Zürich
«Wenn das so weitergeht, wird Zürich zum Vorort von Glatttal-City»
Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 23.02.2012 165 Kommentare
Umfrage
717 Parkplätze wurden in der Stadt oberirdisch abgebaut. Ist die städtische Politik hierzu richtig?
Ja, das Auto in der Stadt zu benützen, soll möglichst unattraktiv sein.
Nein, genug ist genug. Autofahrer müssen bei der Verkehrsplanung mehr berücksichtigt werden.
1228 Stimmen
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- «Eine Parkkarte ist kein Parkplatz»
- Breite Front gegen den historischen Kompromiss
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717 Parkplätze sind laut einem Bericht der NZZ in Zürich abgebaut worden. Laut der Parkplatzverordnung gibt es keinen Anspruch auf einen Parkplatz auf öffentlichem Grund. Private sollen danach «ihr Parkplatzbedürfnis auf privatem Grund bedienen». Warum wird dies nicht als öffentliches Interesse gewertet?
Grundsätzlich ist die Aussage der Stadt völlig absurd: Gerade mit der neuen Parkplatzverordnung, aber auch mit ihren Vorgaben beim gemeinnützigen Wohnungsbau schränkt die Stadt die Möglichkeiten Privater beim Bau von Parkplätzen stark ein. Man muss zudem klar unterscheiden zwischen Parkplätzen für Anwohner in Wohngebieten und solchen fürs Gewerbe oder dessen Kunden. Der untere Mittelstand lebt teilweise in sehr dicht bebauten Gebieten und ist oft darauf angewiesen, sein Auto auf der Strasse abstellen zu können. In privilegierten Gebieten dagegen haben die Bewohner meist weniger Probleme, eine Garage oder einen Parkplatz auf eigenem Grund zu nützen. Diese Parkplätze liegen also im Interesse der Anwohner. Gewerbeorientierte Parkplätze dagegen liegen klar im öffentlichen Interesse. Stehen diese nicht zur Verfügung, wandert das Gewerbe ab und die Stadt stirbt aus.
Ist dies also eine Grundlage, die sozial Schwächere benachteiligt?
Ja, das ist durchaus so. Wer Geld hat, wird sich immer einen Parkplatz leisten können. Aber hier macht die Stadtregierung einfach einen Denkfehler. Individuelle Mobilität wird es immer geben, vielleicht auch bald schadstofffrei. Die Stadt argumentiert oft damit, dass gut 40 Prozent der Haushalte kein Auto besitzen. Sie vergisst aber, dass dies auch heisst, dass knapp 60 Prozent eben eines haben und auch wollen. Mit der angestrebten Verdichtung wächst die Bevölkerung zudem laufend, und gleichzeitig baut die Stadt Parkplätze ab.
Also eine Form von Selbstbetrug?
Was heute passiert, ist, dass viele Parkplätze in dicht bewohnten Gebieten abgebaut werden und dafür ein paar kostenpflichtige Parkplätze in einem zentral gelegenen Parkhaus, beispielsweise bei einer grösseren Migros, entstehen. Das mag der Migros etwas bringen, die Anwohner haben aber nichts davon, wenn sie einen längeren Fussmarsch in Kauf nehmen müssen, bis sie zu ihrem Auto kommen. Hier müsste die Stadt schon auch eine Politik für ihre Bewohner machen. Dies ist aber nicht das Einzige, was mir Sorgen macht.
Wie meinen Sie das?
Im Glatttal entsteht zurzeit eine Art Zürcher Silicon Valley. Ohne wesentliches Standortmarketing hat man es geschafft, dass sich in einem Jahr 900 Firmen ansiedelten, insbesondere auch IT-Firmen. Zentrales Argument: Die verkehrstechnische Erreichbarkeit ist ideal. In der Stadt hat man eine teure Kampagne gestartet, um genau solche Firmen anzuziehen – dabei müsste man nur günstige Rahmenbedingungen schaffen. Die Verkehrspolitik macht die Stadt für Unternehmen unattraktiv. Wenn das so weitergeht, wird Zürich zum Vorort von Glatttal-City und Limmattal-City. Hier wollen zu viele den Komfort einer Stadt mit den Vorzügen ländlicher Gebiete verbinden. Das kann auf lange Zeit nicht gut gehen.
Zurück zum öffentlichen Interesse. Wenn man schon Parkplätze nicht als solches deklariert, warum baut man dann im Hafen Enge keinen Sandstrand und sagt den Bootsbesitzern, sie sollen doch einen privaten Lageplatz finden?
Das ist jetzt sehr weit hergeholt. Wenn man diesen Gedanken weiterspinnt, müsste man auch fordern, die Benützer des öffentlichen Verkehrs sollen diesen vollständig selbst bezahlen. Heute bezahlen sie ja nur etwa 50 Prozent der entstehenden Kosten. Dies will aber niemand. Es ist wichtig, ein attraktives ÖV-Netz anzubieten, aber es muss wieder ein gleichwertiges Nebeneinander entstehen. Man kann die Situation für den Privatverkehr nicht ohne Konsequenzen ständig verschlechtern.
Welche Konsequenzen sehen Sie denn sonst noch?
Ein Beispiel: Alle beklagen dauernd das Lädelisterben. Aber gerade für kleine Läden ist es ungemein wichtig, dass Kunden ein paar Parkmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe zu ihrem Geschäft haben. Viele dieser Parkplätze sind verschwunden. Kleinere Läden gehen ein, weil ihnen deswegen die Kunden ausgehen. Stattdessen fahren die Stadtzürcher viel weiter – nämlich in die boomenden Einkaufsparadiese vor den Stadttoren. Ökologischer ist das nicht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.02.2012, 12:39 Uhr
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165 Kommentare
M. Bourgeois hat recht, aber in meinem Fall kommt seine Einsicht zu spät. Ich habe schon vor 6 Jahren die Konsequenzen gezogen und gebe mein Geld ganz bewusst nur noch ausserhalb der Stadt aus. Da gibt es genügend Restaurants und Läden. Mit Parkplatz. Es funktioniert bestens, ich kann allen nur empfehlen, ein Zeichen zu setzen und dasselbe zu tun. Antworten
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