwahl Grafs Amtsführung an. Laut dem Befragungsteam sind die schärfsten Kritiker von Grafs Umgang mit dem Fall «Carlos» Bürgerliche, die dem Justizdirektor bereits skeptisch gegenüberstanden. Die These, Graf habe viele Kritiker im linken Lager, lässt sich nicht bestätigen. Der FDP-Wahlsieg verstärkte den Effekt der fehlenden bürgerlichen Stimmen weiter, da das Lager anteilsmässig gewachsen ist. Zudem profitierten seine direkten Konkurrentinnen um den letzten Sitz in der Regierung vom Wählerwunsch einer besseren Frauenvertretung in der Regierung.

Silvia Steiner (CVP)

Silvia Steiner war im Vorfeld die Zitterkandidatin schlechthin. Sie galt als un­bekannt und hatte als CVP-Kandidatin nur eine kleine Parteibasis. Steiner profitierte vom gut funktionierenden «Top 5»-Bündnis: Bürgerliche wählten diszipliniert Bürgerliche. Für rund 40 Prozent ihrer Wählerinnen und Wähler spielte die Kompetenz und das Profil der Staatsanwältin eine Rolle. Mehr als jeder Zehnte gab zudem an, dass das Geschlecht beim Wahlentscheid wichtig war. Vor den Wahlen war Steiner Ziel einer Negativkampagne von Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli gewesen. Die Aktion hatte auf ihre Wahl kaum Einfluss. Sie schadete jedenfalls nicht: Steiners Wähler beurteilten die Bedeutung der Kampagne deutlich höher als ihre Nichtwähler.

Carmen Walker Späh (FDP)

Die FDP-Kandidatin Carmen Walker Späh hat viel zum Wahlkrimi vom letzten Sonntag beigetragen. Trotz Wahlsieg der FDP musste sie lange zittern. Ein Grund dafür liegt wohl in ihrer unterdurchschnittlichen Unterstützung durch die FDP-Wähler. Während die anderen Topkandidaten bei ihren Parteien weit über 90 Prozent der Stimmen holten – Thomas Heiniger (FDP) zum Beispiel 97  Prozent –, musste sie sich mit 86 Prozent begnügen. Schon bei der Nomination zur Regierungsratskandidatin war Walker Späh parteiintern umstritten. An der Delegiertenversammlung setzte sie sich nur knapp gegen Fraktionspräsident Thomas Vogel durch.

Ernst Stocker (SVP)

Bronze ging bei den Wahlen an Ernst Stocker (SVP). Er distanzierte seinen Parteikollegen Markus Kägi um rund 8500 Stimmen. Stocker genoss im linken Lager und vor allem bei der GLP etwas mehr Sympathie als Kägi, was den Unterschied wohl ausgemacht hat. Bei den Grünen erzielte der Landwirt aus Wädenswil sogar das zweitbeste Resultat der bürgerlichen Kandidaten und doppelt so viele Stimmen wie Kägi.

Mario Fehr (SP)

Ausgezeichnet schnitt Sicherheitsdirektor Mario Fehr ab. Er musste sich nur dem Freisinnigen Thomas Heiniger geschlagen geben. Für einen Sozialdemokraten ist dieses Wahlresultat ungewöhnlich gut. Zum Glanzresultat haben Fehr in erster Linie die Bürgerlichen verholfen. Bei den CVP-Wählern machte ­neben CVP-Frau Silvia Steiner kein Kandidat mehr Stimmen als Fehr, und bei den FDP-Wählern stand er auf der Hälfte aller Wahlzettel. Selbst jeder fünfte ­SVPler wählte ihn. Die Nähe zu den Bürgerlichen wirkte sich für Polizeifreund Fehr allerdings negativ auf die Akzeptanz bei der Linken aus – wenn auch nicht besonders stark. In der eigenen Partei erhielt er immer noch 94 Prozent der Stimmen, doch das ist unterdurchschnittlich. Überraschend viele Stimmen machte Fehr bei den Grünen, sogar mehr als Parteikollegin Jacqueline Fehr, die als pointierte Linke gilt.

Jacqueline Fehr (SP)

Bei der Winterthurer Nationalrätin ergab die Nachwahlbefragung, dass ihr ausgeprägt linkes Profil das Hauptargument für die Wahl war. Allerdings sagten auch jene, die Fehr nicht wählten, ihr Profil habe den Ausschlag für die Nichtwahl gegeben. Die Wählerinnen und Wähler von Jacqueline Fehr schätzten zudem ihre Kompetenz überdurchschnittlich hoch ein. Von den drei neu gewählten Frauen im Regierungsrat polarisierte Fehr am meisten. Das hängt laut Befragungsteam unter anderem mit dem sehr hohen Bekanntheitsgrad der Ex-Bundesratskandidatin zusammen. Trotz ihres linken Profils machte Fehr auch beträchtlich Stimmen im bürgerlichen Lager. So stand ihr Name auf jedem dritten freisinnigen Wahlzettel, und bei den CVP-Wählern war sie gar beliebter als FDP-Frau Carmen Walker Späh.

Markus Kägi (SVP)

Baudirektor Markus Kägi ist jener Kandidat, der in der eigenen Partei am beliebtesten ist. Er machte in der SVP 98 Prozent aller Stimmen und hat seine Wahl demnach vor allem seiner Stammwählerschaft zu verdanken. Von den ­gewählten bisherigen Regierungsräten holte Kägi klar am wenigsten Stimmen in anderen Parteien. Bei SP und Grünen war er von den acht aussichtsreichsten Kandidaten klar am unbeliebtesten und machte weniger als 10 Prozent der Stimmen. Auch bei der GLP konnte Bau­direktor Kägi nicht landen und machte 10 Prozent weniger Stimmen als Parteikollege Ernst Stocker.

Thomas Heiniger (FDP)

Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger ist der am besten gewählte Regierungsrat. Bei den Freisinnigen kam er klar besser an als Parteikollegin Walker Späh. Heiniger holte sich aber auch in ­allen anderen Parteien viele Stimmen, insbesondere bei der CVP und bei den Grünliberalen, wo er auf fast 80 Prozent der Zettel stand. Auch bei der linken Wählerschaft hatte Heiniger, der in den letzten Jahren mit einer nicht sonderlich sparsamen Gesundheitspolitik aufgefallen ist, einigen Support. Auf jedem dritten Wahlzettel war er hier aufgeführt.

Die drei Chancenlosen

Einen Achtungserfolg erreichte AL-Kandidat Markus Bischoff. Das Befragungsteam erklärt sein gutes Resultat damit, dass die Linke ähnlich wie die Bürgerlichen diszipliniert wählte. Fast ein Drittel der SP-Wählerinnen unterstützte ausschliesslich das linke Quartett mit den beiden Fehrs, Graf und Bischoff. Bei Nik Gugger (EVP) und Marcel Lenggenhager (BDP) ergab die Nachwahlbefragung, dass sie nicht nur von den anderen Parteien wenig Stimmen erhielten, sondern auch von den Wählerinnen und Wählern der eigenen Partei klar am wenigsten unterstützt wurden. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.04.2015, 23:02 Uhr)

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