Porträt

Was der SP-Junior auf dem Tahrir-Platz macht

Auf der Liste der Zürcher SP kandidiert Patrick Angele: Ein Jungpolitiker, der den Reichtum umverteilen und die Aussenpolitik der Schweiz umkrempeln will.

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Als wir uns am Telefon sprechen, hält sich Patrick Angele in Ägypten auf – am Ort, wo sechs Monate zuvor Tausende zusammenkamen, um für politische Mitbestimmung und gegen ein korruptes Regime zu protestieren. Angele sympathisiert mit den Zielen der arabischen Revolution: Deshalb unternahm der SP-Jungpolitiker in seinen Sommerferien eine Reise in den Nahen Osten. Sein Weg führte ihn nach Israel und Jordanien, in die palästinensischen Gebiete und auf den Tahrir-Platz in Kairo.

Angele erzählt, wie er mit den ägyptischen Jugendlichen über die Ereignisse gesprochen hat – über ihre Ungewissheit darüber, wie sich die Militärs in Zukunft verhalten werden, und über ihre Hoffnung auf Veränderung. Seit dem Sturz von Hosni Mubarak gebe es weniger Korruption im Schulwesen, weiss Angele von den Berichten der Aktivisten. Seine Freundin, die ein Jahr in Kairo gelebt hat, hat dem SP-Nationalratskandidaten bei der Verständigung mit der Lokalbevölkerung geholfen.

Über die Strasse ins Parlament

Von der Schweiz fordert Angele mehr Engagement für die Demokratiebewegungen im Nahen Osten. «Die Schweiz könnte in Benghazi technische Hilfe leisten», sagt er. Militärische Hilfe kommt für das GSoA-Vorstandsmitglied nicht infrage – Angele ist gegen den Export von Kriegsmaterial, auch wenn die entsprechende Volksinitiative vom Schweizer Volk vor zwei Jahren wuchtig verworfen wurde. Von kriegerischen Konfliktlösungen hält der Jungpolitiker wenig: Bereits im Jahr 2003, als die USA zum Angriff auf den Irak ansetzten, zog der damals 16-Jährige nach Bern auf die Strasse.

An den dortigen Demonstrationen traf er auf andere Menschen, die wie er den amerikanischen Feldzug ablehnten. Angele trat daraufhin der Juso bei. Wenig später half er selbst, Kampagnen zu führen: Für den Schutz vor Waffengewalt, gegen neue Kampfflugzeuge und für die Aufhebung der Wehrpflicht. Währenddessen eroberte er sich einen Sitz im Dübendorfer Gemeindeparlament und feierte einige kleine Erfolge auf lokaler Ebene: Dank seinem Einsatz hat der Bahnhof Stettbach nun ein Dach, erzählt der Jungpolitiker nicht ohne Stolz.

Patrick Angele, haben Sie ein persönliches Vorbild in der Politik?
Ich bewundere Jacqueline Fehr. Sie hat eine klare politische Vision, ist aber trotzdem kompromissfähig. Zum Beispiel bei der Einführung der Mutterschaftsversicherung hat sie eine tragende Rolle gespielt.

Was unterscheidet Sie von Ihren älteren Parteikollegen?
Ich bin jung, gut vernetzt und kann den Druck von der Strasse ins Parlament bringen. Das ist etwas, was unsere Partei in den letzten Jahren etwas verlernt hat.

Was stört Sie am meisten in der Schweizer Politik?
Die Langsamkeit. Oft geht es Jahre, bis Initiativen umgesetzt werden, gute Vorschläge werden vielfach verschleppt.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welches Gesetz würden Sie einführen?
Das Vermögen in der Schweiz ist extrem ungleich verteilt. Ich würde deshalb eine Reichtumssteuer einführen.

Welches Gesetz würden Sie abschaffen?
Die allgemeine Wehrpflicht: Militär- und Zivildienst wären dann freiwillig.

In jüngerer Zeit setzt Angele seine politischen Akzente stärker bei innenpolitischen Themen. Auf seiner Webseite beklagt er die Macht der Banken, wettert gegen «Abzocker» und prangert Ungleichheiten an. Auch beruflich hat der gelernte Masseur eine Veränderung vollzogen: Seit Anfang Jahr ist Angele vollzeitlich als Gewerkschaftssekretär bei der Unia tätig.

Wächst mit Patrick Angele ein Linker heran, wie er im Buche steht? SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr bescheinigt dem Jungpolitiker jedenfalls grosses Organisationstalent und Ausstrahlungskraft. Für Jugendliche sei er eine positive Identifikationsfigur, sagt sie: «Wer Patrick Angele begegnet, der erlebt Politik nicht als etwas Schweres oder Leidendes – so wie es bei der Linken sonst manchmal den Anschein hat.»

In Lauerstellung

Dem SP-Junior rät sie, auch nach Misserfolgen den Kopf nicht in den Sand zu stecken – ein Ratschlag, dem sich auch Patrick Walder anschliessen kann. Der Vizepräsident der Zürcher JSVP, der Angele von der Arbeit im Dübendorfer Gemeinderat kennt, würdigt ihn als verständigen Sachpolitiker mit einem Faible für nationale Themen und geringerer Dossiersicherheit bei lokalen Angelegenheiten. Einen kleinen Seitenhieb kann er sich nicht verkneifen: Walder weist darauf hin, dass Angele bei den letzten Nationalratswahlen in der Endabrechnung einige Listenplätze verloren habe.

Ob sich diese Geschichte wiederholt oder nicht: Für Patrick Angele könnte es bei den Nationalratswahlen knapp werden. Der Jungpolitiker startet bei der SP vom achten Listenplatz aus. Zu vergeben sind jedoch nur sieben SP-Sitze – es sei denn, die Partei würde im Herbst an Wähleranteilen hinzugewinnen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2011, 11:35 Uhr

Serie: Polit-Nachwuchs

Im Oktober 2011 sind eidgenössische Wahlen. Tagesanzeiger.ch stellt die «Frischlinge» vor, die sich für die Zürcher Nationalratsparteien zur Wahl stellen. Für die Porträts ausgewählt wurden die Nachwuchspolitikerinnen und -politiker unter 30 Jahren, die auf den Wahllisten der sieben Parteien den höchsten Platz besetzen. Als vierten Jungpolitiker porträtieren wir den SP-Kandidaten Patrick Angele.

Bereits erschienen:
Stefanie Huber (GLP)
Anita Borer (SVP)
Miriam Roser (EVP)

Patrick Angele

Der 24-jährige Dübendorfer war von 2007 bis 2010 Stellvertreter der Jungsozialisten in der Geschäftsleitung der SP Schweiz und ist seit 2010 Mitglied der Geschäftsleitung der SP Zürich. Angele engagierte sich als politischer Sektretär bei der GSoA und wurde 2006 in den Gemeinderat von Dübendorf gewählt. Er arbeitet als Gewerkschaftssekretär bei der Gewerkschaft Unia. Auf der SP-Liste für die Nationalratswahlen figuriert er auf Platz 8.

Für Umweltschutz, Sozialstaat, offene Grenzen und liberale Werte: Patrick Angeles politisches Profil. (Bild: smartvote.ch)

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